Champions League

BVB-Profi Jadon Sancho: Hoffnungsträger oder Sorgenkind?

BVB-Star Jadon Sancho hält sich die Hand vor sein Gesicht.

BVB-Star Jadon Sancho hält sich die Hand vor sein Gesicht.

Foto: firo

Mailand.  Gespannt schauen beim BVB die Verantwortlichen vor dem Champions-League-Spiel in Mailand nach dessen Suspendierung auf Jungprofi Jadon Sancho.

Die Fans riefen wie immer seinen Namen, sie kreischten und reckten ihm ihre Stifte, Autogrammkarten und Handys entgegen. Doch Jadon Sancho hielt sich ganz rechts, direkt an den Gepäckaufgabeschaltern und möglichst weit weg von jenem Absperrband, das die Spieler von Borussia Dortmund von ihren Anhängern trennte.

Lauftraining im Regen statt Bundesliga-Einsatz

Das war deswegen erwähnenswert, weil es ganz und gar untypisch ist für den jungen Engländer. Normalerweise setzt der 19-Jährige geduldig sein Autogramm auf jedes Stück Papier und jedes Trikot, das ihm vorgehalten wird, immer ein Lächeln auf den Lippen.

Am Dienstagmorgen aber, als sich der BVB aufmachte zum Champions-League-Spiel bei Inter Mailand am Mittwochabend (21 Uhr/Sky), gab es weder ein Lächeln noch Unterschriften. Vielleicht schlug Sancho ja noch die Suspendierung auf die Laune, die der Klub für das zurückliegende Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach verhängt hatte. Weil er erheblich zu spät von seiner Länderspielreise mit der englischen Nationalmannschaft zurückgekehrt war, hatte der Offensivspieler nicht mitwirken können beim 1:0-Sieg gegen den Tabellenführer. Stattdessen musste er mit einem Athletiktrainer im strömenden Regen ein Lauftraining absolvieren.

Vielleicht wollte Sancho aber auch, dass die leichte Schwellung an seinem linken Auge unbemerkt blieb. Woher diese rührte, war am Dienstag nicht zu ergründen, aber – so beeilten sie sich beim BVB zu versichern – mit der Suspendierung und dem jüngsten Wirbel habe das nichts zu tun.

Alle Augen auf Jadon Sancho

So oder so: Es lastete mal wieder einige Aufmerksamkeit auf den Schultern des 19-Jährigen. In Mailand dürfte er eine Hauptrolle spielen, erst recht, da Kapitän Marco Reus nach einem grippalen Infekt noch angeschlagen ist und ausfällt. Und schon beim Abflug richteten sich alle Augen auf Sancho, nicht unbedingt zur Freude der Verantwortlichen. „Das werden wir sehen“, antwortete Sportdirektor Michael Zorc recht schmallippig auf die Frage, wie sich denn der Engländer wieder in die Mannschaft eingefügt habe.

Testet Sancho in Dortmund die Grenzen aus?

Seit Samstag bemüht sich Zorc, das Thema zu beenden. „Jadon ist eigentlich ein anständiger und guter Junge, ich mag ihn. Aber er ist natürlich noch sehr, sehr jung, da geht es auch um das Lernen von absolut professionellem Verhalten“, hatte der Sportdirektor da gesagt. „Er ist sehr schnell groß geworden und testet ab und zu vielleicht auch die Grenzen aus – und dann sind wir dafür da, dann auch die Grenzen wieder zu setzen.“

Favre wiegelt ab

„Heute ist ein anderer Tag“, meinte Trainer Lucien Favre zum Thema. „Am Samstag war er nicht dabei, jetzt ist er es wieder, und wir wollen nicht mehr darüber sprechen.“ Am ausführlichsten wurde noch Mitspieler Julian Weigl: „Das war eine Sache, die wir intern geregelt haben, der Umgang mit ihm war ganz normal“, erzählte der. „Es hat ihn mit Sicherheit geärgert, dass er am Samstag nicht nominiert war, aber er war am nächsten Tag im Training ganz normal und hat Gas gegeben. Das erwarten wir auch von ihm.“

Sportlich scheint Sancho unverzichtbar

Fall erledigt? Das wissen sie beim BVB ja selbst nicht so recht. Gespannt warten sie darauf, wie sich ihr Jungstar nun im ersten Spiel nach der Suspendierung präsentiert. Denn klar ist: Sancho bleibt trotz seiner gerade einmal 19 Jahre ein Eckpfeiler der Dortmunder Mannschaft. Mit seinem Antritt, mit seinen schnellen Dribblings und überraschenden Haken kann er jede Abwehr-Mauer dieser Welt zum Bröckeln bringen.

In der laufenden Saison hat er in elf Pflichtspielen bislang vier Tore geschossen und sieben weitere vorbereitet, gleich für zwei prestigeträchtige Nachwuchs-Awards ist der Angreifer nominiert. Kurz: Sportlich ist er unverzichtbar. Aber in Dortmund erinnert man sich nur zu gut an zwei andere Spieler, für die dieses Attribut galt, und die ihre Ausnahmestellung dazu nutzten, dem Klub gehörig auf der Nase herumzutanzen. Ousmane Dembélé erstreikte sich seinen Wechsel zum FC Barcelona, Pierre-Emerick Aubameyang nervte mit Disziplinlosigkeiten, bis er an den FC Arsenal verkauft wurde. Die Abgänge wurden dem BVB mit insgesamt über 200 Millionen Euro versüßt – die turbulenten Wochen zuvor aber rissen in der Mannschaft tiefe Gräben.

Bei Sancho gilt als gesichert, dass er die nächste dreistellige Millionensumme einbringt, vermutlich schon im kommenden Sommer. Bislang gab es keinerlei Anzeichen, dass sein Abgang von ähnlich unschönen Störgeräuschen begleitet wird. Die Dienstreise nach Mailand könnte die ersten Anhaltspunkte liefern, ob es dabei bleibt.

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