Borussia Dortmund

Als die BVB-Profis schon einmal auf Gehalt verzichteten

Retter in der Not: BVB-Torhüter Roman Weidenfeller hält gegen Stuttgarts Christian Tiffert. Christian Wörns und Sebastian Kehl (dahinter) sehen zu.

Retter in der Not: BVB-Torhüter Roman Weidenfeller hält gegen Stuttgarts Christian Tiffert. Christian Wörns und Sebastian Kehl (dahinter) sehen zu.

Foto: imago / credit /honorarfrei

Dortmund.  Schon zweimal trugen die BVB-Profis mit einem Gehaltsverzicht zur Rettung des Klubs bei. Die Torhüter Rynio und Weidenfeller erinnern sich.

Natürlich, dieses Mal war es gespenstischer. Als sich die Klubführung von Borussia Dortmund um Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zu Beginn der Woche mit Spielern traf, um über einen Gehaltsverzicht zu sprechen, waren strenge Sicherheitsvorkehrungen nötig: In kleinen Gruppen traf man sich im Presseraum des Stadions – wo man weit auseinander sitzen kann, und sich dennoch gut versteht. Die Corona-Pandemie erfordert besondere Maßnahmen.

Die brauchte es natürlich nicht, damals in den Jahren 1974 und 2003. Als der BVB schon einmal in finanziellen Nöten war und die Spieler durch einen Gehaltsverzicht halfen, diese Not zu lindern. „Ich wollte nicht, dass die Borussia von der Bildfläche verschwand“, sagt Jürgen Rynio, der in den 70er-Jahren dabei war, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Undenkbar“ sei dieses Szenario, meint Roman Weidenfeller, 2003 Teil der Mannschaft.

Die beiden Torhüter haben ähnliches erlebt wie die aktuellen Profis – und doch war vieles ganz anders. Dieses Mal nämlich lief der Gehaltsverzicht fast geräuschlos ab: Am Montag stellte die Klubführung den Profis ihren Plan vor, am Dienstag stimmten die Spieler zu. 20 Prozent weniger bekommen sie, wenn die Saison ganz abgebrochen wird, zehn Prozent weniger, wenn sie mit Geisterspielen zu Ende geht.

Sogar Schalke half dem BVB

1974 dagegen setzte der neue Präsident Heinz Günther, ein Bergwerksdirektor, deutlich stärker auf Zwang: Der Wiederaufstieg aus der zweitklassigen Regionalliga West in die Bundesliga war verpasst worden, es fehlten 1,3 Millionen Mark. Die Stadt half, Unternehmen ebenfalls, sogar der Erzrivale Schalke sollte noch zum Benefizspiel im neugebauten Westfalenstadion antreten – und von den Spielern wurde ein Beitrag gefordert. „Wir waren in ein Hotel bestellt“, erzählt Rynio, der am 1. April 72 Jahre alt wird und heute Inhaber eines Heims für geistig und körperlich Behinderte in Bergen bei Celle ist.

„Jeder musste dann einzeln ins Zimmer, wo Herr Günther wartete, der von allen einen Gehaltsverzicht forderte.“ Sonst würden eben die Verträge nicht verlängert. Rynio, dessen jährliches Bruttogehalt bei rund 100.000 Mark lag, verzichtete auf etwa 30.000 Mark. Einige Kollegen sträubten sich, wurden ausgegrenzt und nicht mehr aufgestellt.

Hitzige Diskussionen über den Gehaltsverzicht

Auch 2003 entbrannten hitzige Diskussionen. Drei Jahre zuvor hatte der BVB beim Börsengang 130 Millionen Euro eingenommen. Als die Profis nun kürzertreten sollten, fragten sie zu Recht, wo das viele Geld geblieben war. „Das war für alle Spieler schwer zu verstehen“, sagt Weidenfeller, der heute als Repräsentant für den Klub arbeitet und seine Worte daher diplomatisch wählt.

Er war gerade erst als junger Torhüter vom 1. FC Kaiserslautern gekommen, wie allen Kollegen und auch dem Umfeld des Klubs war ihm damals noch nicht klar, wie rasant die Klubführung um Präsident Gerd Niebaum die Millionen ausgegeben hatte. Entsprechend sträubten sich viele Spieler. „Wenn meine Karriere beendet ist, finde ich als Ungelernter in Brasilien sowieso keinen anderen Job mehr“, erklärte Linksverteidiger Dede damals der Sport-Bild. „Also muss ich jetzt so viel verdienen, dass wir alle – meine Verwandten und ich – bis zu unserem Lebensende davon zehren können. Da kann ich nicht einfach zustimmen, wenn ich 20 Prozent weniger bekommen soll.“

„Uns war klar, wie wichtig der Fußball in der Region ist“

Erst nach und nach wuchs die Erkenntnis, wie sehr der Klub in seiner Existenz bedroht war, dass die Pleite nicht nur ein theoretisches Konstrukt war. „Das hätte auch bedeutet, dass der Spielbetrieb von heute auf morgen eingestellt worden wäre“, meint Weidenfeller. „Das wollten wir unbedingt verhindern.“ Und so ließen sich die Spieler doch ein auf jenes Modell, dass Manager Michael Meier ihnen vorgeschlagen hatte und nach dem 20 Prozent der Fixgehälter in erfolgsabhängige Prämien umgewandelt werden sollten.

„Auch wenn ich damals noch nicht lange ein Teil von Borussia Dortmund war, war uns Spielern klar, wie wichtig der Fußball in dieser Region ist“, erinnert sich der heute 39-jährige Weidenfeller. „Kohleförderung war immer stärker weggebrochen, Stahlproduktion gab es nicht mehr viel, die Bierproduktion wurde auch immer weniger – und der Fußball war das einzige, was geblieben war und den Menschen Halt gab. Deswegen war es wichtig, mit allen Möglichkeiten den Verein zu erhalten.“

Appell an die Profis von heute

Das gelang nach vielen Anstrengungen, auch dank des Beitrags der Profis. „Es ist doch großartig zu sehen, was aus dem Verein entstanden ist, was sich aus dieser Solidarität entwickelt hat und wie später alle Beteiligten – Fans, Verantwortliche und Spieler – den Klub zurück in die europäische Spitze gebracht haben“, freut sich der damalige Torhüter. Empfehlungen für die Spieler von heute mag er aber nicht aussprechen – das übernimmt Rynio: „Die Profis in der heutigen Zeit stecken so voller Geld, profitieren vom jahrelangen Boom, es müsste für sie leicht und selbstverständlich sein, auf etwas Geld zu verzichten.“

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