Amateurfußball

Amateur-Liebe: Warum Großkreutz, Sahin und Metzelder ihren Klubs helfen

Kevin Großkreutz (2. v. r.) schreit auf der Bank in Kemminghausen. Reza Hassani (2. v. l.) auch

Kevin Großkreutz (2. v. r.) schreit auf der Bank in Kemminghausen. Reza Hassani (2. v. l.) auch

Dortmund.  Während über abgehobene Stars geklagt wird, helfen einige ihren Heimatklubs. Wie Großkreutz, Sahin und Metzelder. Was suchen die da?

Man muss schon hoch in den Dortmunder Norden reisen, um den Fußballplatz des VfL Kemminghausen zu finden. Ein Idyll für Amateure. Der Kunstrasen verzückt in Grün. Im Vereinsheim trennt nur eine Metalltür die Kabinen vom Tresen. Kaffee gibt’s in braunen Plastikbechern, das Bier wird kühl gezapft. In der Küche brutzeln Bratwürstchen. Wasser? „Ham wa nich.“

Zwei Bilder erinnern an die größten Erfolge der jüngeren Vereinshistorie. Aufstieg in die Bezirksliga 2014. Aufstieg in die Landesliga 2015.

Kevin Großkreutz plante damals schon mit. Jetzt hockt er in einem Nebenraum auf einem klapprigen Stuhl und diskutiert über die Entwicklung der ersten Mannschaft, die Perspektiven, die Taktik. Während sich im Hintergrund Trikots, Hosen und Stutzen stapeln. Der Weltmeister, Deutsche Meister, Pokalsieger, der immer noch in der 3. Liga beim KFC Uerdingen gutes Geld verdient, trainiert nun gemeinsam mit Reza Hassani die Landesliga-Elf. Am Sonntag müssen sie am letzten Spieltag der Amateure den Abstieg verhindern.

Wozu der Stress? „Das ist mein Verein“, sagt Großkreutz. Als wäre es etwas ganz normales, dass ein hochbezahlter Fußballer zwischen Trikots und Stutzen über Gegner wie den SC Obersprockhövel philosophiert.

Geklagt wird bei den Amateurvereinen viel

Gerade jetzt, wo viel über den tiefen Graben zwischen Profis und Amateuren geklagt wird. „Denen da oben“, heißt es, gehe es nur darum, noch mehr Geld zu scheffeln. Während sich der Großteil der mehr als 25.000 Fußballvereine in Deutschland mit Finanzproblemen plagt, verzweifelt nach Ehrenamtlern sucht und häufig das Gefühl hat, vom Deutschen Fußball-Bund im Stich gelassen zu werden. Aber es gibt eben auch Profis, die zumindest im Kleinen beide Welten zusammenführen. Großkreutz. Auch Christoph Metzelder. Oder Nuri Sahin. Was suchen die da?

„Die Liebe zu diesem Spiel hört ja nicht auf, nur weil ich nicht mehr in den großen Arenen spiele“, antwortet Metzelder. Deswegen analysiert er samstags im Sky-Studio die Bundesliga, steht er sonntags aber schon wieder auf dem Fußballplatz des TuS Haltern. Er ist erster Vorsitzender, leitet auch noch die U19. „Ich bin wahrscheinlich selber der größte Fan dieses Vereins“, sagt der 38-Jährige.

Ähnlich klingt das auch bei Sahin, der wie Metzelder bei Real Madrid unter Vertrag stand, beim BVB als Legende gilt, nun bei Werder Bremen im Kader steht. Hat er am Wochenende frei, braust er trotzdem zum RSV Meinerzhagen. „Meine Frau weiß, wie wichtig mir das ist“, erklärt der 30-Jährige. „Da sind Jungs dabei, mit denen war ich im Kindergarten. Der Teammanager ist mein bester Freund, der Trainer ist mein Bruder“, sagt Sahin. „Es macht einfach Spaß.“

Nun gehen Metzelder und Sahin als Schwiegermamas Liebling durch, während mit Großkreutz eher der Schwiegervater mal um die Häuser ziehen möchte. Trotzdem verbindet sie eine Liebe, die zu ihrem ersten Klub. „Ich bin so aufgewachsen. Und Nuri auch“, erklärt Großkreutz.

Im Oktober 2018 rief Has­sani bei ihm an und sagte: „Ich habe keinen Co-Trainer, du kannst mir ja helfen.“ „Ja, mache ich“, meinte Großkreutz. „Wirklich?“ „Ja!“

Seitdem werkeln sie gemeinsam. Hassani hält die Ansprachen. Großkreutz gibt Übungen vor, die er von Jürgen Klopp oder auch Joachim Löw gelernt hat. In Kemminghausen schwärmen sie nun von den professionellen Einheiten. Natürlich sei dabei ein Unterschied zu erkennen, meint der Weltmeister von 2014, hier bräuchten die Spieler länger, die Pässe seien ungenauer. Bei Partien müsse er zudem öfter für ein Selfie posieren, die Gegner seien aber immer fair.

Nur verlieren, das kann Großkreutz auch in der Landesliga nicht. Da braust er auf. Da meckert er. Häufiger ist deswegen zu lesen, dass er hinter die Bande geschickt wurde. Was allerdings an den Schiedsrichtern liege, meint Has­sani. „Wenn er mal was sagt, dann wird das direkt auf die Goldwaage gelegt.“ Kann sein. Nur nachprüfen lässt sich dies schwer.

Profi-Wiedersehen auf Kunstrasen

Manchmal kommt es nun auch zum Profi-Wiedersehen auf Kunstrasen. Am vergangenen Wochenende etwa. Da gewann Großkreutz mit seiner Elf 2:1 gegen den TuS Wiescherhöfen. Das Gegentor schoss Mike Hanke, noch so ein Ex-Nationalspieler.

Vielleicht wird sich auch Großkreutz irgendwann mal bei den Amateuren die Schuhe schnüren. „Erst mal zocke ich aber noch zwei Jahre oben“, sagt er. Und dann? „Dann mal schauen.“

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