Kolumne "Freistoß"

Wenn es für den Stadionsprecher heikel wird

Norbert Dickel in seiner Rolle als BVB-Stadionsprecher.

Norbert Dickel in seiner Rolle als BVB-Stadionsprecher.

Foto: dpa

Essen.  Ihr Job ist es, die Zuschauer zu informieren. Meist sind die Stadionsprecher dabei sehr unterhaltsam, gelegentlich ecken sie an. Eine Kolumne.

Als die siebte Minute der Nachspielzeit lief, verlor Michael Trippel die Contenance. Es stand 1:1 zwischen dem 1. FC Köln und der TSG Hoffenheim am vergangenen Bundesliga-Spieltag, aber dann gab es noch ein Foul im Strafraum. Videobeweis. Elfmeter für Hoffenheim. Jürgen Locadia traf ins Netz – und stach ins Herz von Michael Trippel. „Es ist zum Kotzen“, rief der FC-Fan. Ähnlich werden viele Kölner reagiert haben. Trippel aber haben alle anderen Besucher zugehört. Denn er ist der Stadionsprecher.

Michael Trippel: „Das musste einfach mal raus“

Ein schönes Aufregerthema in Zeiten der Sozialen Medien. Einige, natürlich vor allem Kölner, zeigten Verständnis für Trippels Emotionalität und nahmen ihn in Schutz. Andere, die dem FC weniger zugeneigt sind, forderten eine Strafe, weil er Neutralität und Objektivität habe vermissen lassen. „Das musste einfach mal raus“, erklärte Trippel der Kölner Rundschau. „Dieser Videobeweis, den hasse ich wie die Pest.“

Anruf bei Norbert Dickel. Welche Meinung hat er zu dem Vorfall? Er muss selbst lachen, als er sagt: „So was kann mir natürlich nicht passieren.“ Natürlich nicht, der Stadionsprecher von Borussia Dortmund ist ja als introvertiert, zurückhaltend und unparteiisch bekannt. Bis auf die geschätzt zwei Millionen Gefühlsausbrüche seit seinem Amtsantritt vor mittlerweile 27 Jahren. Die meisten davon waren allerdings nicht übers Stadionmikro, sondern im BVB-Radio zu hören.

Einpeitscher in Dortmund

Manchmal, wenn er es besonders für nötig hält, fordert er die Schwarz-Gelben dann doch über die Anlage auf, in den letzten Minuten noch mal Vollgas zu geben. Das wird in der Klubführung nicht von jedem gern gehört, „aber drei- von fünfmal hat’s funktioniert“. Wie 2013 im legendären Champions-League-Viertelfinale gegen Malaga, als die Spanier mit 2:1 führten, der BVB aber in vier Minuten Nachspielzeit das Ding drehte: Bei Felipe Santanas 3:2 bebte Beton. Woran auch Nobby Dickel seinen kleinen Anteil hatte.

„Wenn die letzten Emotionen auch noch rausgenommen werden, dann können wir auch virtuelle Zuschauer platzieren“, sagt er.

Strafe für einen Kommentar

Auch sein Schalker Pendant klingt nie so, als würde ihm abverlangt, das Telefonbuch vorzulesen. Dirk Oberschulte-Beckmann liebt die Lockerheit, haut auch mal einen Spruch raus. Als er vor zwei Jahren den Fahrer eines abgestellten Autos ausrufen musste, dessen Motor noch lief, begann er so: „Hömma, Kollege, ich weiß nich’, wat mit Dir los is’...“ Und als mal ein Tor für Schalke in der Nachspielzeit fiel, widmete er es den Zuschauern, die sich bereits voreilig auf den Heimweg gemacht hatten. Einige Betroffene fanden das nicht so lustig und beschwerten sich.

Als langjähriger Stadionsprecher kommst du zwangsläufig auch in heikle Situationen. Michael Wurst, die Stimme des VfL Bochum, erzählte mal, dass einst vor einem Spiel gegen Schalke die Lautsprecher-Anlage gestreikt hatte. Sein Kollege und er hätten dann mit „Deine-Mudda“-Sprüchen herumgealbert, um die Mikros zu testen. Im VIP-Raum wunderte man sich darüber, warum die beiden gegenseitig ihre Mütter beleidigten. Denn da hatte die Anlage funktioniert.

Michael Trippel ist übrigens nicht bestraft worden. Im Gegensatz zu Engelbert Scheu, dem Stadionsprecher des Bonner SC in den 60er-Jahren, als die Regionalliga noch zweitklassig war. Ihn zog der DFB für längere Zeit aus dem Verkehr. Dabei hatte er die Zuschauer doch lediglich etwas ausführlicher informiert: „2:0 für Arminia Bielefeld, erneut durch ein Abseitstor.“

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