Taskforce

Der Profifußball wird neu verhandelt - mit Spielern und Fans

Ramona Steding

Ramona Steding

Foto: privat

Essen.  Die Taskforce Zukunft Profifußball der DFL hat ihre Arbeit aufgenommen. Die Experten versprechen sich einiges – weil sie jetzt gehört werden.

Die Zeit der Besinnung im deutschen Fußball, sie ist schon wieder Geschichte. In der Bundesliga dreht sich alles wieder um Talente, Tore und Titel, auch wenn vor den Stadiontoren das Coronavirus lauert. Andreas Luthe, viele Jahre Torwart beim Revierklub VfL Bochum, mittlerweile im Dienst des Bundesligisten Union Berlin, reist am Sonntag nach Gelsenkirchen. Der Ball rollt auch für ihn wieder, und doch hat sich etwas verändert: Am kommenden Montag spricht Luthe über die Zukunft des deutschen Profifußballs.

Der 33 Jahre alte Velberter ist Teil der 36-köpfigen Taskforce Zukunft Profifußball. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat auf den Druck der Fans reagiert und Experten aus Vereinen, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft sowie aus der Fanszene versammelt. In drei Arbeitsgruppen sollen bis Ende des Jahres der Ist-Zustand analysiert und Lösungen für etwaige Probleme erarbeitet werden.

Bewusstsein für Fan-Interessen

„Es gibt einige Dinge, die wir im Fußball angehen können. Ich finde, es ist ein starkes Zeichen, dass DFL-Geschäftsführer Christian Seifert die Taskforce ins Leben gerufen hat. Es ist einmalig, mit so vielen Experten aus verschiedenen Bereichen an einen Tisch zu kommen und über Monate gewisse Themen aufzugreifen“, sagt Luthe.

Monate scheinen der richtige Zeitrahmen für die Agenda der Taskforce zu sein: Bewusstsein für Fan-Interessen, Wettbewerbs-Balance und Zahlungsströme sind nur drei von insgesamt sieben Themen.

Das Bewusstsein, es ist aus Sicht einiger Fans in der Vergangenheit durch schwarze Zahlen getrübt worden. Während die Finanzkurve in nie dagewesene Sphären vordrang, gingen Teile der Anhänger in den Stadien auf Distanz. Mit Vereins-Identität und Werten hatte das ihrer Meinung nicht mehr viel zu tun, was auf dem Rasen passierte und den VIP-Gästen in den Logen ein Lächeln entlockte. Der Profifußball hat zahlreiche Fans verloren – doch erst die Pandemie machte sichtbar, wie wichtig sie neben dem Zahlenwerk sind.

„Der positive Aspekt der Corona-Pandemie ist, dass die Fans ganz anders wahrgenommen werden“, sagt Ramona Steding aus Dortmund, die als Vertreterin der AG Fankulturen an der Taskforce teilnimmt. „Sie sind sehr verantwortungsvoll mit den Maßnahmen umgegangen und haben sich sozial engagiert. Die gesellschaftliche Bedeutung, die der Fußball hat, wurde wieder sichtbar. Der Fußball gehört eben nicht nur denjenigen, die damit Geld verdienen, sondern allen.“

Allen? Schon dieses Wort birgt Sprengstoff. Wem gehört der Fußball? Das wird sich in den Arbeitsgruppen wohl kaum klären lassen. Und dennoch: Es geht voran. „Es kann und muss mehr getan werden. Inwieweit und mit welchen Maßnahmen, das muss man noch sehen. Aber fest steht: Stillstand ist Rückschritt“, sagt Andreas Luthe. Er vertritt in der Taskforce die Spielergewerkschaft VDV. „Wir fangen langsam an, über solche Themen zu sprechen. Das ist ein Fortschritt, und ich bin sicher, dass wir Ergebnisse sehen werden.“

Suche nach der eigenen Position

Ergebnisse, die die Zukunft beeinflussen sollen. „Es muss eine Veränderung der Werte im deutschen Fußball geben“, sagt Ramona Steding, die beim BVB-Fanzine schwatzgelb.de mitarbeitet. „Oft wird der Vergleich mit den internationalen Klubs bemüht, um die Ausgaben zu rechtfertigen. Dabei würde es dem deutschen Fußball sehr gut tun, wenn er seinen ganz eigenen Standpunkt verfolgt.“ Diese Position zu finden, brauche Zeit, ganz sicher mehr, als drei Arbeitsgruppen haben können. Ramona Steding: „Wenn man einen ehrlichen Prozess haben will, kann die Taskforce nur ein Auftakt sein.“

Die Fans haben zwei Monate vorgearbeitet. Zusammen haben sie ein umfangreiches Konzept unter dem gleichnamigen Arbeitstitel Zukunft Profifußball erstellt. Die Palette ist breit: Es geht um einen fairen Wettbewerb, um Begrenzung der Kapitalflüsse, um eine gerechte Verteilung der TV-Gelder, um einen Ethik-Code, um 50+1, um soziale Verantwortung, um Klimafragen. Und vor allem um das Gehörtwerden. „Aus meiner Arbeit in der AG Fankulturen habe ich das Gefühl, dass wir Fans von den Funktionsträgern gehört werden. Es ist ein aufrichtiges Interesse da. Was allerdings manchmal fehlt, ist der Stellenwert. Die Interessen der Fans werden oft untergeordnet, wenn es um den wirtschaftlichen Erfolg des Fußballs geht“, sagt Ramona Steding.

Auch über Frauenfußball wird diskutiert

Mitsprache, das erhoffen sich aber auch die Spieler. Andreas Luthe sagt: „Da gibt es Luft nach oben. Die DFL hat in den vergangenen Monaten allerdings gemerkt, wie nützlich es ist, uns einzubinden. Seit Beginn der Corona-Krise sind wir in regelmäßigem Austausch mit DFB und DFL. Diese Gespräche helfen beiden Seiten.“ Man habe „in den vergangenen Jahren einiges verschlafen, aber die Taskforce kann Startschuss für viele gute Dinge sein“.

Der Startschuss am vergangenen Dienstag wurde als positiv bewertet. „Der Auftakt war konstruktiv, und die Gesprächs-Atmosphäre war angenehm“, sagte Helen Breit, Vorsitzende der Interessenvertretung Unsere Kurve. Doch es gibt auch schon Kritik. Auf der Agenda steht auch das Thema Förderung des Frauenfußballs. Aber niemand aus dem Frauenfußball diskutiert mit. „Da wird also über ein Thema gesprochen, bei dem die Aktiven gar nicht abgebildet sind“, sagt Ramona Steding. Es gibt tatsächlich noch vieles zu klären.

Das sind alle 36 Experten in der Taskforce Zukunft Profifußball:

  • Dr. Cornelius Baur (Managing Partner McKinsey Deutschland), Oliver Bierhoff (DFB-Direktor), Fredi Bobic (Sportvorstand Eintracht Frankfurt), Helen Breit (AG Fankulturen), Britta Dassler (FDP, Bundestagsmitglied), Max Eberl (Sportdirektor Bor. Mönchengladbach), Dr. Vera-Carina Elter (Vorstand KPMG), Tanja Ferkau (Gründerin und CEO IMPCT gGmbH), Manuel Gaber (Fan-Arbeitsgruppe Zukunft Profifußball), Dr. Peter Görlich (Geschäftsführer TSG Hoffenheim), Jan-Henrik Gruszecki (Fan-Arbeitsgruppe Zukunft Profifußball), Dr. Mario Hamm (Finanzdirektor 1. FC Nürnberg), Lutz Hangartner (Präsident Bund Deutscher Fußball-Lehrer), Anna-Maria Hass (Fan-Arbeitsgruppe Zukunft Profifußball), Robin Himmelmann (Spieler FC St. Pauli, Vereinigung der Vertragsfußballspieler VDV), Daniela Huckele-Görisch (Director Strategic Initiatives SAP, S20 The Sponsors’ Voice), Dirk Huefnagels (Head of Marketing UniCredit, S20 The Sponsors’ Voice), Jörg Jakob (Kicker-Chefredakteur), Alexander Jobst (Marketingvorstand Schalke 04), Lars Klingbeil (SPD, Generalsekretär), Philipp Köster (11Freunde-Chefredakteur), Katja Kraus (Geschäftsführende Gesellschafterin Jung von Matt/Sports), Carsten Linnemann (CDU/CSU, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion), An­dreas Luthe (Torwart Union Berlin, VDV), Prof. Dr. Martin Nolte (Leiter des Instituts für Sportrecht, Sporthochschule Köln), Cem Özdemir (Die Grünen, Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur), Fabian Otto (Finanzdirektor Bayer Leverkusen), Dr. Frank Rybak (VDV, Fachanwalt für Sportrecht), Sylvia Schenk (Leiterin der Arbeitsgruppe Sport Transparency International), Carsten Schmidt (Senior Advisor Sky), Christian Schmidt (AG Fankulturen), Prof. Dr. Sascha L. Schmidt (Direktor Center for Sports and Management der WHU), Martin Schulz (SPD, Bundestagsmitglied), Ramona Steding (AG Fankulturen), Dr. habil. Martin Stopper (Anwalt für Sportrecht), Heike Ullrich (stellvertretende DFB-Generalsekretärin)
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