Tour de France

Col du Tourmalet: Ein Mythos auf 2115 Metern

Legendäre Wegstrecke der Tour de France: Über den Col de Tourmalet.

Legendäre Wegstrecke der Tour de France: Über den Col de Tourmalet.

Foto: PA/Augenklick

Pau.  Am Samstag geht es auf den Pyrenäen-Pass Col du Tourmalet. Schon oft wurde auf der berüchtigten Bergetappe die Tour entschieden.

Henri Desgrange brauchte dringend die Sensation. Ein Etappenrennen über mehrere Wochen durch ganz Frankreich? Das klingt spektakulär – aber im Jahr 1903 völlig unrealistisch. Der Herausgeber der Zeitschrift L’Auto kündigte es in seinem Magazin trotzdem an. Aus L’Auto wurde später L’Equipe, aus der Schnapsidee die Tour de France.

"Sehr gute Straße. Perfekt für Radsport"

Höher, schneller, weiter. Desgranges Tour musste expandieren, zu möglichst außergewöhnlichen Schauplätzen. 1910 schickte er Alfonse Steines los in Richtung Pyrenäen. Rauf auf den berühmten, 2115 Meter hohen Col du Tourmalet. Steines fuhr im Auto. Es war aber Winter. Die Straße war verschneit. Und hier beginnt die Legende: Steines ging zu Fuß weiter. Er verirrte sich im Schnee und fand im Morgengrauen erst die Lichter in der Ortschaft Bareges. Von dort telegrafierte er an seinen Chef: „Ich habe den Tourmalet passiert. Sehr gute Straße. Perfekt für Radsport.“ Samstag endet hier die 14. Etappe der Tour de France (13 Uhr/ARD). Bereits 83 Mal hat das Peloton den Pass in der 106-jährigen Tour-Geschichte überquert.

Das erste Heroenstück 1913

Log Steines hier, weil er den Chef überzeugen wollte, das Wagnis einer Pyrenäenetappe einzugehen? Oder sagte er die Wahrheit, weil ja auch er gewusst haben dürfte, dass acht Jahre zuvor schon eine Frau, Martha Hesse, den Pass unfallfrei auf dem Rad bezwungen hatte? Ist die Geschichte über sein Verirren, lediglich eine Mär, um einen Mythos zu schaffen? Nur auf einer Bäderroute langzufahren, einem Weg, den Damen und Herren mit schwachen Lungen zurücklegen, klingt alles andere als eindrucksvoll.

Egal, wie es war: Der Coup war genial. Wenige Monate später fuhren tatsächlich die ersten Tour-de- France-Fahrer über den Pass. Das erste große Heroenstück gab es dann 1913. Eugene Christophe brach sich auf der Abfahrt vom Tourmalet die Gabel. Er lief zwölf Kilometer Fußmarsch zur Schmiede im Dorf Sainte-Marie-de-Campan, haute dort selbst die Gabel wieder zusammen und kam mit vier Stunden Verspätung am Etappenziel an. Dort erhielt er eine Zeitstrafe von drei Minuten. Er hatte zwar selbst geschmiedet, den Blasebalg aber hatte ein Gehilfe bedient – das war verboten.

Die Bäderroute durch die Pyrenäen

Berühmt wurde der Passweg schon im 17. Jahrhundert, als Madame de Maintenon, erst Erzieherin der Kinder des Sonnenkönigs Ludwig XIV., später dessen Mätresse, sich zum Kuraufenthalt nach Bagneres-de-Bigorre begab und ebenfalls die Höhe erklomm. Das war der Auftakt für die sogenannte Bäderroute, die die zahlreichen Badeorte in den Pyrenäen miteinander verband. Lange Zeit war sie nur zu Pferd passierbar, erst ab 1864 für Kutschen.

Berüchtigte Bergetappe

Heute ist der anspruchsvolle Berg – sieben Prozent im Schnitt steil, 19 Kilometer lang – aus sportlicher Sicht berüchtigt. „Ich habe am Tourmalet schon einmal richtig gelitten“, sagt Tony Martin. Für Ex-Profi Jens Voigt ist er ein „furchteinflößender“ Berg, wie er in der ARD sagte, aber eben auch „ein Klassiker“. L’Alpe d’Huez, Col du Galibier, Mont Ventoux und eben der Tourmalet. Auf diesen Hochgebirgs-Pässen wurden etliche Frankreich-Rundfahrten entschieden, hier wurden Fahrer zu Legenden.

130 Kilometer lange Solofahrt von Eddy Merckx

Eddy Merckx attackierte 1969 im Gelben Trikot kurz vor dem Gipfel des Tourmalet – und holte in einer 130 Kilometer langen Solofahrt acht Minuten auf seine Rivalen heraus. 2003 jagten Lance Armstrong, Jan Ullrich, Iban Mayo und Haimar Zubeldia erst in einem Affenzahn den Berg hoch. Später stürzte Armstrong – und Ullrich wartete auf ihn, statt das Gelbe Trikot zu gewinnen.

2010, bei der letzten Bergankunft, war Andy Schleck der Schnellste. Der Luxemburger revanchierte sich damit für das „Chain Gate“ drei Tage zuvor. Da hatte Alberto Contador einen Kettenschaden Schlecks am Cote de Bales ausgenutzt und dank dieser Attacke 39 Sekunden herausgeholt. Die Tour gewann er dann mit genau diesem Vorsprung – bevor ihm der Sieg wegen Dopings aberkannt wurde. Heute geht es erneut um Sekunden, um Helden und vielleicht auch um fallende Helden.

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