Formel 1

Brexit auf dem Asphalt: Die Lage bei Williams ist ernst

Es wartet viel Arbeit auf Williams.

Es wartet viel Arbeit auf Williams.

Foto: Reuters

Sakhir  Bereits der Saisonauftakt machte deutlich: Der Formel-1-Rennstall Willams kämpft mit großen Problemen in diesem Jahr.

Es ist der Respekt, der es verbietet, den Williams-Rennstall schon vor dem zweiten Rennen der noch sehr frischen Formel-1-Saison abzuschreiben. Aber darf man deshalb verschweigen, dass es für das Dinosaurier-Team aus Mittelengland schon ein Erfolg wäre, wenn George Russell und Robert Kubica heute abend beim Großen Preis von Bahrain nicht zwei- oder dreimal überrundet würden wie beim Saisonauftakt in Melbourne, sondern nur einmal? Die Lage ist ernst. Sportlich, technisch, finanziell, überhaupt. Es steht nicht mehr und nicht weniger als die Existenz des letzten unabhängigen Garagisten in der Königsklasse auf dem Spiel. Aber was heißt schon unabhängig. Kubica, der einhändig fahrend ein Comeback gibt, bringt eine zweistellige Millionensumme aus Polen mit. Russell, der Debütant, ist ein Zögling von Mercedes, das könnte Rabatte beim Motorenleasing geben. In Summe bedeutet das: hier droht ein motorsportlicher Brexit.

Es sind die Zeichen der Zeit, die Frank Williams und die von ihm als Teamchefin eingesetzte Tochter Claire, nicht richtig interpretiert haben. Deshalb stellt sich jetzt die Zukunftsfähigkeit umso mehr. Vor einem Vierteljahrhundert waren zehn von 13 Rennställen in privatem Besitz. Nur Benetton, Ferrari und McLaren waren damals das, was man heute Konzernteams nennt. Die Ent-Privatisierung nahm in der Champions League des Motorsports seither rasant ihren Lauf. 2010 hatten schon die Hälfte der zwölf Teams Werksstatus oder -unterstützung. Und im Rennjahr 2019 ist ein einziger Rennstall übrig sein, der Autorennen unabhängig und als vornehmlichen Geschäftszweck betreibt: eben der von Frank Williams.

Bereits im vergangenen Jahr hinten

Die Briten, die seit 1977 neun Konstrukteurs- und sieben Fahrertitel erringen konnten, waren schon im letzten Jahr das erfolgloseste Team. Zuvor hatte man sich an den kanadischen Milliardär Lawrence Stroll verkauft, der einen Ausbildungsbetrieb für seinen Rennen fahrenden Sohn Lance suchte. Inzwischen haben die Strolls aus perspektivischen Gründen das Force India-Team des umstrittenen Moguls Vijay Mallya übernommen. Was aus der 40prozentigen Beteiligung wird, weiß keiner.

Claire, die Tochter des inzwischen 76 Jahre alten und an den Rollstuhl gefesselten Teamgründers, versucht mit allen Mitteln, die Selbstständigkeit zu erhalten und die Rückkehr zum sportlichen Erfolg zu schaffen. Sie leitet seit einigen Jahren das operative Geschäft der Traditionsfirma und sieht in einem budget cap die einzige Möglichkeit, um dauerhaft den traditionellen Rennställen ein finanzielles Überleben und eine größere sportliche Chancengleichheit zu sichern. Doch davon scheint die Königsklasse trotz aller wohlfällig formulierten Absichtserklärungen immer noch weit entfernt. Die Frage ist auch, ob es dem kriselnden Rennstall noch etwas nützt, wenn erst 2021 eine Einheitsteilestrategie und ein Kostendeckel kommen. Die engagierte Managerin hat offen von einer sportlichen „Erniedrigung“ gesprochen, aber auch vom „alten Geist“ ihrer Mannschaft. Ihr eigentlicher Antrieb: „Ich möchte meinen Vater nicht enttäuschen.“

Claire Williams kämpft ihren Freiheitskampf tapfer weiter, obwohl das Auto zu spät fertig wurde, dann nicht dem Reglement genügte und schließlich Technikchef Paddy Lowe beurlaubt wurde. Die 42-Jährige hat erkannt: „Wir wollen nicht die Dinosaurier sein, die alten Giganten, die sich neuen Gegebenheiten verweigert haben.“ Nico Rosberg, der seine ersten vier Formel-1-Jahre in der manchmal ruppigen Atmosphäre bei Williams verbracht hat, macht als Ursache der Misere einen Prozess aus, der sich über Jahre hingezogen hätte. Ein Melange, die häufig für den Niedergang einst florierender Unternehmen charakteristisch ist: falsche Personalentscheidungen, fehlende Fortune, mangelnde Motivation. Das kann dann auch der Mercedes-Antriebsstrang allein nicht mehr wettmachen.

Es braucht Jahre, um aus dem Loch herauszukommen

Es sind die Minimalziele, die als Erfolg gefeiert werden — wie den, wenigstens beide Autos in Melbourne ins Ziel gebracht zu haben. Man verstehe auch, wo die großen Probleme mit der Abstimmung des Rennwagens vom Typ FW 42 herkommen, allerdings ist in der Grundkonstruktion offenbar ein derart komplexer Fehler verborgen, dass es nach Einschätzung der Fahrer noch Monate dauert, bis dieser behoben werden kann. Das Problem dabei: dann ist der Zug Richtung Mittelfeld abgefahren, denn die anderen Rennställe entwickeln ja weiter. Kritiker Rosberg sieht die Zeit schon davonlaufen: „Es braucht mindestens fünf Jahre, um aus so einer Situation wieder herauszukommen.“ Unmöglich ist das nicht, wie das Beispiel des bisherigen Schlusslichts Sauber zeigt. Die Schweizer mischen inzwischen unter dem Namen Alfa Romeo kräftig mit. Der Preis dafür war hoch: Peter Sauber musste seinen Posten, den Namen und die Unabhängigkeit aufgeben. Aber ohne fremde Hilfe wird es auch bei Williams nicht gehen.

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