Interview

Reisewarnungen und Ausnahmezustände beunruhigen Urlauber

Kurz vor den schönsten Wochen des Jahres sind zahlreiche beliebte Reiseziele in das Fadenkreuz von Terroristen oder politischen Unruhen geraten.

Kurz vor den schönsten Wochen des Jahres sind zahlreiche beliebte Reiseziele in das Fadenkreuz von Terroristen oder politischen Unruhen geraten.

Essen.  Gerade in Zeiten von politischen Unruhen und Reisewarnungen sind viele Urlauber um ihren Urlaub in Ägypten oder Thailand besorgt. Wie Urlauber am besten mit gefährdeten Reisezielen umgehen sollen, erklärt Professor Dr. Adrian Freiherr von Dörnberg von der Fachhochschule Worms im Interview.

Anschläge auf Strand-Hotels in Kenia, Reisewarnungen für Ägypten, Ausnahmezustand in Thailand oder auch die Krise rund um die Krim. Kurz vor den schönsten Wochen des Jahres sind zahlreiche beliebte Reiseziele in das Fadenkreuz von Terroristen oder politischen Unruhen geraten. Besorgte Urlauber fragen sich, ob und wo sie jetzt noch eine sichere Reise antreten können.

Wir sprachen mit Professor Dr. Adrian Freiherr von Dörnberg, der an der Fachhochschule Worms den Fachbereich Touristik leitet, über die aktuelle Situation und Entwicklung.

Herr Professor von Dörnberg, helfen Sie uns bitte bei der Einordnung der aktuellen Geschehnisse. Trifft es zu, dass es weltweit gerade besonders viele Krisen und unsichere Regionen gibt, oder ist das nur ein durch starke TV-Bilder und schnelle Internet-Nachrichten transportiertes Gefühl?

Professor Dr. Adrian Freiherr von Dörnberg: Die Lage ist nur gefühlt unsicherer als sonst beziehungsweise in der Vergangenheit. Es gab und gibt immer wieder solch massive Krisen, Unglücke oder Anschläge, die Auswirkungen auf das Reisen und auch auf die touristische Welt haben. Subjektiv wird das aber bedingt durch die neue Medienwelt so wahrgenommen als sei alles viel schlimmer als es ist. Für das touristische Geschäft ist dies eine große Bedrohung. Die Reiseveranstalter beispielsweise leiden massiv darunter, da mit jeder Veröffentlichung die Buchungen für die jeweiligen Zielgebiete regelrecht einbrechen.


Aber die Verbraucher haben doch ein Recht darauf, zu erfahren, wo es denn gerade auf der Welt brennt.

Freiherr von Dörnberg: Natürlich, diese Aufgabe hat die Presse auch unbedingt zu erfüllen. Allerdings wird immer häufiger zu wenig differenziert. Nehmen wir das Beispiel Ägypten: Ja, es gibt für die Region der Sinai-Halbinsel eine Reisewarnung und auch in Kairo kommt es immer wieder zu Unruhen. Aber andere Gebiete wie Hurghada oder auch die Baderegion El Gouna können nach dem Stand der Erkenntnisse sicher bereist werden. Das wird aber viel zu selten und auch viel zu leise erwähnt. Für die Veranstalter und Hoteliers ist das einfach katastrophal, weil sie ihre Reisen mit gewaltigen Preisabschlägen anbieten müssen. Hingegen können aufgeklärte Urlauber dann davon profitieren und gerade sehr viel Geld sparen.


Spätestens wenn es um das eigene Wohl und Wehe geht, hört bei den deutschen Urlaubern aber der Sparsinn auf. Wie bewerten Sie die Maßnahmen der Reiseveranstalter, ihren Kunden eine bestmögliche Sicherheit zu ermöglichen?

Freiherr von Dörnberg:
Da passiert tatsächlich schon ungemein viel, weit mehr als in jedem anderen europäischen Land. Die Mehrzahl der Veranstalter arbeitet mit einem Monitoring-System eines externen Anbieters, der das Risiko mit Hilfe vieler Daten pro Reiseregion bewertet und anzeigt. Deutsche Urlauber sind somit unter bestmöglicher Sicherheitsbeobachtung. Genauso wichtig ist allerdings auch, dass es funktionierende Netzwerke der Veranstalter und Rückholketten für den Fall der Fälle gibt, wenn dann doch etwas passiert. Für diesen Zweck steht beispielsweise exklusiv eine Bundeswehr-Maschine zur Verfügung, die zur Not von jetzt auf gleich deutsche Urlauber ausfliegen kann.

Dennoch stellt sich die Frage, wie unvoreingenommen überhaupt ein Reiseveranstalter bei der Bewertung der Sicherheit eines Reiseziels agiert, wenn er dort wirtschaftlich engagiert ist.

Freiherr von Dörnberg:
Veranstalter bewerten das Risiko teilweise mit dem Blick durch die eigene Brille. Diesen Interessenskonflikt kann man nicht von der Hand weisen. Daher muss die finale Einschätzung auch über das Auswärtige Amt erfolgen.


Im Verlauf der Ägypten-Krise haben sich aber nicht alle Veranstalter an diese Hinweise gehalten. Die Veranstalter mit großen Kapazitäten im Land, insbesondere FTI, wollten von den Reise-Warnungen nichts wissen.

Freiherr von Dörnberg: Eine extrem unglückliche Geschichte. Insgesamt war das uneinheitliche Verhalten der deutschen Reiseindustrie katastrophal und ein echtes Desaster. Wenn eine Branche widersprüchliche Informationen an ihre Kunden gibt, ist das nicht akzeptabel. Hier fehlt es an einer übergeordneten Koordination. Der Deutsche Reiseverband hat diese Rolle leider nicht übernommen.


Auf wen sollten Verbraucher hören, wem können sie vertrauen?

Freiherr von Dörnberg: Neben dem Auswärtigen Amt sollte unbedingt auch das Reisebüro kontaktiert werden. Hier gibt es viel Wissen und vor allem unabhängige Einschätzungen der Reiseverkehrskaufleute.


Die absolute Sicherheit gibt es am Ende aber nicht.


Freiherr von Dörnberg: Nein. Eine Reise ist immer mit einem gewissen Risiko behaftet. Das kann und sollte man auch sagen. Genauso wie andere Lebenssituationen, nehmen wir nur den Straßenverkehr, die automatisch ein gewisses Risiko in sich tragen.

Wenn irgendwo auf der Welt gerade ein Anschlag erfolgt ist: Ist es dann überhaupt eine kluge Strategie, dieses Reiseziel zunächst zu meiden, oder verbessert sich durch höhere Polizeipräsenz in Folge eines Attentats sogar die Sicherheitssituation?

Freiherr von Dörnberg: Ich erinnere mich gut an die Terroranschläge in Jordanien. Unmittelbar danach gab es ein Sicherheitsnetz, das quasi jedes Risiko ausschaltete: Ein völlig unbeschwertes Urlaubserlebnis war garantiert, keine Warteschlangen vor den Attraktionen, die Preise deutlich niedriger als sonst. Die Regel ist, auch wenn das paradox klingt: Dieses Reiseziel ist dann das sicherste.


Insgesamt geht der Trend ja dahin, dass die Verbraucher extrem schnell vergessen.

Freiherr von Dörnberg: Ja, sie reagieren schnell und heftig auf Krisen, aber sie vergessen auch schnell. Sicher ist das auch eine Reaktion auf die veränderte Medienwelt. Bei den Terroranschlägen vom 11. September lag die weltweite Reise- und Airline-Industrie ja noch für über ein Jahr am Boden. Heute sind die Erholungskurven viel steiler.


Haben Sie persönlich schon einmal auf eine Reise verzichtet, weil Ihnen das Reiseziel zu unsicher erschien?

Freiherr von Dörnberg: Nein, das war noch nie der Fall. Jedoch konnte ich nach den Anschlägen von New York meine eigentlich geplante Reise nicht durchführen, weil alle Flugzeuge am Boden bleiben mussten.

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