Kunststoffe

Zum Wegwerfen zu wertvoll

Diplom-Ingenieur Stefan Schmidt, Geschäftsführer des Kunststoff-Instituts in Lüdenscheid, zeigt einen Hightech-Kunststoff, der als Motorenabdeckung in Fahrzeugen zum Einsatz kommt.

Foto: Morris Willner

Diplom-Ingenieur Stefan Schmidt, Geschäftsführer des Kunststoff-Instituts in Lüdenscheid, zeigt einen Hightech-Kunststoff, der als Motorenabdeckung in Fahrzeugen zum Einsatz kommt. Foto: Morris Willner

Lüdenscheid.   Das Kunststoff-Institut für den Mittelstand entwickelt Hightech-Materialien und fordert mehr Wiederverwertung. Nicht nur der Umwelt zu Liebe

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Kunststoff ist nicht nur ein Problem, sondern häufig auch die Lösung. Stefan Schmidt, Diplom-Ingenieur und Geschäftsführer des Kunststoff-Instituts in Lüdenscheid, hält eine Motorenabdeckung aus Polyamid 6 in der Hand. Das schwarze, gerippte Bauteil ist für höchste Beanspruchung im Fahrzeugantrieb ausgelegt. Gas- und flüssigkeitsdicht. Extrem belastbar und dennoch leicht. „Solche Hightech-Kunststoffe finden sie garantiert nicht in den Plastikabfällen, die die Meere verschmutzen“, ist sich Schmidt sicher und wirbt für eine differenzierte Diskussion über Bauteile aus Kunststoffe deren Nutzung.

Vorweg: Der Kunststoff-Experte hält die Vorhaben der EU, den Plastikanteil deutlich zu verringern, für völlig richtig. Schmidt verweist auf aktuelle Zahlen, die die Umweltschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) zusammengestellt hat: „26 Prozent, und damit fast ein Drittel der weltweiten Plastikproduktion, wird für Verpackungen verwendet. Global betrachtet werden aber 72 Prozent, und damit fast Dreiviertel, der gebrauchten Plastikverpackungen nicht wiederverwendet“, so Schmidt.

Mix mit Sonnenblumenkernfasern

Ein Großteil eben dieses Verpackungsmüll landet in der Umwelt und damit auch im Meer. Schmidts Appell: „Wir müssen uns mehr und früher Gedanken machen, wo es sinnvoll ist, Kunststoffe einzusetzen und wie sie wiederverwertet werden können.“ An genau solchen Strategien arbeitet das Kunststoff-Institut in Lüdenscheid: Die Wiederverwertung, als Re-Cyclat oder als Re-Granulat, müsse bereits Bestandteil der Entwicklung sein, ebenso die Frage, ob und wie sich der Einsatz von Kunststoffen als Material verringern lasse.

Für einen Automobilzulieferer in Osnabrück hat die Lüdenscheider Einrichtung einen Verbundwerkstoff entwickelt, der den Anteil von Kunststoff reduziert. „Technischer Kunststoff wird dabei durch nachwachsende Rohstoffe ergänzt“, beschreibt Schmidt das Vorgehen: Dem Kunststoff-Granulat werden gemahlene Schalen von Sonnenblumenkernen, also eigentlich ein Abfallprodukt, beigemengt und in einer speziellen Anlage, „einem Compo-Extruder“, unter Hitze zu einem Materialmix verschmolzen. Aus diesem Material werden Abdeckungen für den Fahrzeuginnenausbau hergestellt. Aktuell arbeitet das Institut an einem wiederverwertbaren Ersatz für die Plastikhülsen für Kaffeekapselmaschinen.

Steigende Rohstoffpreise

An Wiederverwertungskonzepten und Mengenreduktionsrezepten arbeitet das Kunststoff-Institut nicht nur aus Umweltgründen. „Die Rohstoffpreise für Kunststoffe werden steigen. Und zwar dramatisch“, nennt Schmidt einen wirtschaftlichen Aspekt. Zumal: Kunststoffe als Wertstoff seien heute nicht mehr wegzudenken. „E-Mobilität ist ohne Kunststoffe praktisch nicht möglich“. Durchschnittlich machten Kunststoffe bereits 20 Prozent am Gesamtgewicht eines Fahrzeugs aus und es damit leichter. In der Telekommunikation und Unterhaltungselektronik, etwa bei Handys und Flachbildschirmen, liege der Kunststoffanteil bei bis zu 90 Prozent.

„Leicht, gut isolierend und zum großen Teil auch wiederverwertbar“, zählt Schmidt als Eigenschaften von Kunststoff auf. Der Nachteil: „Sie sind extrem resistent und verrotten praktisch nicht“. Deshalb spricht sich Schmidt dafür aus, Kunststoffe „nur dort einzusetzen, wo sie sinnvoll sind“. Und Ländern zu helfen, die beim Recycling noch nicht die Standards der westlichen Industrieländer haben. Wer Schmidt zuhört, versteht seine Botschaft: Hightech-Kunststoff ist zu wertvoll, um ihn einfach wegzuwerfen.

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