Kneipensterben

Wie eine Stiftung den Betrieb der Dorfkneipe sichert

Prost! Willy Goebels (weißes Hemd) hat die Stiftung gegründet: Hans-Peter Linzen (links) und Bruno Ketteler sitzen im Vorstand, Bernhard Jacobs betreibt die urige Kneipe bereits seit 1978 in vierter Generation.

Foto: Kai Kitschenberg

Prost! Willy Goebels (weißes Hemd) hat die Stiftung gegründet: Hans-Peter Linzen (links) und Bruno Ketteler sitzen im Vorstand, Bernhard Jacobs betreibt die urige Kneipe bereits seit 1978 in vierter Generation.

Bedburg-Hau.   Gaststätten auf dem Land sterben aus, der Trend ist seit Jahren eindeutig. Es geht auch anders. Zu Besuch im Örtchen Till am Niederrhein.

Die Zeit, sie scheint still zu stehen beim Dorfwirt in Till. Wer durch die Tür in den Altbau neben der ehemaligen Schmiede stolpert, der sieht sie sofort: die Bier-Reklame aus den 70ern über der Theke, die Polsterstühle vor den dunkelbraunen Holztischen, die Münzboxen des Sparclubs an der Wand. Vor dem inneren Auge erscheinen auch ein paar ältere Männer, die am Tresen sitzen, jeder mit einem Glas Pils vor sich, und über alte Zeiten palavern. Jetzt, am späten Vormittag, ist natürlich noch keiner da – aber am frühen Abend, da kommen sie bestimmt.

Dass es solche Szenen in dem kleinen Ortsteil von Bedburg-Hau überhaupt noch geben kann, ist keine Selbverständlichkeit. Die Zahl der Kneipen, Wirtshäuser und Dorfgaststätten geht seit Jahren deutlich zurück. Beinahe jede vierte Ortschaft in Deutschland soll mittlerweile kneipenfrei sein.

Hier in Till, einem Dorf mit sechs Straßen und 830 Einwohnern in der Nähe des berühmten Schloss Moyland, drohte dieses Schicksal ebenfalls. Die Gaststätte „Zur Dorfschmiede“ war finanziell angeschlagen, ein Nachfolger für den Wirt nicht in Sicht, der Sanierungsstau hoch – die typischen Probleme, mit denen die meisten Lokale auf dem Land zu kämpfen haben. Lange wäre das mit dem Betrieb wohl nicht mehr gut gegangen...

Sonst gäbe es nur noch Briefkasten und Feuerwehr

Bis Willy Goebels auf den Plan trat. Der 77-Jährige zog vor 20 Jahren nach Till, ist ein „Reingeschmeckter“, wie der Pfarrer den gebürtigen Düsseldorfer mal nannte. Jedenfalls fühlte sich Goebels in dem Dörfchen von Anfang an wunderbar aufgenommen, freute sich über die Nachbarschaft, die sich hier noch kennt und hilft – und wollte dem Ort und seinen Menschen etwas zurückgeben. Vor vier Jahren kaufte er die Gaststätte und gründete mit der Immobilie als Startvermögen eine Stiftung, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

„Wir brauchen die Kneipe als Treffpunkt im Ort“, sagt Goebels. „Sonst hätten wir hier nur noch nen Briefkasten und die Feuerwehr. Selbst die Kirche hat keinen eigenen Pastor mehr.“ Ähnlich sieht es Thorsten Hellwig vom Gaststättenverband Dehoga, der sagt: „Gastronomie hat nicht nur eine wirtschaftliche Bedeutung, sondern auch eine sozio-kulturelle Komponente.“ Soll heißen: Beim Wirt um die Ecke trifft man sich, zum Schnacken, zum Zocken.

Dabei geht es um viel mehr, als nur ums Bierchen trinken (0,2-Liter kosten 1,50 Euro) oder ums Schnitzel essen (ab sechs Euro mit Soße): Wäre das Lokal zu, hätten die 16 Vereine im Dorf keine Anlaufstelle mehr für ihre Versammlungen, die Kegler keine Bahn mehr, es wäre kein Ort für private Veranstaltungen und Beerdigungsfeiern da – schließlich würde wohl der Schützenverein sterben, der seine Anlagen direkt im Anbau der Gaststätte untergebracht hat. Man könnte es drastisch ausdrücken und sagen: ohne Kneipe wäre irgendwann das Dorf tot.

Die Stiftung setzt sich dafür ein, dass es nicht so weit kommt – und zwar nicht nur, indem sie den Betrieb der Gaststätte sichert. Die Einnahmen aus der Pacht fließen ins Vermögen und das wiederum geht zurück ins Dorfleben. „Mit dem Geld fördern wir Aktivitäten im Dorf“, sagt Stiftungsvorstand Hans-Peter Linzen. „Wir unterstützen zum Beispiel Vereine oder die Alten- und Jugendarbeit.“

Dehoga sieht so ein Modell auch kritisch

Auch ins Lokal selbst wurde investiert: Die Fassade frisch gestrichen, eine neue Küche eingebaut, der Biergarten modernisiert. Da machen jetzt gerne die Radfahrer Pause, die auf der „Via Romana“ durch Till kommen. Aber nicht nur den Touristen gefällt das neue Engagement – auch den Menschen aus dem Dorf. „Man sieht endlich Bewegung, auf einmal kommen die Leute wieder hierhin“, sagt Vorstand Hans-Peter Linzen.

Noch sind Modelle wie in Till die Ausnahme, ob sie die Kneipenkultur auf dem Land retten können ist fraglich – Thorsten Hellwig vom Dehoga ist eher skeptisch. „Das kann dort sinnvoll sein, wo es gar keine andere Gastronomie mehr gibt.“ Grundsätzlich sieht der Verband solche Konzepte nicht ganz unkritisch und fürchtet Wettbewerbsverzerrung. „Wenn einer professionellen Gaststätte durch so ein Modell Gäste abhanden kommen, ist das ein Problem“, sagt Hellwig. Das mit der Wettbewerbsverzerrung verneint die Stiftung. Der Pächter habe keine Vorteile und müsse sein Geschäft genauso wirtschaftlich führen wie jeder andere Gastronom.

Trotzdem profitiert die Gaststätte ein Stück weit, wenn in den umliegenden Orten die Lokale schließen – viele Vereine kommen für ihre Jahreshauptversammlung nun nach Till. Ein Beispiel dafür ist Rheinwacht Erfgen, nur ein paar Kilometer die Landstraße hoch. Jahrzehntelang lag die Gaststätte direkt neben der Sportanlage, Ende des vergangenen Jahres schloss sie für immer die Türen, weil die Besitzer keinen Nachfolger fanden. „Für uns ist da eine Institution weggebrochen“, sagt der Vorsitzende Steffen Mies. Das 90-jährige Jubiläum werden sie im nächsten Jahr wohl beim Dorfschmied feiern.

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