Terrorprozess

Wie die Bochumerin Derya Ö. in den IS-Terrorstaat gelangte

Die mutmaßliche IS-Terroristin aus Bochum muss sich vor Gericht verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft der 27-jährigen Deutschen Kriegsverbrechen und Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vor.

Die mutmaßliche IS-Terroristin aus Bochum muss sich vor Gericht verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft der 27-jährigen Deutschen Kriegsverbrechen und Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vor.

Foto: Federico Gambarini/dpa (Archiv)

Düsseldorf/Bochum.  Als Terroristin sieht die Staatsanwaltschaft Derya Ö. aus Bochum. Die Prostituierte erzählt eine andere Geschichte: auf der Suche nach Zuneigung.

Was verschlägt eine Prostituierte aus Bochum ins Kalifat des Islamischen Staates, nach Syrien und in den Irak? Was lässt ein an Religion gänzlich uninteressiertes Mädchen plötzlich mit Sprengstoffgürteln hantieren? Was trieb Derya Ö. an, sich in ein System zu begeben, dass für Krieg und Vertreibung, Hinrichtungen, Sklaverei, massenhafte Vergewaltigungen und die Unterordnung der Frau steht? Religiöser Fanatismus, das will man ihr glauben, war es wohl nicht. Aber die Staatsanwaltschaft sieht die 27-Jährige auch nicht nur als Mitläuferin an. Sie soll den IS aktiv unterstützt haben und darum Mitglied einer terroristischen Vereinigung gewesen sein.

In einem einstündigen Video der Bild-Zeitung, das vor dem Beginn ihrer Aussage am Dienstag im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichtes Düsseldorf eingespielt wird, kokettiert Derya Ö. mit dem Horror. Berichtet lächelnd: „Im Keller haben wir uns eine Ecke gemacht, wo Leute gefoltert wurden. Da waren Ketten und Blut an der Decke. Das war meine erste Nacht mit meinem Mann. Ganz schlimm.“ Die Kalaschnikow, berichtet sie, will sie unter ihrem Gewand getragen haben. Und der Sprengstoffgürtel - bevor man vergewaltigt wird, springt man sich besser mit in die Luft.

Derya Ö inszeniert sich medial, oder sie wird inszeniert, im Gerichtssaal aber kommt sie zwei Nummern kleiner daher, die floralen Tattoos an den Armen und bis zum Hals verdeckt, die Stimme dünn. Vor dem Sprengstoffgürtel ihres Mannes habe sie Angst gehabt. Er habe ihr empfohlen, die Kalaschnikow zu tragen, wenn sie ihn abends in der Stadt treffe. Ihre Odyssee durch das Kalifat, alle paar Wochen oder Monate in einer anderen Stadt, mit Bus und Motorrad, später mit Baby, in halbzerbombten Hotels, den Wohnungen Vertrieener, Frauenhäusern - fremdbestimmt. Ihre zweite Hochzeit mit einem IS-Gruppenführer - aus pragmatischem Überlebenswillen. „Die lassen einen nicht unverheiratet.“

Entführt und auf den Strich geschickt mit 17

Ihre Geschichte beginnt mit dem Einstieg in die Prostitution. Der Vater, ein Alkoholiker, schlägt die Familie. Derya Ö. verlässt die Bochumer Gesamtschule ohne Abschluss. „Ich war eine kleine Ausreißerin.“ Im Dortmunder Club „Rush Hour“ trifft sie als 17-Jährige einen Mann, begleitet ihn nach Hause, doch er lässt sie nicht mehr gehen. „Er hat mich ein, zwei Wochen eingesperrt und geschlagen und dann auf den Strich geschickt. Er hat Aufpasser dort gehabt. Dreimal habe ich versucht ab zu hauen. Aber er war sehr gewalttätig, hat einmal einen Schrank auf mich geworfen und auf mich uriniert. Schließlich bin ich aus dem Fenster gesprungen und entkommen.“ Als sie zuhause versuchte, das Erlebte zu verarbeiten, „da ist etwas in mir gestorben, wo mir alles egal war.“

Derya Ö. ist danach freiwillig anschaffen gegangen, hat einen Duisburger Rocker kennengelernt, dem sie ihr Geld gab, der sie ans Kokain brachte. Am Ende „waren wir nur noch wie Drogenleichen. Ich war abgemagert, hatte keine Kontakt mehr, ging sechs Tage die Woche arbeiten.“ Sie flüchtete zur Familie - und meldete sich auf Facebook an. Und Facebook machte Vorschläge: Mode, essen, Fitness, den Islam kennen lernen. „Ich habe mich bei fast allen angemeldet.“ das mit dem Islam „war nichts Persönliches für mich. Warum nicht, hab ich mir gedacht.“

Der Leverkusener Mario O. fällt ihr in der Gruppe auf. Er hält sich schon in Syrien auf, postet Fotos von sich in Uniform und mit Kalaschnikow. Das spricht Derya Ö. an. Sie sucht nicht nach Sinn, sie sucht Zuneigung. Sie chatten nach ihrer Darstellung nur nebenbei über den Islam. Vom IS wil sie aufgrund ihres Lebenswandells kaum etwas mitbekommen haben. „Ich weiß bis heute nicht, warum die überhaupt kämpfen.“ Aber er macht ihr ein schlechtes Gewissen, weil sie im Luxus lebe, während in Syrien die Kinder hungern. „Er hat seine Wortwahl gut getroffen, um mich hereinzuziehen.“

Panik auf den ersten Blick

In der Schweiz schaffte Derya Ö. noch an, um mit einigen Tausend Euro und einem Zweitkoffer voller Spendenkleider im Februar 2014 über die Türkei nach Syrien zu reisen. Am Check-Point des IS trug sie bereits einen Vollschleier, den man ihr gegeben hatte. „ auf einer Tonne wehte deren Flagge. Ein Mann musste beten, mit der Waffe an seinem Kopf, um zu beweisen, dass er dazu gehörte. Da hat die Panik angefangen. Ich wollte zurück, aber da war keiner, mit dem ich reden konnte. Wir mussten uns auf den Boden legen.“ Es gab kein Zurück, auf der anderen Seite wartete ihr Mann. Ihr „Beschützer“. Es soll Liebe auf den ersten Blick gewesen sein

Wartete ihr Leben als sein Anhängsel, als relativ Privilegierte, als Mutter, als Getriebene, Schutzsuchende ... so stellt sie es dar. Was ihr Mann Mario als Polizist, Militärpolizist und Kämpfer trieb, bevor die eigenen Kameraden ihn wegen Spionageanwürfen folterten und hintichteten, das will Derya Ö. nicht gewusst haben. Seltsam blind, ohne Zeitgefühl, nur auf das eigene Leben und Überleben konzentriert, und später auf das Wohl ihres Kindes, will sie alles akzeptiert haben. In zeh weiteren Verhandlungstagen, bis kurz vor Weihnachten, will die Staatsanwaltschaft ihr das Gegenteil beweisen.

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