Landwirtschaft

Warum die Löwenzahn-Pracht nichts Gutes verheißt

Foto: WAZ FotoPool

Dortmund.   Überall in der Region leuchten sie momentan in der Sonne, die riesigen Meere aus Löwenzahn. Doch verheißen die gelben Blümchen nicht immer etwas Gutes. Denn wo Löwenzahn blüht, wächst meist nichts anderes mehr. Weil zu viel gedüngt wird.

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Ochsenblume, Pfaffenröhrlein, Maiblume oder Bettpisser: Der Volksmund kennt viele Bezeichnungen für den Löwenzahn, der auf den Wiesen und Weiden des Sauer- und Siegerlandes blüht und vergeht. Doch warum wächst überall Löwenzahn? Weil er, wie Heinz Erhardt seinerzeit dichtete, bei gutem Wind seine Fallschirmtruppen massenhaft feindwärts ziehen lässt? Pusteblume! Seine invasive Kraft zieht der Löwenzahn aus dem Boden. Wo viele Ochsenblumen stehen, gibt es Nährstoffe satt.

„Die blühenden Löwenzahnwiesen sind ein sehr schönes Bild“, sagt Birgit Königs, Sprecherin des Naturschutzbundes (Nabu) NRW und schiebt das erwartete „aber“ gleich hinterher. Der Löwenzahn kommt mit dem Überangebot an Stickstoff, aufgebracht durch mineralischen Dünger oder Jauche, am besten klar. „Dafür sind solche Wiesen arm an anderen Arten“, sagt Königs. Viel Dünger gleich wenig Vielfalt. Der erfahrene und auf vielen Gebieten bewanderte Münchener Zoologe Josef H. Reichholf hatte seine Kritik an der Überdüngung des Grünlands bereits 1994 in einem Satz verdichtet: „Das Ergebnis ist die EU-Einheitswiese, auf der praktisch nur noch Löwenzahn blüht.“

Kaum noch bunte Blumenwiesen

Wer kennt noch Wiesenschaumkraut, Schafgarbe, Kuckuckslichtnelke, Sumpfdotterblume oder Hahnenfuß, Fuchsschwanz, Wiesenschwingel- oder Knäuelgras? Von Insekten und bodenbrütenden Vögeln wie Kiebitz, Feldlerche oder Wiesenpieper ganz zu schweigen? Im vergangenen Sommer rief der Nabu NRW auf, die Standorte der rundblättrigen Glockenblume zu melden. Die zarte Blume, die magere Wiesen und Weiden liebt, an Wegen und Böschungen wächst, ist landesweit auf dem Rückzug. „Die zunehmende Nährstoffanreicherung unserer Landschaft begünstigt hochwüchsigere und damit konkurrenzkräftiger Arten“, sagt Bernd Margenburg vom Nabu Kreis Unna und Sprecher des Landesfachausschusses Botanik. Oder, um es mit Josef Reichholf zu sagen: „Es gibt sie kaum noch, die bunten Blumenwiesen, über denen Schmetterlinge in großer Zahl und in den verschiedensten Arten fliegen. Auf den Wiesen hat sich das Einheitsgrün verdichtet.“ Als erstes verschwinden die Orchideen, das gefleckte Knabenkraut, auch die Kuckuckslichtnelke „ist auf gedüngten Wiesen nicht zu finden“, sagt Bernd Margenburg.

Geradezu dramatisch nennt der Nabu-Experte den Rückgang an Insekten auf den überfetten, artenarmen Wiesen: „Da brummt nichts, da ist fast nichts mehr los.“ Früher zeugten insektenverklebte Autokühler von der summenden Reichhaltigkeit auf dem Land.

Landwirtschaftskammer unbesorgt

Nach Rechnungen von Reichholf fügt die Landwirtschaft seit dem Anfang der 1990er-Jahre den Wiesen und Äckern pro Jahr und Hektar 100 Kilogramm Stickstoff zu viel zu. Nicht eingerechnet die rund 20 bis 30 Kilo/ha Stickstoff, die durch Pkw und Kraftwerksabgase über die Luft in den Boden eingetragen werden. In seinem aktuellen Buch „Naturgeschichte(n)“ schreibt Reichholf dazu: „Die Folge ist, dass alle Pflanzenarten, die auf magere, lichte und sonnige Wuchsorte angewiesen sind, selten wurden oder verschwanden.“

Aus der Sicht der Landwirtschaft ist bereits die Wahl der Begrifflichkeit bedenklich. „Fettwiese“ mag Dr. Clara Berendonk vom Landwirtschaftszentrum Haus Riswick in Kleve nicht zu einer intensiv genutzten Weide sagen. Die Agrarexpertin der Landwirtschaftskammer NRW sieht keine Anzeichen für eine Überdüngung der Landschaft. An Gülle fahre der Landwirt durchschnittlich 15 bis 20 m3 pro Hektar aus, bei intensiv genutzter Weide eventuell zwei Mal. Ein zweimaliger Gülleaustrag entspreche einer Stickstoffmenge von 80 Kilo/ha. „Wird gemäht, werden die Nährstoffe wieder abgeführt“, sagt sie. Zudem sei Kunstdünger teuer und der Landwirt zu Nährstoffbilanzen verpflichtet. Löwenzahn ist nach ihren Angaben kein Problem auf den Wiesen. „Als wertvolle Futterpflanze für die Tiere ist er sogar erwünscht. Möglicherweise täuscht er einen größeren Anteil vor, wenn er gerade blüht“, sagt Berendonk.

Ganze Arten verschwinden

Während der Löwenzahn in strahlendgoldigem Überfluss schwelgt, hat es die gesuchte Rundblättrige Glockenblume schwer. Rund 300 Rückmeldungen gab es im Nabu-Kreis Unna. „Einige Leute haben dabei auf ihren Garten verwiesen. Dort blüht aber nicht die Rundblättrige Glockenblume“, sagt Karin Margenburg. In ihrem ursprünglichen Biotop, der mageren Wiese, kommen sie nur ganz vereinzelt noch vor. „Sie verschwindet“, sagt Karin Margenburg.

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