Oldtimer

Die „Ente“ macht jetzt Kohle

Mein Stolz, „die Ente“: Liebevoll hergerichtete Modellbaukästen zieren das „Bureau“ von Thomas Franz. Foto: Franz Luthe

Mein Stolz, „die Ente“: Liebevoll hergerichtete Modellbaukästen zieren das „Bureau“ von Thomas Franz. Foto: Franz Luthe

Foto: WR/Franz Luthe

Senden.   Als er noch gebaut wurde, war der Citroen 2 CV ein Auto aus der Gruppe "billig und anspruchslos". Mehr als 20 Jahre ihrem Produktions-Aus ist die „Ente“ heiß begehrt: Im dritten Jahr in Folge ist sie der Oldtimer mit dem höchsten Wertzuwachs. Einen Geschäftsmann aus dem Münsterland freut das sehr.

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Sie war das „Hippie-Auto“ der frühen 1970er Jahre, doch die „Ente“ ist in Richtung Bourgeoisie abgebogen. Im dritten Jahr in Folge hat der Citroën 2CV, wie das Lieblingsauto einer frankophilen Generation mit Taufnamen heißt, den größten Wertsprung im Deutschen Oldtimer-Index geschafft. Mit „Enten“ lässt sich Kohle machen. Einer, der das immer geahnt hat, ist Thomas Franz aus dem münsterländischen Senden. Er restauriert „Enten“. Zu seinen Kunden zählen ebenso Altfreaks wie Millionäre.

Die französische Trikolore weht über Franks „Bureau“. Im Foyer seiner Enten-Werkstatt steht das abgemagerte Gerippe eines 2CV, als hätte man’s beim Bauern in der Provence zufällig im Schuppen gefunden. Ein Aschenbecher mit Gauloises-Stummeln macht das Stillleben perfekt. Nur: Eigentlich sähe man das alles hier lieber in Schwarz-Weiß wie in einem frühen Film von François Truffaut.

Thomas Franz trägt Baskenmütze und Blaumann meist nur fürs Foto. Aus dem Studenten der Philosophie und Mathematik, der keine Lehreranstellung bekam, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Franz ist Baujahr 1953. Sein erstes Auto war natürlich eine gebrauchte „Ente“ für 350 Mark: „Mit der bin ich zweimal die Woche liegen geblieben. Da musste mich mein Papa immer abholen, bis er mir Geld für ein besseres Auto lieh.“ Das „bessere Auto“ war dann allerdings wieder eine Ente, das Anti-Status-Auto schlechthin. „An ihr ist alles dran, was man braucht“, sagt Franz. Und: „Was nicht dran ist, braucht man auch nicht.“ Ihm sei damals schon der VW Käfer „zu viel Auto“ gewesen. Der hatte zum Beispiel Fensterkurbeln statt der viel lässigeren Klappfenster. Ach – und so viel Schnickschnack mehr.

Geschäftsmann will sich eine Enten-Sammlung zulegen

Neulich ist mal wieder einer dieser sehr betuchten Herrn zu Franz gekommen. Ein Geschäftsmann im Ruhestand, der für sein Hobby Modellhubschrauberfliegen schon mal eine fußballfeldgroße Wiese kauft, um dort ungestört manövrieren zu können. Dieser Mann habe sich in den Kopf gesetzt, „Enten“ aus allen Produktions-Jahrzehnten zu besitzen -- aus den 1950ern bis in die 1980er Jahre. Was er damit will? „Er will sie fahren“, sagt Thomas Franz lakonisch. Die erste Lieferung machen die Mechaniker in Senden gerade flott: Ein Modell „Dolly“, Baujahr 1986. „Und dann mal sehen, was uns sonst noch so zufliegt“, sagt Franz.

Als „Schrauber“ mit eigener Werkstatt hat er angefangen, als für ihn damals keine Lehrerstelle frei war – in der Studentenstadt Münster, einem der größten Enten-Nester jener Tage. In den 90er Jahren, als eine neue Generation auf austauschbare Kleinwagen umstieg und Citroën die Produktion der „Ente“ aufgab, kaufte Thomas Franz konsequent den Markt leer. Jede halbwegs gut erhaltene „Ente“ lagerte er ein. Jetzt hat er noch 80 Fahrzeuge, die in einem münsterländischen Putenstall abgestellt sind. Sie sind der Grundstock für die Oldtimer-Wiederbelebungen in seinem „Fachbetrieb für historische Fahrzeuge“. „Es gibt Modelle“, erklärt Franz, „bei denen ist schon der pure Schrott jetzt 10.000 Euro wert.“

Thomas Franz hat „immer an dieses Auto geglaubt“. So oft er auch mit ihm liegen geblieben ist. Jetzt fährt eine neue Generation „Ente“ und entdeckt die 12,5-PS-hafte Langsamkeit des Seins. „Ich habe meinem Sohn eine geschenkt“, sagt Franz. „Nach den Partys wollen immer alle Mädchen mit ihm nach Hause fahren.“ Der Mann mag zwar Händler sein (und somit immer auch Geschichtenerzähler), aber solche Erfolge bei den Damen führt selbst er nicht allein auf dieses alte, witzige Auto mit dem lieblich schnatternden Boxermotor zurück. Sondern? „Es liegt wohl daran, dass mein Sohn einfach anders fährt.“ Man glaubt ihn zu sehen: in Schwarz-Weiß, Ellbogen aus dem Klappfenster, eine Gauloise im Mundwinkel. Und den Kofferraum voll mit dem wichtigsten aller Güter: Zeit.

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