Geldanlage

Commerzbank verkauft 92-Jähriger Fonds mit 20-jähriger Laufzeit

Die 92-jährige Irmgard Greiner wehrt sich mit einer Klage gegen die Anlageberatung der Commerzbank.

Die 92-jährige Irmgard Greiner wehrt sich mit einer Klage gegen die Anlageberatung der Commerzbank.

Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund.   Die Commerzbank verkaufte der 92-jährigen Dortmunderin Irmgard Greiner einen Schiffsfonds mit einer Laufzeit von 20 Jahren. 40.000 Euro wollte die Seniorin bei der Bank einfach nur "sicher anlegen". Sie müsste 108 Jahre alt werden, um wieder an ihr Geld zu kommen. Jetzt zieht sie gegen die Bank vor Gericht.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Mit dem Verkauf eines spekulativen Schiffsfonds an eine betagte Seniorin provoziert die Commerzbank mächtig Ärger. Denn: Um wieder an ihr Vermögen zu kommen, müsste die alte Dame zwanzig Jahre warten und 108 Jahre alt werden. „Ich fühle mich betrogen“, sagt die Dortmunderin und hat die Bank verklagt.

Ein kleines Häuschen im Dortmunder Stadtteil Kirchhörde. Es dauert, bis Irmgard Greiner die Tür öffnet – die 92-Jährige ist nicht mehr so gut zu Fuß. Ihr Wohnzimmer verströmt den Charme der Fünfziger Jahre; ein Radio im Nussbaumschränkchen, gestickte Bilder an der Wand und eine Ballerina aus Porzellan auf der Ablage. Irmgard Greiner und ihr verstorbener Mann haben immer bescheiden und sparsam gelebt. Nichtmal einen Fernseher gibt es in der Wohnung. Der einzige Luxus, den sich das kinderlose Ehepaar leistete, waren Reisen in ferne Länder. „Wir haben immer schwer gearbeitet“, sagt sie, „das Geld ist uns nicht in den Schoß gefallen.“ Sechzig Jahre waren die Greiners Kunden der Dresdner Bank, und als die in der Commerzbank aufging, wechselte die Dortmunderin auch dorthin. Ein Leben lang, sagt sie, habe sie der Bank vertraut. Bis vor einigen Wochen. Da wurde Irmgard Greiner plötzlich klar: „Die haben mich hereingelegt.“

"Das Geld sollte irgendwo sicher liegen"

Als im November 2008 ein Teil ihres angelegten Geldes fällig wurde, verkaufte ihr die Bank als Neuanlage einen Schiffsfonds, 20 Jahre Laufzeit, Ausstieg nicht möglich, Totalverlust hingegen schon. 40.000 Euro wurden eingezahlt. Nach zwei Jahren blieb die Ausschüttung aus. Da wurde der Dortmunderin klar, dass man sie zu etwas überredet hat, was sie gar nicht wollte. „Das Geld sollte irgendwo sicher liegen. Und jetzt ist es plötzlich weg“, empört sie sich. „Ich hätte nie gedacht, dass die Bank eine alte Kundin so hereinlegt.“

Wenn Gunnar Meyer diese Zeilen liest, wird er sich ebenfalls empören. Meyer ist Leiter des Privatkundengeschäftes der Commerzbank in Frankfurt, und er sieht die Sache ganz anders. Was er mit deutlichen Worten zum Ausdruck bringt. Frau Greiner, so sagt er, sei eine Schauspielerin, die die Bank erpressen wolle. Denn die langfristige Anlage habe sie doch selbst gewollt. Und der Schiffsfonds sei eben solch eine langfristige Anlage gewesen. Nach ihrem Tod sollte ihr Vermögen in eine Stiftung überführt werden. Da wäre auch dieses Geld eingeflossen. Dass sie jetzt, wo Ausschüttungen ausbleiben, auf die „Mitleidstour“ mache, sei schon „ziemlich frech, ja dreist.“

Bank-Jargon "AD-Kunden" - "alt und doof"

Schauspielerin? Mitleidstour? Erpressung? Solche Worte hört man nicht jeden Tag einen Bänker über seine Kunden sagen. Zumindest nicht öffentlich. Intern jedoch, sagt Zuhal Wegmann aus Dortmund, Fachanwältin für Bankrecht, werde bei manchen Kreditinstituten noch ganz anders über Kunden gesprochen. Da sei dann schon mal von „AD-Kunden“ die Rede, „alt und doof“. Oder von LEOs, „leicht erreichbaren Opfern“.

Wegen ihres großen Vertrauensvorschusses in die Bank war Irmgard Greiner wohl auch solch ein LEO, als 2008 die Beraterin der Dresdner Bank in ihr Haus kam. Auf dem Sessel im Wohnzimmer Platz nahm und ihr ein Papier zur Unterschrift hinlegte. „Wie immer habe ich da gar nicht nachgefragt“, erinnert sich die Kundin. Geschweige denn, den 60-seitigen Verkaufsprospekt gelesen.

Auch Ombudsmann biss bei der Commerzbank auf Granit

Erst als der Fonds wegen der Wirtschaftskrise keine Zinsen abwarf, tauchten Fragen und Zweifel auf. Auf ihrer alten „Olympia“-Schreibmaschine tippte sie einen Brief an die Bank, sie wolle aus dem Fonds aussteigen. Ohne Erfolg.

Dann wandte sie sich an Zuhal Wegmann. Die riet ihr, zunächst den Ombudsmann des Bankenverbandes einzuschalten. Der nach Prüfung des Geschäftes die Großbank aufforderte, die Kundin aus dem Vertrag zu entlassen und ihr das Geld zurückzugeben. Denn die Bank habe verschwiegen, dass sie für den Verkauf des Schiffsfonds eine Provision zusätzlich zum Disagio einsteckte. Der Spruch des Ombudsmannes blieb ebenfalls ohne Erfolg.

Jetzt greift Irmgard Greiner zum letzten Mittel. Mit ihrer Anwältin Zuhal Wegmann hat sie die Commerzbank verklagt. In wenigen Wochen wird vor dem Dortmunder Landgericht verhandelt. Dass die ehemalige Bank ihres Vertrauens vielleicht doch noch einlenken wird, glaubt Irmgard Greiner nicht. „Die rechnen damit, dass ich bald sterbe. Und sich damit die Sache für sie erledigt.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (59) Kommentar schreiben