Opferschutz

Was Psychosoziale Prozessbegleitung so erfolgreich macht

Letzte Informationen vor der Gerichtsverhandlung: Als psychosoziale Prozessbegleitung berät Meike Molitor Opfer von schweren Verbrechen und auch Kinder, damit sie die Strapazen eines Verfahrens besser überstehen können. Dafür stellt sie auch viele Informationen bereit.

Letzte Informationen vor der Gerichtsverhandlung: Als psychosoziale Prozessbegleitung berät Meike Molitor Opfer von schweren Verbrechen und auch Kinder, damit sie die Strapazen eines Verfahrens besser überstehen können. Dafür stellt sie auch viele Informationen bereit.

Foto: Kevin Kretzler

Essen/Arnsberg.  Immer mehr Opfer von Verbrechen nutzen die Möglichkeit einer Betreuung vor Gericht. Das Instrument ist hilfreich, braucht aber noch Unterstützung

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Geschädigte eines schweren Verbrechens befinden sich naturgemäß oft in einer Umgebung, die ihnen völlig fremd ist: einem Gerichtssaal. Seit dem 1. Januar 2017 besteht für sie die Möglichkeit, Hilfe in Anspruch zu nehmen, die vom Staat beziehungsweise dem Täter gezahlt wird. Diese sogenannte psychosoziale Prozessbegleitung soll helfen, wenn sich Betroffene mit Anwälten, Richtern, unangenehmen Fragen zum Tathergang und den Tätern selbst im Gerichtssaal und auch schon im Ermittlungsverfahren auseinandersetzen müssen. Über das letzte halbe Jahr betrachtet nahmen immer mehr Personen diese Hilfe in Anspruch.

Die psychosoziale Prozessbegleitung umfasst eine qualifizierte Betreuung, Informationsvermittlung und Unterstützung während des gesamten Ermittlungs- und Strafverfahrens mit dem Ziel, Belastungen zu reduzieren und das Opfer zu stabilisieren. In NRW gibt es rund 120 Begleiter.

Die Informationen verbreiten sich

Eine von ihnen ist Meike Molitor, die schwerpunktmäßig in den Landgerichtsbezirken Arnsberg und Dortmund tätig ist.

Nach Anlaufschwierigkeiten zu Beginn des letzten Jahres, erhielt die Rehabilitationspädagogin alleine in den letzten zwei Monaten drei Anfragen. Für sie ein klares Zeichen dafür, dass die psychosoziale Prozessbegleitung bekannter geworden ist. „Mittlerweile habe ich mit Anwälten und mit Opferschutzbeauftragten zusammengearbeitet. Auch die weitere Netzwerkarbeit, die wir Begleiter betreiben, hilft dabei“, erklärt Molitor. Das habe zur Folge, dass das Thema jetzt langsam in das Bewusstsein der Leute dringt.

Die Zahlen geben ihr Recht. Nachdem im ersten Halbjahr 2017 noch 25 Anträgen auf eine Prozessbegleitung stattgegeben wurden, waren es am Ende des Jahres über 80. Die Zahl der Anfragen bei den Begleitern selbst ist noch weitaus höher, aber die Anlässe rechtfertigen oft nicht diese Art der Begleitung. Beispielsweise, wenn es um einen Sorgerechtsstreit geht.

Raum für Verbesserungen besteht noch

Trotz der gesteigerten Bekanntheit der Prozessbegleitung sieht Meike Molitor noch Herausforderungen. Das betrifft zum Beispiel ihre Rolle bei Gericht. „Bei den mitunter komplizierten Verhandlungen geht es natürlich darum, den Prozess nicht zu stören, aber gleichzeitig muss ich meine Rolle gegenüber den Betroffenen sinnvoll füllen und sie unterstützen. Da müssen wir die richtige Linie finden“, so die 34-Jährige.

Eine weitere Herausforderung liegt ihrer Meinung nach darin, den Betroffenen klarzumachen, was gerade passiert. Beispielsweise, wenn ein Verfahren eingestellt wird. „Da müssen wir und das Gericht dann klarmachen, wieso es zu dieser Entscheidung kam. In dieser Situation könnte sich eine Menge Frust aufbauen und so kann der Umgang mit der Situation erleichtert werden.“

Werbung direkt im Strafverfahren

Auch Josef Oeinck hat in den letzten zwölf Monaten Praxiserfahrung als Prozessbegleiter gesammelt.

In drei Fällen wurde er zu Rate gezogen, zwei davon schafften es bis vor Gericht. Er ist in den Landgerichtsbezirken Bochum, Dortmund und Essen zuständig und mit der Entwicklung zufrieden. „Wir befinden uns noch in der Phase in der alle wichtigen Stellen informiert werden. Danach kommt die wichtigste Phase, wenn wir den Status halten müssen.“

Der Straftaten-Katalog

Oeinck glaubt ebenfalls, dass die Prozessbegleitung noch Raum für Verbesserungen hat. Ein großes Manko sei, dass nicht genug Straftaten in die Zuständigkeit, der Prozessbegleiter fallen. Er verweist dabei vor allem auf den Bereich der gefährlichen Körperverletzung, die nicht zu den Taten zählt, die eine Betreuung von Erwachsenen rechtfertigt. Bisher haben nur Opfer von schweren Verbrechen, sowie minderjährige Opfer einen Anspruch auf Begleitung, die nicht selbst gezahlt werden muss.

Konkret inbegriffen in diesem Straftaten-Katalog sind sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen, sexuelle Belästigung, Misshandlung von Schutzbefohlenen, Aussetzung, schwere Körperverletzung, Verstümmelung weiblicher Genitalien, Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, Geiselnahme, Nötigung und Raub,

Mehr Austausch mit dem Gericht

Um die Möglichkeit einer Betreuung bekannter zu machen, hat er seine ganz eigene Herangehensweise: „Ich gehe mit Geschädigten in Prozesse und stelle mich in den Pausen bei den Richtern vor“, erklärt Oeinck. Das helfe auch den Opfern, um einen ersten Eindruck vom Geschehen bei Gericht zu bekommen.

Richter stehen in der Pflicht, sich selbst über Gesetzesänderungen zu informieren, so Marcus Teich, Richter am Landgericht Hagen. „Wir können uns mit Flyern informieren, und das Intranet weist auf Gesetzesänderungen hin. Aber das spielt meist erst eine Rolle, wenn einem ein Fall begegnet.“ Deswegen sei vielen Richtern die psychosoziale Prozessbegleitung zwar ein Begriff, aber zunächst nur prinzipiell, nicht unbedingt im Detail.

Für Anwälte sind Fortbildungen verpflichtend

Anders sieht es bei Anwälten aus. Nikolai Odebralski, Fachanwalt für Strafrecht aus Essen, erfährt diese Informationen auf verpflichtenden Fortbildungen. In seiner Kanzlei hat er oft mit Opfern von Sexualverbrechen zu tun und konnte auch Erfahrungen mit einer Prozessbegleitung machen. „So können die Betroffenen im Rahmen der Verhandlung auch Fragen stellen, die keinen juristischen Hintergrund haben. Beispielsweise, wenn es um Ängste geht“, erklärt Odebralski die Vorteile der Prozessbegleitung. Um die Klienten bestmöglich informieren zu können, stellt er in seiner Kanzlei Informationsmaterial bereit.

Mit gesteigerter Bekanntheit könnte der Fachanwalt in diesem Jahr noch öfter Kontakt mit Prozessbegleitern haben. Laut eigenen Angaben hat er es pro Jahr mit mehreren hundert Opfern von Sexualstraftaten zu tun. Meike Molitor ist vom Potenzial überzeugt: „Die Prozessbegleitung ist aufstrebend und eine tolle Sache für den Opferschutz.“

Weitere Informationen zur psychosozialen Prozessbegleitung und Ansprechpartner in Ihrer Umgebung finden sie hier.

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