Extremismus

Warum Terroristen häufig ihre Ausweise am Tatort hinterlegen

Der Geiselnehmer vom Kölner Hauptbahnhof hat am Tatort anscheinend absichtlich seine Papiere abgelegt.

Der Geiselnehmer vom Kölner Hauptbahnhof hat am Tatort anscheinend absichtlich seine Papiere abgelegt.

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Bildagentur-o

Essen/Köln.  Ob der Geiselnehmer von Köln eine Verbindung zum IS hat, ist noch unklar. Wie andere Terroristen hinterließ er aber seinen Ausweis am Tatort.

Während die Ärzte im Krankenhaus noch um das Leben des Geiselnehmers vom Kölner Hauptbahnhof kämpften, durchsuchte eine Spezialeinheit der Polizei bereits die Wohnung des 55-jährigen Syrers im Stadtteil Neuehrenfeld. Ein Personalausweis, den der Mann offenbar absichtlich am Tatort abgelegt hatte, hatte die Beamten zu dieser Adresse geführt. Ein Zufall?

Immer wieder berichten Ermittlungsbehörden davon, dass sie am Tatort persönliche Dokumente - wie etwa Ausweise - finden, die tatsächlich auch zu den Attentätern gehören. Im Netz schießen dann regelmäßig Verschwörungstheorien ins Kraut: Ein Terrorist lässt für die Ermittler seine Papiere da – mal wieder?

Eine eindeutige Erklärung für dieses Phänomen gibt es bisher nicht. Einige Extremismusforscher gehen davon aus, dass die Attentäter sicherstellen wollen, dass ihre Identität bekannt wird. Einige Terrororganisationen würden den Anschlag im Anschluss „belohnen“ und die Familie des „Märtyrers“ finanziell unterstützen. Der Ausweis diene daher wie eine Police der „Lebensversicherung“.

Das sagt Terrorismus-Experte Peter Neumann

Gänzlich abwegig sei diese Erklärung zwar nicht, dennoch hat der renommierte Terrorismus-Experte Peter Neumann eine andere Theorie: "Keiner kann wirklich gut erklären, warum Terroristen ihre Ausweise zurücklassen. Es gibt jedenfalls keine dementsprechende Anweisung des IS, von der ich oder meine Kollegen wissen." Es sei vielmehr zu vermuten, dass die Täter wollten, dass der "Richtige" identifiziert wird, so der Leiter des Internationalen Zentrums zur Erforschung von Radikalisierung (ICSR) am Londoner King’s College auf Nachfrage unserer Redaktion. Den Extremisten gehe es gewissermaßen um einen "Märtyrer-Ruhm".

Ob und in welcher Beziehung der Geiselnehmer von Köln zur Terrororganisation IS steht, ist noch unklar. "Es werde weiter ermittelt, ob es sich um einen terroristischen Anschlag gehandelt habe", erklärte die Polizei am Dienstag. Auch eine Übernahme der Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft werde weiter geprüft. Der Geiselnehmer habe über eine erhebliche Menge Benzin und Gas verfügt. Unklar sei bislang, ob es Mittäter gegeben habe. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft stellte "wegen der besonderen Bedeutung des Falles" eine Übernahme der Ermittlungen in Aussicht.

Der Syrer hätte mit seinen mitgeführten Gaskartuschen einen erheblichen Schaden anrichten können. Hätte er die Druckbehälter zur Explosion gebracht, wäre der Schaden beachtlich gewesen, sagte der Leitende Kriminaldirektor Klaus-Stephan Becker in Köln. Dafür bedürfe es jedoch großer Hitze. Ob das mitgeführte Benzin ausgereicht hätte, darüber könne bislang nur spekuliert werden.

Anschlag in Berlin - Anis Amri hatte Ausweis im Lkw liegen lassen

Auch beim schwersten Anschlag der jüngeren deutschen Vergangenheit hatte der Täter Dokumente wohl absichtlich so deponiert, dass die Ermittler sie finden. Im Führerhaus des Lkw, mit dem der Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz verübt wurde, war unter dem Fahrersitz eine Duldungsbescheinigung gefunden worden, die die Polizei auf die Spur des Tunesiers Anis Amri gebracht hatte.

Auch der Ausweis des Tunesiers, Mohamed Lahouaiej Bouhlel, der in Nizza ähnlich wie der Attentäter von Berlin in eine Menschenmenge gerast war, wurde in dem Lkw gefunden. Alle Angreifer in diesen Fällen wurden getötet und konnten nicht mehr gefragt werden, warum sie Ausweise zurückließen.

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