Serie: Schule fürs Leben

Stufenweise in die Selbstständigkeit

Familie Stockhorst-Bodenstein mit den Eltern Sabine und Frank und den Kindern Lilly und Finn im Garten ihres Hauses.

Familie Stockhorst-Bodenstein mit den Eltern Sabine und Frank und den Kindern Lilly und Finn im Garten ihres Hauses.

Foto: Kai Kitschenberg

Neukirchen-Vluyn.   Eben noch waren die eigenen Kinder behütete Grundschüler. Dann kommen sie auf die weiterführende Schule – und das Erwachsenwerden beginnt.

Kinder, sind die groß geworden. Vor fünf Jahren hat die NRZ die damals fünfjährige Lilly Stockhorst bei den Vorbereitungen auf den ersten Schultag begleitet. Vor zwei Jahren dann erzählten wir von der Suche für die beste weiterführende Schule für ihren älteren Bruder Finn. Jetzt sitzen einem Lilly (11 ) und Finn (12) gegenüber, keine Kinder mehr, aber auch noch nicht so richtige Teenager, immer noch ein bisschen kindlich, aber auch schon ziemlich kess, und halten einem freiwillig und mit einigem Stolz ihre letzten Zeugnisse von der Gesamtschule entgegen. Stolz sind sie völlig zu Recht, ihre Noten können sich sehen lassen.


Kompliment an die beiden und auch an ihre Eltern, Problemschüler sind die beiden jedenfalls keine.
Und doch hat sich einiges im Leben von Familie Stockhorst-Bodenstein verändert, seitdem mit Lilly auch die Jüngste auf der weiterführenden Schule ist, während Niklas (20), der Älteste, die Schule längst hinter sich hat und gerade dabei ist, von zu Hause auszuziehen. Da geht es ihnen nicht anders als vielen anderen Familien, die sich irgendwann im gegenseitigen Loslassen üben (müssen). Ein Einschnitt für alle Beteiligten, der für die Erwachsenen womöglich noch viel schwieriger ist als für den Nachwuchs. „Irgendwann stellt man fest, dass die Kinder so erwachsen und selbstständig werden und ihr eigenes Leben führen. Auf einmal ist man weiter weg von allem“, so Frank Stockhorst.

Lilly ist jetzt in der sechsten, Finn in der siebten Klasse der Gesamtschule am Ort, die nur zweieinhalb Kilometer entfernt liegt und gut mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Gesamtschule, das sei eine bewusste Entscheidung gewesen, damit die Kinder neun Jahre und damit weniger Zeitdruck bis zum Abitur haben, berichten die Eltern. „Auf der Gesamtschule haben sie bis zum Abschluss 2000 Unterrichtsstunden mehr als auf dem G8-Gymnasium. Und sie lernen hier eben auch praktische Dinge fürs Leben, wie man zum Beispiel ein Konto führt oder einen Pfannkuchen backt. Das finde ich gut“, sagt Mutter Sabine Stockhorst-Bodenstein.

Mehr Struktur im Familienalltag

Die weiterführende Schule ist für die Kinder der nächste Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Und für die Eltern? Vorbei sind die behüteten Grundschulzeiten mit Plätzchenbacken, gemeinsamem Klassenraum-Schmücken und Klassenfahrtbegleitung - „was ich zum Beispiel immer sehr gerne gemacht habe“ sagt Frank Stockhorst, Vater von Lilly und Finn. Die Befürchtung, dass sich die beiden Kinder in der weitläufigen und deutlich größer dimensionierten Gesamtschule, die sich auch noch das Gelände mit einem Gymnasium teilt, verloren fühlen oder gar untergehen, erwies sich allerdings als rein elterliche und völlig unnötige Sorge. Der Nachwuchs fand sich in den neuen Gegebenheiten ruckzuck zurecht. „Im Vergleich zur Grundschule ist es allerdings doch recht anonym“, so die väterliche Perspektive des 45-Jährigen.

Dafür entfällt der Hausaufgabenstress, weil es in der Ganztagsgesamtschule, in der dreimal in der Woche der Unterricht bis 15.30 Uhr geht, keine Hausaufgaben gibt. „Dadurch ist unser Leben deutlich strukturierter und planbarer geworden“, sagt Sabine Stockhorst-Bodenstein, was die ziemlich enge Zeittaktung im Leben zweier berufstätiger Eltern und sportbegeisterter Kinder mit regelmäßigem Handball- und Leichtathletiktraining ziemlich erleichtert.

Elternsprechtage gibt es auch nicht mehr, stattdessen Lernentwicklungsgespräche zwischen Lehrern und Schülern, an denen die Eltern teilnehmen dürfen - allerdings nur am Rande vorgesehen sind. „Wir kamen unter Punkt sieben dran: Was möchten die Eltern wissen?“, so der Vater. Und Sabine ahnt: „Spätestens ab Klasse acht, wenn die Aufgaben immer schwieriger werden, sind wir auch beim Üben für Tests und Klassenarbeiten raus.“

Lange raus ist Frank, der „halbe Helikoptervater“, wie er sich selber nennt, auch beim Versuch, seine Kinder direkt am Schulhof abzuholen. Lilly blickt bei dem Thema entsetzt drein. „Ich weiß“, grinst ihr Vater. „Ich bin uncool und peinlich.“ Die nächste Stufe im Abnabelungsprozess ist erreicht.

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