Vermisstenfall

Winterbergerin schon seit Juni in den Alpen vermisst

Die Bergrettung - hier ein Foto von einer Übung - hat mehrfach in den Allgäuer Alpen nach Gisela Reiß gesucht - vergebens.

Die Bergrettung - hier ein Foto von einer Übung - hat mehrfach in den Allgäuer Alpen nach Gisela Reiß gesucht - vergebens.

Foto: Matthias Böhl

Winterberg.   Seit einem Wanderurlaub im Allgäu ist die Winterbergerin Gisela Reiß vermisst. Der letzte Kontakt stammt vom 7. Juni 2016.

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„Habe heute die Kanzelwand erklommen, war ein richtig schöner Tag!“ Das ist der letzte Satz, den Gisela Reiß am 7. Juni per Smartphone aus dem Allgäu ins Sauerland schickt. Regelmäßig hält sie so Kontakt zu ihren Freunden. Einen Tag später stellt sie ihren nagelneuen Audi TT auf dem Parkplatz der Fellhornbahn nahe Oberstdorf ab, zieht einen Parkschein, geht wandern und kehrt nicht zurück. Seitdem wird die 65-Jährige vermisst.

Vermisst von Ulrike und Christian R., die namentlich nicht genannt werden möchten. Die beiden sind mehr als nur die Nachbarn der resoluten, quirligen, kleinen Frau. „Ihr seid unsere Familie geworden“, hat die 65-Jährige immer zu den beiden gesagt. 2008 zieht sie mit ihrem Mann Günter von Havixbeck nach Winterberg. Aus der lockeren Bekanntschaft unter Nachbarn wird eine vertraute Freundschaft. Sie wächst noch einmal, als Günter Reiß im Januar 2015 stirbt. Einen Tag später händigt die Witwe ihren Nachbarn eine Generalvollmacht aus. Alles ist darin geregelt. Dass sie eines Tages aus einem Tal im Allgäu nicht mehr zurückkehren würde, das ahnt niemand.

Nur zu Fuß unterwegs

„Giselas Lebenslauf könnte von mehreren Personen stammen. So viel hat sie schon gemacht. Ich rede ja schon viel, aber bei ihr kam man kaum dazwischen. Und sie hat sich nichts gefallen lassen.“ Ulrike und Christian R. werfen sich die Bälle nur so zu, wenn sie sich an ihre Nachbarin und Freundin erinnern, die nur zu Fuß unterwegs war. Ganz selten hat sie sich ins Auto gesetzt und ist durch die Stadt gefahren. Ansonsten habe sie den Wagen nur angepackt, um in Urlaub zu fahren.

So auch diesmal für ihre Tour ins Allgäu. Gisela Reiß mietet sich dort im Juni eine Ferienwohnung. Sie wandert gern allein. „Gisela hat uns mal von einer Winter-Tour erzählt und dass ihr alle anderen zu langsam waren. Der Wanderführer habe ihr abends gestanden: Sie sei die erste Frau gewesen, die ihn beim Wandern platt gekriegt habe“, erzählt Ulrike R.. Als sie im Juni einen Tag lang nichts von ihrer Freundin hört, wird sie daher unruhig. „Das ist nicht ihre Art. Erst habe ich gedacht: Na ja, vielleicht hat sie wegen der Grenzlage Deutschland-Österreich Netzprobleme.“ Aber als nach zwei Tagen immer noch keine Nachricht kommt, wird sie unruhig und meldet Gisela Reiß als vermisst.

Die Freunde aus Winterberg machen sich gleich am nächsten Tag auf den Weg ins Allgäu, sprechen mit Polizei und Bergwacht und räumen die letzten Zweifel aus, dass Gisela Reiß vielleicht freiwillig aus dem Leben geschieden sein könnte. „Sie hatte schon Urlaubsmitbringsel für uns und Kater Lucky im Kofferraum. Und sie hatte für den Herbst eine Alpenüberquerung gebucht.“ Aus all dem wird nichts. Die Winterbergerin bleibt vermisst.

Polizei sammelt DNA-Spuren

Vor wenigen Tagen hat Ulrike R. abends noch einmal die Rufnummer der Kripo Kempten auf ihrem Telefon-Display entdeckt. „Die wollten nur die Adresse von Giselas Zahnarzt haben.“ Die Polizei in Kempten bestätigt, dass sie DNA-Spuren und Unterlagen über den Zahnstatus sammelt, für den Fall, dass irgendwann mal ein lebloser Körper in den Alpen gefunden wird, der Gisela Reiß sein könnte.

„Solche Vermisstenfälle kommen bei uns leider immer wieder vor. Erst im Herbst haben wir eine Person mit einem Beinbruch aus Bergnot gerettet. Nur wenige Meter daneben entdeckte die Bergwacht dann die Überreste eines Wanderers, der vor einem Jahr nicht zurückgekehrt war“, sagt Polizeihauptkommissar Jürgen Krautwald, Pressesprecher der Polizei Schwaben Süd/West.

„Ich bin sicher, dass sie tot ist. Sie kommt nicht wieder. Aber ich kann nicht Abschied nehmen. Es wäre leichter, wenn wir Gewissheit hätten“, sagt Ulrike R.. Selbst für den Todesfall hatte Gisela Reiß vorgesorgt. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie vier Plätze im Winterberger Ruhewald gekauft. Der Baum hat eine ganz bestimmte Nummer. Sie setzt sich aus den beiden Hausnummern der Nachbarn zusammen...

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