Ernährung

Wie sich Veganer gegen Witze und Vorurteile wehren können

Veganer müssen sich oft mit Vorurteilen und schlechten Witzen herumärgern. Ein Philosoph gibt ihnen eine Argumentationshilfe.

Veganer müssen sich oft mit Vorurteilen und schlechten Witzen herumärgern. Ein Philosoph gibt ihnen eine Argumentationshilfe.

Foto: Uli Deck

Hagen.   Nachfragen, Witze, Vorurteile – Veganer haben oft mit verbalen Attacken ihres Umfeldes zu kämpfen. Ein Wissenschaftler gibt ihnen Schützenhilfe.

Der Politikwissenschaftler und Philosoph Dr. Mathieu Rousselin arbeitet in der Stabsstelle für Digitalisierung und Internationalisierung der Fernuniversität in Hagen. Im September bietet er an der Volkshochschule Dortmund ein „Argumentationstraining für Veganerinnen und Veganer“ an - erstmals in Deutschland.

Warum brauchen Veganer Hilfe?

Mathieu Rousselin: Nach meiner Erfahrung haben Nicht-Veganer, wenn sie mit den Konsequenzen ihres Handelns konfrontiert werden, häufig Schuldgefühle und gehen deshalb gerne zum Angriff über. Beispielsweise mit Stammtischparolen. Auch im Freundes- und Familienkreis gibt es Nachfragen – manchmal aus offener Neugier heraus, manchmal verletzend. Ich habe da über die Jahre Beispiele gesammelt und anhand derer wollen wir im Seminar üben, darauf locker zu reagieren, ohne in einen Professoralton zu verfallen.

Was sind die Vorhaltungen?

Vegane Ernährung sei gefährlich für die Gesundheit, weil wichtige Nährstoffe fehlten, Soja löse hormonelle Umstellungen bei Männern aus, ohne Fleisch schrumpfe das Gehirn, und wir hätten Reißzähne, um Fleisch zu essen.

Und das stimmt nicht?

Nein. Tatsächlich enthalten Soja-Produkte Isoflavonoide, die in sehr hohen Dosen eine geschlechtshormonelle Wirkung haben können. Dennoch sind Soja-Produkte laut des in vielerlei Hinsicht sehr konservativen Bundesinstitutes für Risikobewertung bei üblichen Verzehrmengen völlig unbedenklich. Auch die Hypothese, die Gehirnentwicklung sei auf Fleischzufuhr zurückzuführen, ist überholt. Neuere Studien heben etwa die Fähigkeit, stärkehaltige Pflanzen und Knollen zu verdauen oder die Entdeckung des Kochens hervor. Und dass wir Reißzähne haben, muss nicht viel heißen: Wir haben auch Kauzähne! Eine biologische Prädisposition ist nie ein Schicksal.

Und die Nährstoffe?

Man muss ein paar Ernährungsregeln beachten, an Eisen, Zink, Vitamin D oder B12 denken, aber dann ist eine vegane Ernährungsweise nicht nur ungefährlich, sondern sogar förderlich für die Gesundheit, auch für Ältere oder Leistungssportler. Ich selbst habe weniger Allergien und bessere Blutwerte, seitdem ich tierische Fette aus meinem Teller gestrichen habe.

Und was ist mit kleinen Kindern?

Da sind die Forschungsergebnisse nicht eindeutig. Es empfiehlt sich daher eine vegetarische Ernährung.

Wie sind Sie Veganer geworden?

Ich komme aus ganz anderen Verhältnissen. Meine Großeltern sind Kleinbauern in der Normandie. Daher kommen die besten Käse der Welt. Und wenn meine Oma ein Huhn essen will, greift sie sich eines, das draußen herumläuft und schlachtet es. Das hat mich nie gestört. Aber was wir in den Supermärkten kaufen, ist anders entstanden. Da geht es um Profitmaximierung und industrielle Produktion, da gibt es qualvolle Transporte, grausame Bilder aus Schlachthöfen, kein natürliches Futter mehr und vorbeugenden Antibiotikaeinsatz. Auch in der Bio-Szene werden die Tiere nicht zu Tode gestreichelt.

Es geht um Tierschutz und Ethik?

Auch. Aber genauso wichtig war die Auseinandersetzung mit den Konsequenzen unserer Ernährung für die Umwelt. Man muss sich klarmachen, dass die Tierhaltung mehr CO2 erzeugt als aller Transport. Etwas plakativ formuliert, wären unsere größten Umweltprobleme in einer veganen Welt gelöst – ich finde, es sollte Steuerentlastungen für Veganer geben!

Ist es nicht kompliziert, Veganer zu sein?

Weniger als man denkt! Wenn man das ganz konsequent betreibt, ist es sicherlich eine Anstrengung. Aber in erster Linie ist es eine Bereicherung. Ich esse und koche gern auch zu Hause und für Freunde. Viele Gäste sind erstaunt über die Vielfalt – schließlich gibt es zwischen 250 000 und 300 000 verschiedene essbare Obst- und Gemüsesorten weltweit! Aber ich bin auch flexibel – oder vielleicht inkonsequent: Wenn zu Hause ein Stück Käse oder Ei übrig ist, esse ich es lieber, bevor es weggeworfen wird.

Wäre es nicht wichtiger, die Landwirtschaft zu verändern als mit vermutlich mäßigem Erfolg Verzicht zu propagieren?

Für mich heißt Veganismus nicht Verzicht, sondern persönliches Wachstum und Verantwortung. Und so mäßig ist der Erfolg auch nicht: Es leben schon 8 Millionen Vegetarier und 1,3 Millionen Veganer in Deutschland, über 10% der Bevölkerung! Der Markt für pflanzenbasierte Nahrungsmittel wächst auch unter den Nicht-Veganern stetig. Daher sind beide Wege nicht inkompatibel: Eine bessere Information der Verbraucher über die Bedeutung des Konsums von tierischen Produkten auf der Nachfrageseite und eine Transformation der landwirtschaftlichen Produktionsstrukturen auf der Angebotsseite. Es gibt kaum noch Menschen, die bestreiten, dass es aus Gesundheits- und Umweltgründen sinnvoll wäre, weniger Fleisch zu essen. Es sollte daher wohl möglich sein, besonders umweltschädliche Formen der Intensivlandwirtschaft zu verbieten und strengere Standards für Arbeiter, Tiere und Umwelt zu setzen.

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