Technik

Wie sich autonomes Fahren auf das menschliche Befinden auswirkt

Dr. Bruno Gransche ist Zukunftsforscher am Forschungskolleg Zukunft menschlich gestalten (Fokos) der Universität Siegen

Dr. Bruno Gransche ist Zukunftsforscher am Forschungskolleg Zukunft menschlich gestalten (Fokos) der Universität Siegen

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.  Der Philosoph Bruno Gransche beschäftigt sich seit vielen Jahren mit neuen Mensch-Technik-Verhältnissen – etwa dem autonomen Fahren.

Selbstständig fahrende Autos sind eine große Herausforderung für die Technik – aber auch für die Menschen, die mit ihnen umgehen werden (müssen). Was macht das mit uns? Das haben wir Bruno Gransche gefragt. Der Philosoph ist derzeit am Forschungskolleg (FoKoS) der Uni Siegen tätig und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit neuen Mensch-Technik-Verhältnisen.

Schränken autonom fahrende Autos die Autonomie des Menschen ein?

Bruno Gransche: Nein. Wenn Ingenieure von autonomen Systemen reden, meinen sie etwas anderes, als wenn wir von Autonomie beim Menschen sprechen.

Das Auto hat kein Bewusstsein?

Und ich halte es für ausgeschlossen, dass die KI so weit kommt.

Aber das Auto entscheidet.

Da müssen wir drei Ebenen unterscheiden. Die erste ist die instrumentelle, also die Wahl der Mittel. Die haben wir schon an die Technik delegiert. Die Waschmaschine legt je nach Aufgabe selbst die Drehzahl und Temperatur fest. Die zweite Ebene ist die strategische. Um die geht es jetzt. Das autonome Auto wählt abhängig von informativem Input den Weg. Die dritte ist die normative, die Ziel und Zweck festlegt. Die wird nicht delegiert. Das Auto kann und wird nicht sagen: „Ich möchte heute nicht nach München.“

Wenigstens das. Aber ich muss mich einem fremden Fahrstil ausliefern. Ein Problem für Leute, die schon als Beifahrer nervös werden.

Das ist eine Kulturfrage. In Flugzeug oder Bahn habe ich die Steuerungskompetenz schon abgegeben. Und wenn sich einmal rumgesprochen hat, wie komfortabel das autonome Fahren ist, lasse ich gern die Hände vom Steuer.

Weil wir uns langsam an immer mehr Assistenzsysteme gewöhnen?

Kommt aufs Geschäftsmodell an. So stellt sich das die deutsche Autoindustrie vor: immer neue Ausstattungslinien. Die Konzepte von Google oder Alibaba sind andere. Da ist eine Mobilitätsplattform führend und die Hardware zweitrangig.

Wie selbstständig werden die Autos denn nun? Fahren sie in zehn Jahren allein durch die Städte?

Das ist wohl zu früh. Und ob die Stadt mit gemischtem Verkehr und vielen Fußgängern überhaupt der geeignete Ort ist, bleibt abzuwarten. Ich habe schon in autonom fahrenden Kleinbussen gesessen. Die fahren sehr langsam und bleiben oft stehen. Immer dann, wenn ein Fußgänger davor springt. Bei den Campus-Shuttles, um die es hier geht, machen sich viele Leute einen Spaß daraus.

Die Menschen sind der Störfaktor?

In der Stadt müsste man Fußgänger und Autos vielleicht durch eine Barriere trennen. Aber es gibt generell ein Übergangsproblem. Den gemischten Verkehr, also autonomen und traditionell gesteuerten, zu koordinieren, ist sehr schwierig. Unser Verkehr läuft ja nur, weil alle die Regeln flexibel handhaben, weil man sich per Blickkontakt verständigt oder Fehler anderer korrigiert. Das können Maschinen alles nicht. Und selbst, wo sich autonomes Fahren als erstes anbietet - Platz sparendes Kolonnenfahren der Lkw auf Autobahnen -, bekommen wir ein Problem, wenn nicht autonome Fahrzeuge einscheren wollen.

Das klingt alles sehr schwierig. Wie wird es denn überhaupt mit der Akzeptanz aussehen? Verzeihen wir Maschinen Fehler?

Maschinenfehler werden bestimmt zu Beginn stärker gewichtet als menschliches Versagen. Aber die Hauptunfallursache heute ist der Mensch. Und wenn wir dank der Technik statt 3500 Verkehrstoten im Jahr nur noch 100 haben, dann geht das mit der Akzeptanz sicherlich sehr schnell.

Freiheit und Fahrspaß spielen keine Rolle mehr?

Es könnte Ausnahmen geben für Oldtimer, Motorräder oder Pferde. Aber auch beim Rauchen war viel von Freiheit die Rede, und heute werden die Verbote akzeptiert. Wenn die Technik wirklich attraktive Lösungen unter Einbezug autonomer Technik produzieren kann – so weit sind wir im Verkehr jetzt noch nicht –, wird es wohl als sozial unverträglich gelten, noch selbst fahren zu wollen.

Sie machen mir Angst. Als nächstes stehen dann Sex und Alkohol auf der schwarzen Liste?

Hoffentlich nicht. Die kontrollierte mündige Selbstschädigung eines Erwachsenen muss sein gutes Recht bleiben. Risikominimierung und Gesundheitsförderung dürfen wir nicht paternalistisch über das stellen, wofür es sich zu leben lohnt.

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