Nachhaltig

Wie man den Kleiderschrank umweltfreundlich füllt

Kleidertausch-Party in Arnsberg.

Kleidertausch-Party in Arnsberg.

Foto: Lars Heidrich

Arnsberg.   Damit Kleidung nicht zur Wegwerfware verkommt, treffen sich Frauen in Arnsberg zu Kleidertausch-Partys – und finden dort neue Lieblingsstücke.

Das weinrote Kleid kann weg. „Das ist sowieso nicht schön“, ermuntert der Sohn. Das stimmt natürlich nicht, aber die Mutter trägt lieber Hosen. Das Kleid hat sie für ein Familienfest gekauft, einmal getragen, dann in den Schrank verbannt. Also ab damit nach Arnsberg zur Kleidertauschparty.

Ausgerechnet an einem Freitagabend mitten in der Ferienzeit. 36 Grad im Schatten waren es tagsüber. Dennoch scheint es abends nicht zu heiß, um Hosen anzuprobieren, Pullover überzustreifen und Kleider anzuhalten. Christin ist mit zwei Freundinnen gekommen, mit Piccolo-Flaschen prosten sich die drei zu. „Ich bin regelmäßig hier“, sagt die 25-Jährige. „Denn das ist eine ökologisch gute Sache“, erklärt sie und fügt hinzu: „Es schont die Ressourcen, Kleider zu tauschen, statt sie wegzuwerfen.“ Dabei sieht sie im Rosa-Top, in glitzernden Sandalen und mit leuchtend pinkfarbenem Lippenstift kein bisschen nach Jute-Sack und altem Müsli-Image aus.

Seit vier Jahren bereits treffen sich Frauen hier im Arnsberger Bahnhof regelmäßig zur Swap-Party. Kleidertausch ist bundesweit ein Trend. Nicht nur, um den eigenen Gelbeutel zu schonen. „Es geht auch um Nachhaltigkeit“, sagt Anke Kristin Weiß, die für ein ganzes Team von Helferinnen spricht, das die Arnsberger Partys organisiert.

5,2 Milliarden Kleidungsstücke

T-Shirts, Pullover, Hosen sind für wenige Euro in Deutschland wie Wegwerfartikel zu kaufen. Laut einer Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2015 werden von etwa 5,2 Milliarden Kleidungsstücken in der Bundesrepublik 40 Prozent selten oder nie getragen. „Ihren Preis hat die billige Ware am anderen Ende der Welt“, schreibt Greenpeace in der Zusammenfassung der Studienergebnisse. Die Textilindustrie in den Produktionsländern sei einer der größten Wasserverschwender und -verschmutzer. Dass die Kleidungsstücke in Fabriken unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert werden, ist spätestens nach der Brand­katastrophe in Bangladesch im Jahr öffentlich geworden.

„Ich könnte mir andere Sachen erlauben“, sagt Elisabeth Kebekus. „Aber warum sollte ich?“, beantwortet sie die Frage, warum sie ins Bürgerzentrum kommt, statt in die Mode-Boutique zu gehen. „Das sind hier doch gute Sachen“, betont die 65-Jährige. Sie trägt eine pinkfarbene Hose, ein T-Shirt mit Blümchen darauf und bunt gemusterte halboffene Schuhe. Wer hier mitmacht, der zieht offenbar nicht nur den Einheitslook von der Stange an, sondern ist in Sachen Mode eine Persönlichkeit.

Fünf bis 15 Teile dürfen die Frauen – Männer haben keinen Zutritt – zum Tausch abgeben und hinterher entsprechend viele Stücke wieder mitnehmen. Manchmal gehe man aber auch mit weniger als dem Mitgebrachten wieder nach Hause, sagt Anke Kristin Weiß. Die Teile, die nicht getauscht werden, können die Besitzerinnen hinterher wieder mitnehmen oder der Kleiderkammer spenden.

Außergewöhnliche Stücke

Manche Teile tauchten auch beim nächsten Tausch wieder auf, erzählt eine der Helferinnen. Wie die sommerliche Bluse mit weit fallenden Ärmeln: eine Foto-Tapete auf Stoff mit einem Muster aus knorrigen Ästen auf blauem Grund. Anke Kristin Weiß hat die Bluse selbst bei einer der vergangenen Partys mitgenommen. Im Laden hätte sie sich das Stück nicht gekauft, gibt sie zu. „Hier kann man auch mal etwas ausprobieren“, sagt sie. In diesem Fall sei ihr allerdings hinterher klar geworden, dass die Bluse doch nicht das Richtige für sie sei.

Beatrix Engels-Wegener ist zum ersten Mal beim Tausch. „Das sind eigentlich nicht meine Farben“, sagt sie, während sie ein Kleid in verschiedenen Brauntönen anhält und sich dabei im Spiegel betrachtet. Aber der Schnitt gefällt ihr: „Mit Löchsken an den Schultern“, sagt sie die 72-Jährige voller guter Laune. Also vielleicht das richtige für die Urlaubsreise. Dazu nimmt sie noch ein Halstuch mit. „Ich komme wieder“, sagt sie bestimmt.

Das weinrote Kleid ist am Ende des Abends auch von der Kleiderstange verschwunden und hat ­offenbar eine neue Besitzerin gefunden. Stattdessen kommt eine türkisfarbene Bluse mit, indischer Stil, mit Ornamenten bestickt und weißen Steinchen besetzt. Ein außergewöhnliches Stück für jemanden, der sonst langweilig Einfarbiges trägt. Der Sohn zu Hause guckt groß, lächelt etwas unsicher und sagt – ganz schlau – einfach nichts.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben