Musical

West Side Story mit tollem Ensemble in Wuppertal

Die Mädchen der Sharks träumen unter der Hochbrücke von „America“.

Die Mädchen der Sharks träumen unter der Hochbrücke von „America“.

Foto: Uwe Stratmann

Wuppertal.   Wuppertal verlegt das Musical „West Side Story“ in die Jugendbanden-Milieus unserer Tage. Das große Ensemble tanzt und singt herausragend.

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Dröhnender Verkehrslärm orchestriert Tag und Nacht ihr Versagen: Vom übermächtigen Schatten einer Hochbrücke regelrecht niedergedrückt, wollen Jets und Sharks mit Gewalt einen Platz in der US-amerikanischen Gesellschaft behaupten. Doch in der neuen Wuppertaler „West Side Story“ wirkt dieses asoziale Bandenmilieu nicht gefährlich, sondern unterkühlt. Die Inszenierung macht fast alles richtig. Die Fehler aber lassen aus einer potenziell herausragenden Produktion ein mitunter eher langweiliges Musical-Erlebnis werden.

Regisseurin Katja Wolff hat die Idee, die rivalisierenden New Yorker Gruppen der Jets und der Sharks im deutschen Jugenddialekt unserer Tage sprechen zu lassen. Jargon bewirkt auf der Bühne allerdings immer ein Risiko für die Fallhöhe. Hier senkt er das Niveau im Handumdrehen auf gut gemeintes sozialpädagogisches Theater. Die Liebesgeschichte zwischen Maria und Tony, schön und tragisch wie einst bei Romeo und Julia, verkümmert zu einer Stadtteil-Romanze.

Romeo und Julia neu erzählt

Leonard Bernstein wollte mit seiner „West Side Story“ den Romeo- und Julia-Mythos neu erzählen. Das Konzept, den zugrundeliegenden Konflikt in die ethnischen Spannungen des New Yorks der 1950er Jahre zu übersetzen, hat dem Musical einen anhaltenden Erfolg beschert – und es ist bis heute aktuell, da solche Auseinandersetzungen an Brisanz eher noch gewonnen haben.

Die kulturellen Unterschiede zwischen den Jets, schon in den Staaten geborenen Kindern europäischer Einwanderergruppen, und den puertoricanischen Sharks liefern Bernstein den Steinbruch für ungewöhnliche Musikkombinationen zwischen Jazz, lateinamerikanischen Rhythmen, Pop und Oper. So sind unvergängliche Hits entstanden.

Aber tatsächlich handelt die „West Side Story“ nicht primär von ethnischen Konflikten, sondern von Verteilungskämpfen am unteren Ende der sozialen Skala. Und da kein Geld zu verteilen ist, geht es eben um Ehre – und um Mädchen. Dieses stets gewaltbereite Umfeld wird durch die Raumlösung von Cary Gayler nicht scharfgezeichnet, sondern verharmlost. Wie eine solche Hochbrücke ein Stadtviertel umkippen lassen kann, lässt sich zum Beispiel in Hagen in Bahnhofsnähe studieren. Dort sind im Schlagschatten der hochgelegten Trasse, die täglich von 40 000 Fahrzeugen passiert wird, genau jene Einwanderer-Milieus mit all den Reibungsflächen im Guten wie im Schlechten entstanden, die Leonard Bernsteins „West Side Story“ beschreibt. Doch Cary Gayler belässt es in seinem Raum bei einer abstrakten Visualisierung einer solchen städtebaulichen Falle. Und das nimmt den Bildern ihren Biss. Sie können außerdem keine Magie entwickeln, weil sie immer wieder von betulichen Regie-Einfällen gebrochen werden, etwa, wenn der Ladenbesitzer Doc (Stefan Gossler) wie das Klischee eines Sozialpädagogen auftritt und der rassistische Polizeioffizier Shrank (Dietmar Nieder) wie der Gemeinplatz vom fiesen Bullen.

Eine großartige Anita

Das große Ensemble tanzt und singt mit enormem Einsatz. Choreograph Christopher Tölle ist es hervorragend gelungen, das ganze Testosteron und all die unerfüllten Hoffnungen in atemberaubenden Tanzfiguren sichtbar zu machen. Sarah Bowden ist als Anita der Fetenkracher schlechthin, eine Rockröhre, die selbst auf himmelhohen Stilettos noch akrobatische Kunststücke vollführen kann und hinter der Maske des Straßenmädchens ein wildes Herz verbirgt.

Gero Wendorff ist als Tony viel zu lieb, singt jedoch großartig. Und Martina Lechner ist eine Maria mit glockenklarem, leidenschaftlichem Sopran, ein Mädchen, das eine neue, eine freie Welt erobern will und zu spät merkt, dass ihre puertoricanische Familie die alten Probleme nicht in der Heimat zurückgelassen hat.

All die unterschwellige Aggressivität und auch all den Lebenshunger, welche die Bühne vermissen lässt, bringt Dirigent Christoph Wohlleben mit dem Wuppertaler Sinfonieorchester ins Spiel. Hier sitzt jeder Ton, jede Nuance kommt passgenau, und jede Melodie, jeder Rhythmus erzählt von der Sehnsucht, der ewigen Folter des Hochbrücken-Lärms in Träumen und Liedern zu entfliehen.

www.wuppertaler-buehnen.de

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