Integration

Wenn Kindergartenkinder zu Hause nicht Deutsch reden

Zu Besuch in der Kindertagesstätte Zoar in Hagen. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Zu Besuch in der Kindertagesstätte Zoar in Hagen. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Foto: Ralf Rottmann

Hagen.   Jedes vierte Kindergartenkind spricht zu Hause überwiegend nicht Deutsch. Ein Problem für die Integration? Zu Besuch in einer besonderen Kita.

Kinder laufen umher. ­Yousef, Aleyna, Seyno und Mila. Sie haben Decken auf dem Boden ausgebreitet, beratschlagen, wie es weitergeht. Sie stecken die Köpfe zusammen. „Sollen wir Kochen spielen“, fragt eine. „Jaaaaa“, rufen die anderen. Barbara Willig sieht zufrieden aus. „Wer in die Gruppen schaut und die Kinder beobachtet, der sieht das beste Beispiel für Integration“, meint die Leiterin des Kindertagesstätte Zoar in Hagen. Genauer: in Hagen-Wehringhausen. Ein Stadtteil, der nicht an jeder Ecke als Nobelviertel gilt. Viele Zuwanderer- und Flüchtlingsfamilien wohnen dort.

Deutschkenntnisse: keine

Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass in Nordrhein-Westfalen jedes dritte Kind in einer Kindertagesbetreuung mindestens ein Elternteil hat, das nicht in Deutschland geboren wurde. Bei jedem vierten Kind wird zu Hause überwiegend nicht Deutsch gesprochen. In Hagen sind es sogar 37 Prozent. Ist das eigentlich ein Problem für die Integration?

„Nein“, sagt Barbara Willig, „zumindest nicht bei uns. Weil wir die Kinder da abholen, wo sie stehen.“ 35 Kinder besuchen die Kita Zoar – deren Wurzeln liegen in 14 unterschiedlichen Ländern: u.a. in Syrien, Polen, Kroatien, Bulgarien, Tunesien, Nigeria, Kroatien, Guinea, Italien, Griechenland, der Türkei und im Libanon.

Abdullah (2) und Abdelrahim (4) sind seit August da. Die Familie flüchtete aus Syrien. Deutschkenntnisse bei ihnen wie bei drei anderen Kindern vor einem halben Jahr: keine. Sechs Monate später sprechen die Kinder ihrem Alter entsprechend gut Deutsch.

Früher gab es vom Land verordnete Sprachförderungskonzepte. Eine Art Frontalunterricht für die Kleinsten. Heute lernen sie spielend die Sprache. Die Kita Zoar setzt dabei auf Musik als Erziehungs- und Lernmittel. Wiederkehrende Tagesordnungspunkte wie Händewaschen, Zähneputzen, Versammeln, Aufräumen, Essen kommen werden mit Liedern versehen. Es wird geklatscht und gesungen – und jeder weiß, was nun passiert. „Die Kinder erfahren durch die Musik die Abläufe und man versteht sich ohne große Worte“, sagt Willig: „Die Sprache kommt ganz automatisch.“

Größere Herausforderung

Noch ein bisschen größer sind die Herausforderungen, denen sich Ludwig Eilders stellen muss. Er leitet die Kindertageseinrichtung Oase im Hagener Loxbaum-Viertel. 91 Kinder, 75 Prozent von ihnen haben Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung. ­„Babylonisches Sprachengewirr“ herrsche bei ihm, sagt er: „Das ist eine besondere Herausforderung.“

Eilders sagt, dass es wichtig sei, sich ständig neu zu hinterfragen, „wie wir kommunizieren“: kurze Sätze, offene Fragen. Aber auch die Kommunikation mit den Eltern kann schwierig sein. „Da kommt es schon mal zu skurrilen Situationen, wenn man sich auf dem Gang mit Händen und Füßen verständlich machen muss“, sagt Eilders. Er lacht, weil das auch Heiterkeit schaffe. Das bunte Durcheinander gefällt ihm. Gewiss hilft das.

Schuhe, Apfel, Impfpass in der Übersetzungsmappe

In Wehringhausen ­haben sie ­Mappen angeschafft, in denen Gegenstände abgebildet sind: Schuhe, Apfel, Impfpass, ­Vorsorgeheft. Daneben drei Spalten für das deutsche und das englische Wort und – zum Selbsteintragen – die Entsprechung aus der jeweiligen Muttersprache.

Für Elterngespräche muss es hier wie dort nicht selten ein Dolmetscher sein. Es sei denn, die Freundin oder der Bruder oder wer auch immer stellt sich als Übersetzer zur Verfügung. Oder am besten gleich die Kinder selbst. Die können in der Funktion ihr Glück auch gleich selbst in die Hand nehmen. Willig erinnert sich an ein syrisches Mädchen, dem sie auftrug zu übersetzen, dass die Mutter nun die Wahl habe 35 und 45 Wochenstunden Betreuungszeit. Doch das Mädchen zeigte seiner Mutter nur das eine Kästchen. Kreuzchen, fertig.

Sprache ist der Schlüssel, sagt Eilders. Aber im ersten Moment geht’s auch ohne. „Egal welche Hautfarbe, egal welche Nationalität – die Kinder gehen so unvoreingenommen miteinander um.“ Pause. „Davon können wir Erwachsenen uns oft eine Scheibe abschneiden.“

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