Schule

Schulempfehlung - Wenn Eltern nichts zu sagen haben

Nach der Grundschule ist vor dem Gymnasium? Um die verbindliche Schulempfehlung für die Viertklässler ist ein heftiger Streit entbrannt.Foto:Marcel Kusch/dpa

Nach der Grundschule ist vor dem Gymnasium? Um die verbindliche Schulempfehlung für die Viertklässler ist ein heftiger Streit entbrannt.Foto:Marcel Kusch/dpa

Hagen.   Schulministerin Gebauer (FDP) zieht eine verbindliche Schulempfehlung für Viertklässler in Erwägung. Vorstoß spaltet Eltern und Lehrerschaft.

Wenn die Schulministerin laut denkt, bleibt das nicht ohne Folgen. Yvonne Gebauer zieht die Rückkehr zur verbindlichen Empfehlung für Viertklässler beim Wechsel auf weiterführende Schulen in Erwägung. Seitdem die Liberale ihre Gedankenspiele im Rahmen des Masterplans für Grundschulen öffentlich gemacht hat, geht ein Riss durch die Klassenzimmer. Ihr Vorstoß spaltet Eltern und Lehrer. Eine Bestandsaufnahme.

Die Ausgangslage

Zwischen 2006 und 2011 galt die von Schwarz-Gelb eingeführte verbindliche Grundschulempfehlung. Deckte sich die Schulform nicht mit den Wünschen der Eltern, griff ein besonderes Verfahren. Beispiel: Bei einer eingeschränkten Empfehlung für das Gymnasium mussten die Eltern zu einem Beratungsgespräch in die Schule. Danach entschieden die Eltern. Hatte das Kind keine Empfehlung für das Gymnasium, musste es an einem dreitägigen Prognoseunterricht teilnehmen.

Ein dreiköpfiges Gremium streckte im Anschluss den Daumen nach oben oder unten. Rot-Grün schaffte dieses Verfahren 2011 ab. Die förmlichen Schulempfehlungen gibt es weiterhin, aber der Wille der Eltern zählt. Die Zahl der Schüler, die das Gymnasium nach Ende der Erprobungsstufe nach der sechsten Klasse verlassen, ist in NRW zwischen 2011 und 2016 von 2190 Jungen und Mädchen auf 2770 gestiegen.

Die Kritiker

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW hält nichts von dem Vorschlag. „Ich rate dringend dazu, sehr pfleglich mit Elternrechten umzugehen“, sagt Anne Deimel, stellvertretende Vorsitzende und Leiterin der Grundschule St.Josef-Bergheim in Arnsberg. „Ich wage zu bezweifeln, dass sich die meisten Grundschullehrer dies zurückwünschen. Aus Bayern wissen wir, dass eine verbindliche Empfehlung zu enormem Druck führt. Auf die Schüler, damit sie fit für den Übergang werden, aber auch auf die Eltern.“

Dies führe zu einer Vertiefung der sozialen Spaltung an den Schulen. „Vor allem bildungsnahe Familien werden alles daran setzen, eine ‘höhere Einstufung’ zu erwirken.“ Notwendiger wäre es, eine verbindliches Übergangsmanagement zu etablieren, das auch die kommunalen Unterschiede berücksichtige. Dieter Karrasch, stellvertretender Schulleiter der Gesamtschule Wenden im Kreis Olpe, zweifelt, ob die Verbindlichkeit zielführend ist. „Wichtiger ist die Zusammenarbeit der Grundschulen mit weiterführenden Schulen wie mit gegenseitigen Unterrichtsbesuchen.“

Die Landeselternkonferenz NRW, Dachverband der Stadt- und Kreisschulpflegschaften, ist entsetzt über das mögliche Vorhaben der Schulministerin. Es lenke von den wirklichen Problemen ab. Fast jede Grundschule leide unter der Mangelverwaltung der knappen Lehrerstellen und müsse nicht selten auf Aushilfskräfte zurückgreifen, um irgendeine Art der Beschulung überhaupt zu gewährleisten. Die Benotung hänge in vielen Fällen davon ab, ob die Grundschule überhaupt in der Lage sei, auf die Kinder einzugehen.

Nicht zuletzt würden Eltern, die dieser Empfehlung nicht folgen wollten, den Klageweg bestreiten. „Ob man das im Ministerium möchte?“, heißt es. Luca Samlidis, Mitglied im Vorstand der Landeschülervertretung und Abiturient am Reichenbach-Gymnasium in Ennepetal hält das Ansinnen aus Düsseldorf für einen „weiteren Schritt der Selektion. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Das ist eine Scheindebatte und hat nichts mit den wirklichen Problemen zu tun.“

Die Befürworter

Die Landeselternschaft der Gymnasien begrüßt die Uberlegungen. Die Beurteilung der individuellen Leistungsfähigkeit der Schüler durch die Lehrer müsse wesentliche Grundlage der Entscheidung sein. Die Entscheidung müsse den Begabungen des einzelnen Kindes entsprechen. Nur so könne Überforderung und im schlimmsten Fall das Scheitern des Nachwuchses vermieden werden. „Jedes Kind, das auf dem falschen Weg unterwegs ist, ist ein Kind zu viel“, sagt Sprecher Dieter Cohnen..

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