Nachhaltig leben

Supermarkt-Test: Wieviel Westfalen steht im Einkaufsregal?

Regional einkaufen in Südwestfalen: Ingrid Schlicht-Olbrich (r.) von Slowfood Sauerland testet mit Redakteurin Nina Grunsky das Supermarkt-Angebot.

Regional einkaufen in Südwestfalen: Ingrid Schlicht-Olbrich (r.) von Slowfood Sauerland testet mit Redakteurin Nina Grunsky das Supermarkt-Angebot.

Foto: Morris Willner / FUNKE Foto Services

Winterberg.   Kirschen, Pfirsiche, Melonen – allesamt tabu. Denn wir haben den Test gewagt: Wie voll wird der Einkaufskorb, wenn nur Regionales reinkommt?

Pralle Kirschen, samtige Pfirsiche, dicke Melonen. Verbotene Früchte allesamt. Die Pfirsiche sind aus Spanien, die Melonen auch. Und die Kirschen? „Deutschland“ steht auf einem Schild. Mehr nicht. Das dunkelrote, knackige Obst, so lecker es auch aussehen mag, bleibt also liegen. Wie so Vieles.

Denn heute soll hier beim Gang durch den Supermarkt in Winterberg nur im Einkaufswagen landen, was garantiert aus der Region kommt, weil es wenig nachhaltig und klimaschonend erscheint, Rindfleisch aus Argentinien über Tausende von Kilometer zu transportieren.

Ein Vorhaben, das bereits kurz hinter dem Eingang in der Obstabteilung zu scheitern droht. Äpfel aus Neuseeland – geht gar nicht, klar. Aber was ist mit der Roten Bete, die der Supermarkt unter dem Titel „Mein Land“ als regionales Produkt verkauft?

Keine leichte Frage, deshalb hilft Ingrid Schlicht-Olbrich beim Einkauf. Die Schmallenbergerin gehört zum Leitungsteam von „Slow Food“ im Sauerland. Die Bewegung setzt sich seit Jahren für eine nachhaltige und umweltfreundliche Lebensmittelproduktion und Kultur des Essens ein. Sie kennt sich mit regionalen Produkten aus.

Wenig nachhaltig verpackt

Bevor es mit dem Einkauf losgeht, klärt Ingrid Schlicht-Olbrich die entscheidende Frage: „Was ist eigentlich regional?“ Denn der Begriff „Region“ ist nach Angaben der Verbraucherzentralen gesetzlich nicht definiert. Hier im Edeka-Supermarkt wird unter der Regional-Marke „Mein Land“ verkauft, was zumindest aus NRW kommt. Das erscheint aber für den Test noch nicht regional genug. „Alles, was aus Südwestfalen kommt“ – lautet stattdessen die Definition.

Das trifft auf die Rote Bete jedenfalls nicht zu, wie sich erst nach gründlicher Untersuchung des Plastik-Netzes ergibt, in dem sich die Kugeln befinden. Daran haftet ein Etikett mit der Adresse des Erzeugers: ein Landwirt in Straelen am Niederrhein. Und der Blumenkohl, der auch noch den Vorteil hat, nicht einzeln verpackt zu sein? Kein Hinweis.

Aber der Brokkoli, in Kunststoff-Folie gehüllt, kommt, wie sich bei genauem Hinsehen herausstellt aus Soest, ebenso wie der Salat, der nur zögerlich mitgenommen wird, weil auch er in einer wenig nachhaltigen Plastikhülle steckt. „Das wäre für mich ein No-Go“, kritisiert Ingrid Schlicht-Olbrich die Ver­packung. Aber irgendetwas muss die Familie zu Hause schließlich essen.

Weiter zu den Kartoffeln. Es braucht einige Minuten, bis neben Erdäpfeln aus Ägypten ein Fünf-Kilo-Sack aus Schmallenberg gefunden ist. Milch und Butter gibt es von der Upländer Molkerei in Willingen-Usseln. Ein Liter regionale Bio-Milch kostet 1,19 Euro. Ein Liter „normale“ 66 Cent.

Honig aus Hallenberg

Honig findet sich zwischen vielen anderen Gläsern aus Hamburg und Niedersachsen auch vom Imker in Hallenberg-Liesen. Marmelade, in Hallenberg produziert, gibt es ebenfalls. Aber die Zutaten wie Banane, Kokos und Co. sind wohl kaum aus der Region, gibt Ingrid Schlicht-Olbrich zu bedenken.

Das Fleisch bezieht der Markt, wie die Nachfrage bei der Verkäuferin ergibt, von einem „Fleischhof“ im Rheinland. Er gehört zum Edeka-Konzern und beliefert 1000 Märkte in Deutschland. „Das müsste nicht sein“, sagt Ingrid Schlicht-Olbrich. „Die Region ist voller Rinder“, fügt sie hinzu – und schwärmt gleich für das Rote Sauerländer Höhenvieh. An der Wursttheke fällt die Wahl auf Schinken – vom Sauerländer Schwein wie die Verkäuferin versichert. Der Käse ist in der Kluterhöhle in Ennepetal gereift.

45 Minuten für sechs Produkte

13 Produkte, die im Kühlschrank oder Vorratskeller fehlen, stehen auf dem Einkaufszettel; sechs davon liegen am Ende im Einkaufswagen. Ist der jetzt halb voll oder halb leer? Egal, die Familie wird satt.

Für einen Supermarkt keine schlechte Ausbeute, lässt Ingrid Schlicht-Olbrich durchblicken. Sie selbst kauft direkt bei Hofläden und Erzeugern in der Region. „Aber für eine Familie mit berufstätigen Eltern ist das kaum machbar“, räumt sie ein.

Olav Dumke, Geschäftsführer von Edeka in Winterberg, weiß, dass Regionales bei den Kunden gut geht und mittlerweile nicht mehr nur bei den Touristen. „Wir wollen die regionalen Strukturen stärken“, betont er und schildert gleich, was er bald noch aus der Region anbieten wird – oder zumindest gern anbieten würde.

Der Preis für den Einkauf: 27,34 Euro. Und viel Zeit, nachzufragen, Etiketten zu suchen und zu lesen: Für sechs Produkte braucht es an diesem Vormittag insgesamt 45 Minuten.

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