Lehrermangel

Warum Lehrer trotz Ruhestand weiter unterrichten

Michael Wagener hat mehr als 30 Jahre an Schulen im Kreis Soest und Siegerland unterrichtet. Ein Jahr nach der Pensionierung kehrte er zurück.

Michael Wagener hat mehr als 30 Jahre an Schulen im Kreis Soest und Siegerland unterrichtet. Ein Jahr nach der Pensionierung kehrte er zurück.

Foto: Lars Heidrich

Siegen.   Gegen den Mangel: Mit Anreizen wirbt das NRW-Schulministerium um pensionierte Lehrer. Zwei Lehrer aus Südwestfalen über Vorteile und Probleme.

Als er in den Schuldienst kam, war Helmut Schmidt Bundeskanzler und Kim Wilde kletterte mit „Kids in America“ auf Platz eins der deutschen Musikcharts: Mehr als dreißig Jahre hat Michael Wagener an Schulen im Siegerland und Kreis Soest unterrichtet.

Wagener ist jetzt 69 Jahre alt und gehört zu denen, die in ganz Deutschland so dringend gebraucht werden, weil es an Lehrer-Nachwuchs mangelt. 884 unbesetzte Lehrerstellen meldete die Bezirksregierung Arnsberg im Februar. Tendenz für die kommenden Jahre: steigend. 478 Lehrer fehlten allein in Südwestfalen. Das Maßnahmenpaket der Bezirksregierung sieht auch die Rückkehr von bereits pensionierten Lehrkräften vor, beziehungsweise die Weiterbeschäftigung derer, die eigentlich schon in Ruhestand gehen könnten. Keine ganz neue Idee, aber mit neuen Anreizen versehen.

Lehrer aus Leidenschaft

Die Seerobbe schwimmt in Plastik. Zu sehen ist sie auf einem Papp-Plakat, selbstgebastelt, darüber hat jemand in Schönschrift ein paar Fakten zur Verschmutzung der Weltmeere geschrieben. „Das haben meine Schüler gemacht“, sagt Michael Wagener. Er steht in einem Klassenraum an der Rudolf-Steiner-Schule in Siegen. Dort unterrichtet er Deutsch sowie Politik und Wirtschaft.

Eigentlich hatte sich der 69-Jährige bereits vor zwei Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Doch schon nach einem Jahr fragte eine frühere Kollegin, ob er ihre Klasse übernehmen könne – „und ich habe sofort zugesagt“. Eine Herzensangelegenheit. Er schätze den Kontakt mit jungen Menschen, genieße den Austausch über Themen rund um Klima, Kafka und Kaufkraft.

Zahl der Rückkehrer verdoppelt

Wagener weiß aber auch, dass die Bedingungen, wie er sie vorfindet, nicht selbstverständlich sind. Aktuell macht der 69-Jährige nur zwei Doppelstunden pro Woche und hat so nebenher viel Zeit für Aktivitäten in der Freizeit. „Im Grunde ist der Beruf, wie ich ihn jetzt erlebe, ein Traum. Die jungen Kollegen beneide ich nicht.“

134 pensionierte Lehrkräfte sind im Regierungsbezirk Arnsberg in den Schuldienst zurückgekehrt. In NRW habe sich die Zahl der Rückkehrer laut Schulministerium seit 2016 mehr als verdoppelt. Die Hinzuverdienstgrenze für Beamtinnen und Beamte im Ruhestand wurde bis Ende 2019 ausgesetzt. Einkommen aus der Lehrtätigkeit wird nicht mit dem Ruhegeld verrechnet. Aber nicht jeden reizt das.

Nicht für jeden ist Rückkehr eine Option

Martin Gross hat 37 Jahre als Realschullehrer gearbeitet. Seine Fächer: Deutsch, Musik und Französisch. Seit zwei Jahren ist er pensioniert – und damit sehr zufrieden. „Die letzten Wochen davor habe ich den Ruhestand herbeigesehnt“, blickt der Breckerfelder zurück. Früher habe er besonders die Freiheiten gemocht, die der Schulalltag neben den Pflichtstunden bot. „Ich hatte allein zwei Stunden pro Woche, in denen ich nachmittags einen Chor anbieten konnte.“

Freiheiten wie diese wurden mit den Jahren immer weniger, sagt Gross. Stattdessen stieg die Zahl der Konferenzen. „Mittlerweile ist der Unterricht eng reglementiert und der bürokratische Aufwand enorm.“ Wo früher bei schlechten Noten eine kurze Erläuterung unter der Klassenarbeit genügte, habe er zuletzt detaillierte Bögen mit Lern- und Förderempfehlungen ausfüllen müssen. „Junge Kollegen kennen es nicht anders“, sagt Gross. „Aber wer den Beruf noch vor 30 Jahren erlebt hat, dem macht diese Entwicklung zu schaffen.“

Dass sich die Bedingungen wieder umkehren lassen, glaubt der Pensionär nicht. Ob er heute noch an die Schule zurückgehen würde? „Wenn überhaupt, dann nur im engen Rahmen.“

Neunte Klasse übernehmen

Untätig ist er deshalb aber im Ruhestand nicht: So leitet Martin Gross heute unter anderem Kurse an der Volkshochschule und gibt Schülern Nachhilfeunterricht.

Und wie lange macht Michael Wagener den Schuldienst weiter? „Solange ich es gesundheitlich kann“, antwortet er. Kürzlich habe man ihn gefragt, ob er im kommenden Schuljahr den Deutschunterricht in einer 9. Klasse übernehmen will. Abgeneigt ist er nicht.

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