Tatorte

Der Täter sagte: „Sag kein Wort oder ich bringe Dich um!“

Jasmin B. wurde im Januar 2005 in Usseln vergewaltigt. In der Serie „ÜberLeben“ der Süddeutschen Zeitung, die von Schicksalen und deren Bewältigung handelt, wurden auch ihre Gesprächsprotokolle veröffentlicht. 

Jasmin B. wurde im Januar 2005 in Usseln vergewaltigt. In der Serie „ÜberLeben“ der Süddeutschen Zeitung, die von Schicksalen und deren Bewältigung handelt, wurden auch ihre Gesprächsprotokolle veröffentlicht. 

Foto: Privat

Willingen/Usseln.  Im Januar 2005 wird die 18-jährige Schülerin Jasmin B. auf dem Weg nach Hause bei Willingen von einem Mann verfolgt, geschlagen und vergewaltigt.

„Sag kein Wort oder ich bringe Dich um!“ – Jasmin B. sagt diesen Satz wahrscheinlich zum zwei- oder dreihundertsten Mal, womöglich war es häufiger. Es ist der Satz, der sich am 9. Januar 2005 in ihr Gedächtnis brennt. Es sind die Worte, die ihr Vergewaltiger in jener Nacht gegen 1 Uhr beständig wiederholt. Mit ruhiger, fast gelassener Stimme. Er schreit sie nicht an, er flüstert nicht. „Sag kein Wort oder ich bringe Dich um!“

Fast 13 Jahre ist das her. Jasmin B. lebt heute nicht mehr im Sauerland. Sie hat sich in der Region Hannover ein Leben aufgebaut. Sie hat einen Sohn, eine Wohnung, eine Zukunft. Die heute 31-Jährige will keine Rache. „Die Geschichte meiner Vergewaltigung betrifft ein anderes Leben, eine andere Jasmin.“ Abgeschlossen hat sie damit nicht. „Das ist erst möglich, wenn er gefasst ist.“

Zippo-Feuerzeug mit Widderkopf

Vor fünf Jahren sucht sie ihren Vergewaltiger per Facebook. Sie erkundigt sich bei Polizei und Staatsanwaltschaft, was sie veröffentlichen darf und was nicht. Sie gründet die Gruppe „Suche nach unbekanntem Vergewaltiger“. Sie postet das Phantombild und ein Zippo-Feuerzeug mit einem Widderkopf (Dodge-Symbol) und einem rotbraunen Täschchen mit dem Harley-Davidson-Emblem, das ihr Vergewaltiger am Tatort verloren hat.

Es ist der 8. Januar 2005. Die damals 18-jährige Jasmin B. fährt als Berichterstatterin für ein Anzeigenblatt zum Skisprungweltcup-Wochenende nach Willingen. Sie lebt damals in Usseln im Haus ihrer Eltern. Nach dem Springen fährt sie heim, macht sich abends noch einmal auf den Weg nach Willingen, um in Kneipen Bilder von den Partys zu machen. Um 0.54 Uhr steigt sie in Willingen am Rathaus in den Nachtbus Richtung Medebach, um nach Hause zu kommen. Er ist halb voll, viele Cliquen, ein paar ältere Paare – und ein junger Mann. Er sitzt in derselben Reihe wie Jasmin B.. Sie rechts am Fenster, er links. Der Mann fällt ihr sofort auf: Hochgegelte dunkelblonde Haare, etwa so alt wie sie. Er starrt auf sein Handy. „Es muss ein Siemens-Handy gewesen sein. Mit Kamera, das gab es damals ja noch nicht so häufig“, erinnert sich die 31-Jährige heute.

Der Mann ist ruhig, in sich gekehrt. Jasmin B. steigt am Sportplatz in Usseln aus. Es sind knapp 500 Meter bis nach Hause. Kurz bevor der Bus die Türen schließt, springt der Mann auf und verlässt den Bus. „Ich hatte sofort ein ungutes Gefühl“, sagt sie. Sie geht Richtung Korbacher Straße. Der Mann folgt ihr. Sie beschleunigt ihre Schritte, er geht schneller. Die Laternen leuchten den Weg aus. Jasmin B. bleibt an einem Schaufenster stehen, damit der Mann vorbei läuft. Der Blumenladen liegt an der Ecke zu der Straße, in die die junge Frau einbiegen muss, um nach Hause zu kommen. Er geht vorbei und biegt genau in diese dunkle Gasse ein.

Kannte der Täter Jasmin B.?

„So zielsicher bewegt sich kein Tourist“, sagt Jasmin B. heute. Sie glaubt, dass der Vergewaltiger aus der Gegend stammt – dass er womöglich bis heute von Menschen gedeckt wird, die ihn nach der Öffentlichkeitsfahndung erkannt haben. „Wer nicht ortskundig ist, steigt nachts nicht irgendwo in einem Kaff aus, von wo aus er nicht mehr weiß, wie er zurück kommt.“ Dass es Zufall ist, dass der Täter exakt in die Seitenstraße geht, die Jasmin B. nach Hause führt, glaubt die heute 31-Jährige auch nicht. „Er wird mich von irgendwoher gekannt haben. Er wusste, wo ich entlang laufen muss.“

Jasmin B. hält ihr Mobiltelefon in der Hand. Die 110 ist eingetippt. Sie wartet noch eine Zeit am Schaufenster des Blumenladens und hofft, dass der Mann einfach weiter gegangen ist. Als sie in die dunkle Seitenstraße einbiegt, erkennt sie ihn. Er steht zehn Meter weiter an einem Hauseingang. „Damals habe ich noch gehofft, es ist ein Tourist, der seine Freunde beim Feiern verloren hat, an der Pension steht und seinen Schlüssel sucht.“

Herber Faustschlag ins Gesicht

Jasmin B. geht weiter, das ungute Gefühl bleibt. Sie wechselt vorsichtshalber die Straßenseite. Dann trifft sie urplötzlich ein herber Faustschlag im Gesicht. Sie knallt auf die Straße. Blut läuft aus ihrer Nase. Der Mann wirft sich auf sie. Ein kräftiger Typ, 1,80 oder 1,90 Meter groß. Er schlägt weiter zu. Jasmin B. strampelt, wehrt sich, schreit. Panik. Dann spürt sie zwei Daumen auf ihrem Kehlkopf, die ihr die Luft zum Atmen rauben. „Sag kein Wort oder ich bringe Dich um!“

Der Täter reißt Jasmin B. an ihren Haaren hoch, zerrt sie in Richtung eines Spielplatzes. Sie umklammert ihre Handtasche. „Du Arschloch hast mir die Nase gebrochen. Ich brauche ein Taschentuch“, raunzt sie den Mann an. Er lässt sie ein Tempo aus der Tasche kramen, damit sie sich das Blut aus dem Gesicht wischen kann. „In dem Moment hatte ich den Eindruck, dass er Angst vor sich selbst bekommen hat, aber irgendwie konnte er aus der Situation nicht mehr heraus“, erinnert sie sich.

Der Mann schleift sie weiter zum Spielplatz, schmeißt sie auf den eisig gefrorenen Boden. Jasmin B. diskutiert mit dem Täter, der verlangt, sie soll sich komplett ausziehen. Sie darf ihren Mantel anbehalten. Dann vergewaltigt er sie. Es sind endlose Minuten, bis das Martyrium beendet ist und der Mann geht. Jasmin B. rafft sich auf und läuft nach Hause. Sie blickt sich um, zittert, hat entsetzliche Angst. Noch auf dem Weg ruft sie die Polizei. Daheim bricht sie zusammen.

Zwei Streifenwagenbesatzungen sind kurz danach vor Ort. Jasmin B. beschreibt den Täter. „Die einzige Polizistin sagte: An dem sind wir doch gerade vorbeigefahren“, erzählt sie. Gefasst wird der Täter nicht – bis zum heutigen Tag läuft er frei herum. Es geht ins Krankenhaus und zur Wache. Bleischwer sind die Stunden, bis sie endlich wieder nach Hause kann.

DNA wird am Tatort gesichert

„Ich habe keine Angst vor ihm“, sagt Jasmin B. heute. Sie glaubt, dass der Mann ein unauffälliges, bürgerliches Leben führt. Dass er sich bemüht, bloß niemals auszufallen. Seine DNA wurde am Tatort gesichert. Jasmin B. ist sicher: Das war kein Serien-Vergewaltiger, sonst wäre sein Zellmaterial in irgend einem Fall noch einmal aufgetaucht. Sie möchte wissen: War es ein Einheimischer oder war es doch ein Tourist? War sie Zufallsopfer oder war die Tat geplant? Der Fall verjährt im Jahr 2025 – es bleiben noch gut sieben Jahre Hoffnung, dass der Täter doch noch gefasst und verurteilt wird.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben