Tatorte

Mord in Hohenlimburg: „Ein Gemetzel ohne Ende“

Am frühen Nachmittag des 2. Februar 2005 wurde der Sarg des Ermordeten aus dem Friseurgeschäft an der Herrenstraße getragen. Foto: Christian Janusch

Am frühen Nachmittag des 2. Februar 2005 wurde der Sarg des Ermordeten aus dem Friseurgeschäft an der Herrenstraße getragen. Foto: Christian Janusch

Hohenlimburg.   Ein Familienvater wird am 2. Februar 2005 an der Herrenstraße erstochen. Reporter Volker Bremshey hat dem Täter direkt ins Gesicht geblickt.

Von Angesicht zu Angesicht zu stehen mit einem unbekannten Mann, der wenige Minuten zuvor einen Angestellten eines Friseursalons mit einem Messer niedergestochen und so schwer verletzt hat, dass der Familienvater noch am Tatort verstarb, ist auch im Leben eines Journalisten ein außergewöhnliches Ereignis. Der 2. Februar 2005 bleibt deshalb unauslöschbar in meinem Gedächtnis.

Friseurmord Hohenlimburg

Redakteur Volker Bremshey am Tatort in Hohenlimburg.
Friseurmord Hohenlimburg

Was ist an diesem Tag passiert? Es ist ein grauer Februar-Morgen. Um 10 Uhr steht an diesem Mittwoch ein Termin mit dem Chef des Hohenlimburger Kulturzentrums Werkhof, Peter „Pit“ Krause, in meinem Terminkalender, als gegen 9.30 Uhr das Telefon in der Redaktion klingelt. „Schüsse an der Herrenstraße 2“, teilt mir der Anrufer mit.

Herrenstraße 2? Das ist doch vis-a-vis unserer Redaktion. Ich blicke aus dem Fenster hinüber zur Herrenstraße. Dort ist zu diesem Zeitpunkt nichts Außergewöhnliches zu erkennen. Deshalb greife ich zunächst zum Telefon und sage den Werkhof-Termin mit dem Hinweis „Hier ist jemand erschossen worden“ ab, um dann mit der Recherche zu beginnen.

Hausbesitzer öffnet die Tür

Gleichzeitig bitte ich den Kollegen Christian Janusch, die Kamera zu greifen und mit mir zur Herrenstraße zu eilen. Das alles geschieht in Bruchteilen von Sekunden. Wir stürmen die Treppe hinunter und verlassen das Redaktionsgebäude. Mit dem Blick zur Herrenstraße. Dort steht Hellmuth Jacobs, ehemaliger WESTFALENPOST-Redakteur, in Pantoffeln in einem Nebeneingang des Friseurgeschäftes und winkt uns aufgeregt zu. „Kommt mit, kommt mit“, ruft er.

Die knapp 100 Meter zwischen Redaktionsgebäude und Mehrfamilienhaus sind schnell zurückgelegt. Ohne nachzudenken folgen wir den Aufforderungen des ehemaligen Kollegen, damals 70 Jahre alt, und hasten durch einen schmalen Flur. Das Licht ist aus. Es ist deshalb schummerig, weil es hier kein Fenster gibt.

Dennoch ist einem Seitenflur eine relativ kleine männliche Person zu erkennen. Blutverschmiert mit einem Messer in der


Hand. Hellmuth Jacobs ruft noch einmal. „Kommt mit, kommt mit.“

Wir erreichen den Hinterhof des Gebäudes. Der Rentner weist mit der Hand zu einem Fenster. Beim Blick durch die Scheibe erkennen wir eine lebenlose Person, die auf dem Rücken in einer riesigen Blutlache liegt und nur noch ganz flach atmet. Kollege Christian Janusch und ich schauen uns ratlos an. „Was ist zu tun?“ Ein Handy hat zu damaligen Zeitpunkt niemand in der Jacke, um Hilfe zu rufen.

Im Hinterhof gefangen

Tausend Gedanken schwirren in diesem Moment durch meinen Kopf. Wie können wir uns wehren, wenn der mutmaßlich Täter, der sich noch immer im Flur aufhält, mit dem Messer in den Hinterhof kommt und uns angreift? Dieser kleine Garten ist nämlich eine Falle. Einen Fluchtweg gibt es nicht. Das Grundstück ist von hohen Mauern umgeben.

An der Hauswand hängen eine Holzharke und eine Garten-Gabel. Dekorationsobjekte. „Mit diesen können wir uns verteidigen“, schießt es mir durch den Kopf.

Sekunden vergehen – und auch Minuten? Der Augenblick wird zur Ewigkeit. Eine Polizeisirene von anrückenden Beamten ist noch immer nicht zu hören. Wann kommen die Helfer, wann kommen die Retter?

Dann der Entschluss. Wir müssen wieder zurück. Durch den schmalen Flur. Vorbei an dem Täter.

Wir nehmen den gesamten Mut zusammen. Auf geht’s.

In dem kleinen Seitentrakt vor einer Treppe, die in die Obergeschosse führt, hat sich der mutmaßliche Täter zwischenzeitlich auf einen Stuhl gesetzt. Völlig apathisch. Er ruht offenkundig ganz friedlich in sich. Die vermeintliche Tatwaffe in der Hand.

Zeitgleich kommt die damals 78-jährige Hausbesitzerin Karola Jacobs die Treppe hinunter und sieht den Betreiber des Friseursalons in der Tür stehen. „Herr S. nehmen Sie dem Mann mal das Messer weg“, forderte die Seniorin den Geschäftsinhaber auf.

Endlich höre ich das Einsatzsignal von Rettungsfahrzeugen. Christian Janusch und ich eilen auf die Herrenstraße, wo die Einsatzfahrzeuge von Notarzt und Rettungssanitätern vorfahren. „Vorsicht, der Täter ist mit einem Messer bewaffnet. Er befindet sich noch immer im Gebäude. Das Opfer liegt im Sozialraum des Geschäftes“, warne ich die Rettungssanitäter und erkläre die Lage. Die Mediziner hasten aus diesem Grund durch den Friseurladen in den hinteren Teil des Gebäudes und versorgen das Opfer.

Jetzt erst trifft die Polizei ein, sperrt den Bereich vor dem Geschäftslokal ab, wo sich bereits eine große Anzahl Neugieriger versammelt hat.

Wenig später führen die Beamten den Täter ab und sichern den Tatort. Die Spurensicherung rückt an.

Mit 35 Messerstichen getötet

Irgendwann fährt am späten Vormittag der Leichenwagen vor, denn der im Märkischen Kreis wohnende 36-jährige Familienvater überlebt die Messerattacke nicht.

Zu diesem Zeitpunkt sitzen wir bereits in der WP-Redaktion und schreiben die ersten Zeilen über eine unvorstellbare Bluttat. „Ein Gemetzel ohne Ende“, beschrieb am Nachmittag der Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Rahmer den Tathergang. „Mit 35 Stichen wurde das im angrenzenden Märkischen Kreis wohnende Opfer getötet.“

Im September 2005 wird der Täter nach drei Verhandlungstagen vom Hagener Schwurgericht zu einer zehnjährigen Haftstrafe wegen Totschlags verurteilt. Mögliches Tatmotiv soll Eifersucht gewesen sein. Der damals 38-Jährige hatte im Opfer den möglichen Liebhaber seiner Ehefrau gesehen, diesem deshalb aufgelauert, ihn zunächst mit einer Schreckschusswaffe bedroht und dann niedergestochen.

Ehefrau bestreitet Affäre

Die Frau bestritt vor Gericht jedoch eine Affäre.

Für die Ehefrau des Getöteten war dieses Urteil nur ein schwacher Trost. „Das ist zu wenig“, sagte die Mutter einer damals sechsjährigen Tochter.

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