Tatorte

Arnsberger Rentnerin mit Schürhaken erschlagen

In der Klosterstraße Arnsberg wird am 3. Februar 1967 eine Rentnerin erschlagen.

In der Klosterstraße Arnsberg wird am 3. Februar 1967 eine Rentnerin erschlagen.

Foto: Wolfgang Becker

Arnsberg.   Der brutale Mord an einer 71-jährigen Arnsberger Rentnerin am 3. Februar 1967 wird niemals aufgeklärt. Eine angeklagte Frau wird freigesprochen.

Trübe ist das Wetter. Kalt. Wie an jenem verhängnisvollen 3. Februar 1967, als Hannelore Becker plötzlich auf der sonst „völlig stillen“ Klosterstraße unzählige Fahrzeuge und Polizisten entdeckt, die in das Nachbarhaus stürmen. „Da muss etwas passiert sein, habe ich gedacht,“ erinnert sich die 84-Jährige. Und es ist etwas passiert. Etwas Grausiges: Eine Rentnerin (71) wurde in der Dachgeschosswohnung des Nachbarhauses erschlagen. Mit einem Schürhaken.

Der Tag nach Altweiberfastnacht

Das karnevalistische Treiben steuert im Februar 1967 seinem Höhepunkt entgegen, als am Tag nach Altweiberfastnacht in der Klosterstraße das Mordopfer, eine ehemalige Krankenschwester, die sich wegen einer Gehbehinderung nur mit Hilfe von Stöcken fortbewegen konnte, von ihrer Schwester, mit der sie sich die Wohnung teilt, tot aufgefunden wird. Blutüberströmt. Kripo, Staatsanwaltschaft und Dortmunder Mordkommission nehmen sofort die Untersuchungen auf.

Das Eintreffen der Mordkommission ist Hannelore Becker noch in dramatischer Erinnerung: „Plötzlich fuhren sechs bis acht schwarze Mercedes-Pkw vor und Beamte in langen schwarzen Ledermänteln sprangen heraus.“

Ex-Krankenschwester wird angeklagt

Wenige Minuten zuvor wird die damals 35-Jährige noch von den örtlichen Beamten selbst vernommen. Als mögliche Zeugin. „Doch da musste ich passen, ich hatte nichts gesehen.“ Aber schon bei ihrer Anhörung machen die Beamten ordentlich Druck: „Wir müssen uns beeilen, gleich kommt die Mordkommission,“ habe es geheißen.

Die Polizei glaubt zunächst an Raubmord. Dagegen spricht: Die Wohnung wurde nicht durchsucht. Es fehlen weder Bargeld, Schmuck noch sonstige Wertgegenstände. Leitender Oberstaatsanwalt Franz Drouven vermutet, dass der oder die Täter eventuell bei der Tat gestört worden sein könnten.

Hinweis auf „beige-rotes“ Moped

Eine der ersten Spuren: der Hinweis auf ein „beige-rotes“ Moped, das zur Tatzeit in der Nähe gesehen wird. Rund um die Uhr arbeiten nun neun Kriminalbeamte fieberhaft an der Suche nach dem Täter, Spuren werden gesichert, zahlreichen Hinweisen nachgegangen, eine Belohnung von 3 000 Mark ausgesetzt. Überall in der Stadt hängen grellrot Plakate mit der Aufschrift „Mord“ und den Rufnummern der Ermittler.

Die Polizei durchforstet das persönliche Notizbuch des Opfers, alle dort notierten Personen werden überprüft. Auch bei einer Bekannten der 71-Jährigen werden so die Beamten Aschermittwoch vorstellig. Die Befragung dieser 51-Jährigen ergibt: konkreter Tatverdacht.

Dem Untersuchungsrichter vorgeführt

Am 8. Februar 1967 beantragt der Oberstaatsanwalt Haftbefehl, die Tatverdächtige wird dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Dort gibt die Ex-Krankenschwester eine für die Ermittler höchst unglaubwürdige Geschichte zu Protokoll: Sie habe die Ermordete am Tattag gegen 16 Uhr besuchen wollen und von der gegenüberliegenden Straßenseite einen Schatten hinter einer Gardine bemerkt. Beim Betreten der Wohnung habe sie dann die 71-Jährige tot aufgefunden. Unter Schock stehend, habe sie schnellstens das Haus verlassen.

Ihrem Ehemann erzählt sie später nichts von der grausigen Entdeckung. Um ihn nicht zu beunruhigen. Erst Rosenmontag, drei Tage nach der Bluttat, sei sie mit einem Taxi zur Arbeitsstelle ihres Mannes gefahren und habe ihm davon erzählt. Einer Aussage, der Amtsgerichtsrat Dr. Leifert keinen Glauben schenkt. Er erlässt Haftbefehl - wegen Mordverdachts. Rätselhaft auch folgende Aussage der Verdächtigen: Samstagmorgen, wenige Stunden nach der Tat, will sie einen Zettel im Briefkasten gefunden haben: „Nicht die Polizei anrufen, sonst erschieße ich ihren Mann.“ Den Zettel habe sie aus Angst weggeworfen.

Fünfeinhalbstündiges Plädoyer

Im Mai 1968 wird Mordanklage erhoben. Prozessbeginn ist der 5. November 1968. Der Prozess zieht sich über Wochen hin, 55 Zeugen werden gehört, vier Gutachter treten auf. Während des Verfahrens bestreitet die Angeklagte vehement eine Tatbeteiligung.

Der Ankläger fasst am Nikolaustag 1968 in einem fünfeinhalbstündigen Plädoyer die Beweisaufnahme zusammen und schließt, dass die Aussagen der Angeklagten vollkommen widerlegt und unglaubwürdig seien. Er beantragt 15 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.

Nicht immer die Wahrheit gesagt

Verteidiger Hans Schulz dagegen appelliert an die Richter: „Ich bitte Sie, sprechen Sie die Angeklagte frei“. Er räumt ein, dass diese nicht immer die Wahrheit gesagt habe und sich in den Vernehmungen oft „dumm und ungeschickt“ verhalten habe, aber auch die Zeugenaussagen seien oft widersprüchlich und zweifelhaft. Deshalb müsse gelten: „Im Zweifel für den Angeklagten“.

Die 51-Jährige wird am 12. Dezember 1968 freigesprochen. Der Vorsitzende Richter Dr. Spindelmann bezeichnet in der Urteilsbegründung den Fall und die Tatsache, dass es nicht gelungen sei, einen Täter zu überführen, als „bedrückend und unerquicklich“. Der Mord kann so trotz intensiver Ermittlungen und spektakulärem Indizienprozess, der wegen vieler Ungereimtheiten mit einem „Freispruch 2. Klasse“ endet, nie aufgeklärt werden.

Menschen bleiben vor Mordhaus stehen

Jahre nach der Bluttat noch bleiben Menschen vor dem Mordhaus stehen und zeigen auf die Wohnung des Opfers, sagt Hannelore Becker, die noch immer im Nachbarhaus lebt, sich aber nicht sichtbar mit ihren Erinnerungen einbringen will. „Doch heute weiß niemand mehr, was hier passiert ist.“

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