Öffentlicher Dienst

Städtische Mitarbeiter - beschimpft, beleidigt, attackiert

Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten werden inzwischen auch von städtischen Ämtern engagiert.

Foto: dpa Picture-Alliance / Marijan Murat

Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten werden inzwischen auch von städtischen Ämtern engagiert. Foto: dpa Picture-Alliance / Marijan Murat

Hagen/Netphen/Warstein.  Der Ton in den Rathäusern der Region ist rauer geworden, nicht selten kommt es zu tätlichen Übergriffen. Was die Kommunen dagegen tun

Geradezu traumatische Szenen spielen sich in Netphen ab. Nachdem es in den Monaten zuvor mehrfach zu Übergriffen auf Beschäftigte im Sozialamt gekommen ist, richtet ein aserbaidschanischer Staatsbürger – er soll abgeschoben werden – am 28. April vergangenen Jahres auf dem Flur des Sozialamtes ein Messer gegen sich selbst.

Der Suizidversuch scheitert, doch die Mitarbeiter des Sozialamtes sind runter mit den Nerven. Tränen fließen, Notfallseelsorger müssen die städtischen Bediensteten betreuen.

Längst kein Einzelfall mehr

Was sich im Siegerland ereignet hat, ist längst kein Einzelfall mehr. Übergriffe auf kommunale Mitarbeiter häufen sich. Berichte über Angriffe auf Rettungskräfte und Feuerwehrleute machen seit einiger Zeit schon die Runde, doch zunehmend sind auch Beschäftigten in den Amtsstuben betroffen.

Keine vier Wochen nach dem Vorfall in Netphen etwa, im Mai 2017, kann ein 38-Jähriger Warsteiner seine Wut nicht mehr im Zaum halten. Das Jobcenter hat dem Arbeitslosen deutlich weniger Geld überwiesen als üblich – der Großteil des Geldes ging direkt an einen Versorger, bei dem der 38-Jährige Stromschulden hatte.

Der Mann ist außer sich, schiebt einen Schreibtisch gegen eine diabeteskranke Job-Center-Mitarbeiterin (die sich dabei verletzt), wirft mit Stühlen, verlässt das Jobcenter, kommt wieder und droht mit Waffengewalt. Die Polizei muss einschreiten. Am Dienstag vergangener Woche wird dem Mann der Prozess gemacht. Er zeigt sich reumütig, bittet sein Opfer um Verzeihung. Der Vorbestrafte bekommt fünf Monate auf Bewährung.

Nicht überall gehen die Probleme so weit. Aber fast überall wird mehr beschimpft und beleidigt, wie eine Umfrage dieser Redaktion ergab. Immerhin: Was tätliche Übergriffe betrifft, verzeichnet etwa Olsberg keine Zunahme, Meschede nur „wenige Einzelfälle“, ganze drei Hausverbote habe man in den vergangenen fünf Jahren aussprechen müssen.

Wobei Hausverbote für eine Stadt schon „das letzte Mittel“ wären, wie Johannes Ehrlich, Sprecher der Stadt Menden, anmerkt: „Komplett lässt sich der Zutritt nicht verwehren“, für bestimmte Leistungen sei das Erscheinen im Rathaus schließlich erforderlich.

Für früher bereits auffällige Klienten werden in Menden Termine abgesprochen, zu denen ein Sicherheitsdienst engagiert werde, so Ehrlich. In den meisten Städten Südwestfalens wird übrigens keine Statistik zu Übriffen geführt.

100 Mitarbeiter geschult

Hagen hingegen zählt. Während es im Jobcenter zu 16 Übergriffen auf Mitarbeiter kam, besagt die Statistik für die Stadtämter: keine Hausverbote, keine Strafanzeigen. Die Stadt führt das die eigene Gewaltprävention zurück. Mehr als 100 Mitarbeiter seien speziell geschult worden, etwa in den Abteilungen Bürgerservice, Ausländerbehörde und im Sozialbereich.

Netphener Sozialamt schafft Sicherheit durch Distanz Nicht nur Hagen bereitet die Mitarbeiter auf schwierige Situationen vor. In Siegen wird für jeden Arbeitsplatz eine Gefährdungsbeurteilung erstellt, die unter anderem die „psychische Belastung“ abfragt.

Arnsberg bereitet seine Beschäftigten mit Fortbildungsmaßnahmen und Deeskalationstrainings auf schwierige Situationen vor, auch Meschede und Olsberg schulen die Mitarbeiter, in Meschede ist jedes Büro an ein Notfallsystem angeschlossen.

Netphen ist hier jetzt einen Schritt weiter gegangen. Das Rathaus wurde umgebaut, der Zugang zum Sozialamt ist videoüberwacht, Trennscheiben schützen die Mitarbeiter vor Übergriffen.

Im Übrigen sind es keinesfalls nur Flüchtlinge, die ausfällig werden. „Auch bei den anderen Empfängern von Sozialleistungen gibt es durchaus ein gewisses Aggressionspotenzial“, stellt Netphens damalige Sozialamtsleiterin Heike Büdenbender fest.

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