Tafel-Diskussion

Tafel-Experte: „Sprengkraft der Armut zeigt sich“

Eine Tafel Bochum

Eine Tafel Bochum

Foto: Gero Helm

Wuppertal.   Seit fast zehn Jahren beschäftigt sich Holger Schoneville mit Lebensmittel-Tafeln. Auch seine Dissertation ist diesem Thema gewidmet.

Seit fast zehn Jahren beschäftigt sich der Sozialwissenschaftler Holger Schoneville, zur Zeit Vertretungsprofessor für Sozialpädagogik an der Uni Wuppertal, mit den Lebensmittel-Tafeln. Auch seine Dissertation ist diesem Thema gewidmet. Das macht ihn zu einem kompetenten Gesprächspartner, wenn es darum geht, Grundsätzliches hinter der Aufregung um den vorübergehenden Aufnahmestopp für Ausländer bei der Tafel in Essen zu besprechen.

Was macht die Tafeln als Forschungsgegenstand interessant?

Holger Schoneville: Wer sich mit sozialer Arbeit befasst, kommt schnell zur Frage: Wie organisieren wir Helfen? Das ist bei uns stark verbunden mit dem Wohlfahrtsstaat. Und da interessiert mich: Inwieweit ist der im Wandel? Was macht das mit den Menschen?

Warum gehen Menschen zur Tafel?

Was ich in Interviews immer gehört habe: „Ich habe lange gestrampelt, dann kam der Punkt, an dem ich nicht mehr weiter wusste.“ Die Tafel ist lange bekannt, man hat sich gescheut, hinzugehen, dann geht es nicht mehr anders.

Aber für die Grundbedürfnisse sorgt doch der Staat?

Nur reicht es eben am Ende des Monats oder schon früher nicht mehr. Es wäre genug fürs Essen da, aber nicht mehr für den Schulranzen, neue Schuhe oder einen Ausflug am Wochenende. Das Geld dafür spart man sich dann vom Essen ab, indem man die Tafel nutzt.

In einer Notlage?

Die Nutzer berichten von Gefühlen der Scham. Davon, dass sie sich schämen anzustehen, aber auch insgesamt dafür, dass sie arm sind und um Hilfe bitten müssen. Schamgefühle sind nicht nebensächlich. Sie sind eine emotionale Reaktion auf soziale Ausgrenzung. In ihnen zeigt sich, dass die Würde der Menschen verletzt wird.

Die Tafel ist kein Supermarkt?

Wenn Sie oder ich einkaufen, haben wir dabei ein Menü im Kopf. Das funktioniert bei den Tafeln nicht. Da gibt es manchmal etwas Auswahl, manchmal auch nur eine Tüte. Und dann ist die Qualität der Produkte unterschiedlich. Das löst das Gefühl aus: Ich bekomme das, an dem Hunderte Leute vorbeigegangen sind, was sie nicht wollten.

Und trotzdem stehe ich in Konkurrenz zu anderen...

Die Tafeln existieren seit 25 Jahren unter Bedingungen des Mangels. Es gibt zu wenig Spenden, die Ehrenamtlichen haben zu wenig Zeit und es gibt zu viele Hilfsbedürftige. Die einzelne Tafel – inzwischen 2100 in Deutschland – kann ihr Verteilsystem besser oder schlechter organisieren, aber das ändert nichts am Grundproblem.

Was ist das Grundproblem?

Dass 16 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht sind, dass 1,5 Millionen Menschen die Tafeln nutzen müssen, dass sie Almosen gegen Dankbarkeit tauschen. Der klassische Sozialstaat gewährt Rechte, die man einklagen kann. Da hat sich etwas verändert.

Der Sozialstaat existiert ja noch...

Aber Sozialpolitiker loben die Tafeln mit den Worten, sie trügen zum sozialen Netz bei. Sollten sie nicht vielmehr die Maschen so knüpfen, dass keiner durchfällt?

Auf die Hilfe der Tafeln hat niemand einen Anspruch. Manche Nutzer benehmen sich aber so...

Viele wissen nicht, wie das organisiert ist, halten die Tafeln für staatliche Einrichtungen. Das ist auch auf anderer Ebene ein Problem: Der Mix aus Zivilgesellschaft und Staat wird zu einer Selbstverständlichkeit. Das ist eine neue Form der sozialen Sicherung.

Was stört Sie daran?

Die Tafeln sind überfordert. Sie können die Armut nicht bekämpfen, sondern nur lindern. Armutsbekämpfung ist eine staatliche Aufgabe. Da muss es darum gehen, die Menschen in die Lage zu versetzen, an ihrer Situation selbst etwas zu ändern. Ehrenamtliches Engagement ist wertvoll, aber wir müssen klarstellen, was zivilgesellschaftlich organisiert werden soll und wo der Staat Garantien herzustellen hat. Da gibt es zur Zeit eine Verschiebung der Verantwortung.

Hat die Armut zugenommen?

Ihre Sprengkraft zeigt sich langsam immer deutlicher. Dass die einen Armen gegen die anderen Armen ausgespielt werden, die Alten gegen die Jungen, die Mütter gegen die Flüchtlinge, ist ein Symptom dieser Sprengkraft.

Und was folgt daraus?

Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über Gerechtigkeit und die Rolle des Sozialstaats. Die 16 000 Ehrenamtlichen, die allein bei den Tafeln organisiert sind, könnten dabei eine wichtige Stimme haben. Zusammen mit den Kirchen und den Wohlfahrtsverbänden könnten sie noch deutlicher machen, dass sie eine Lücke füllen, die sie nicht füllen können.

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