Karneval

Sechs Gründe, warum wir Karnevalslieder lieben

Ohne Karnevalslied wird der Narr nicht jeck.

Foto: Andreas Arnold

Ohne Karnevalslied wird der Narr nicht jeck. Foto: Andreas Arnold

Hagen.   Karnevalslieder müssen besser funktionieren als andere Musikstücke. Das verlangt den Komponisten viel Kreativität ab. Wir verraten, wie es geht.

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Ein gutes Karnevalslied kann man auch nach dem 34. Kölsch noch mitsingen. So etwas zu erfinden, ist aber schwer. Denn die Sache hat einen Haken, auf englisch auch Hookline genannt. Mit diesem Begriff bezeichnen die Komponisten jene Melodiephrasen und Textzeilen, die den Wiedererkennungswert eines Musikstücks ausmachen. Die ins Ohr gehen und niemals wieder heraus, die ganz normale Noten in einen Mega-Hit verwandeln, der Generationen überdauert. Wie so etwas funktioniert, und zwar richtig, das zeigen ausgerechnet Karnevalslieder. Wir verraten sechs Gründe, warum wir sie lieben.

Weil sie so schön schöpferisch mit der Sprache umgehen

Die Uraufführung von „Humba Täterä“ am 5. Februar 1964 bei „Mainz wie es singt und lacht“ schreibt Geschichte. Das Saalpublikum kann sich überhaupt nicht wieder beruhigen, nachdem Ernst Neger den Refrain gesungen hat; die Live-Übertragung in der ARD muss um eine ganze Stunde überzogen werden.

Was macht Komponist Toni Hämmerle hier? Er zieht den ältesten Trick der Musikgeschichte aus dem Hut und arbeitet lautmalerisch. Das Humba imitiert die Quinten der dicken Tuba, das Täterä das grelle Schnätterätäng der Trompeten. So wird jeder Sänger zum Orchester. Unschlagbar.

Weil sie nicht lügen, hihi

Im rheinischen Karneval gelten die Werte verkehrt herum, das begreifen Zugezogene häufig nicht. „Es war einmal ein treuer Husar“ stammt aus Österreich, ist also ein Immigrant im kölschen Liedgut. Nur der Kölner singt den Doppelsinn mit: Treue kommt bei Husaren ungefähr so häufig vor wie Zähne bei Hühnern.

In moderner Form greifen die Paveier das Thema auf, wenn sie verkünden: „Leev Marie, ich bin kein Mann für eine Nacht.“ Dazu hätte der große Karl Berbuer schon 1954 etwas zu sagen gehabt: „Do laachs de dich kapott!“

Weil sie Identität stiften

Heimat ist ja heute wieder ein großes Thema. Doch der Jeck ist seit jeher fest verortet, er kennt keine Globalisierungskrisen. Viva Colonia integriert seit 2000 Jahren römische Kaiserinnen ebenso wie Schrauber vom Bosporus – und dazu all die hippen Medienleute und Digital-Manager der Neuzeit, die sich ihre Zunge zerbrechen, um „Mer losse d’r Dom in Kölle“ mitsingen zu können.

Wer ein Lied über Köln und/oder den Dom schreibt, hat ziemlich gute Chancen, in die Hitfabrik einzusteigen.

Weil sie Quatschwörter mit Hintersinn erfinden

„Heidewitzka, Herr Kapitän“ ist ein Schlager aus der bewährten Schmiede von Karl Berbuer. Nur das Entstehungsjahr trübt den Glanz ein bisschen, 1936. Auch Kölle und sein Karneval sollen gleichgeschaltet werden. Das klappt, aber erst später. Zunächst gibt es Widerstand, und zwar auf die rheinische Art. Bei Sitzungen erwarten die Nazis den Hitlergruß; dies nutzt Karl Küpper für eine legendäre Nummer: Er steigt in die Bütt, hebt den rechten Arm und sagt zum verblüfften Publikum: „Su huh litt bei uns dr Dreck em Keller!“ (So hoch liegt bei uns der Dreck im Keller). Dafür wird er zu lebenslangem Redeverbot verurteilt, das exakt bis 1945 Bestand hat.

Aber zurück zu „Heidewitzka“. Natürlich beschäftigt sich die Musikwissenschaft längst mit der Gattung Karnevalslied. Die moderne Forschung geht davon aus, dass „Heidewitzka“ eine Verballhornung des Hitlergrußes ist. „Heidewitzka, Herr Kapitän“, tönt es auch Konrad Adenauer bei einem Besuch in Chicago kurz nach dem Krieg entgegen, als Ersatz für eine Nationalhymne, welche die junge Bundesrepublik noch nicht hat. Jeder Jeck, jeder Staat und jede Groko braucht ein bisschen „Heidewitzka“ im Leben.

Weil sie über den Tellerrand blicken

„Die Karawane zieht weiter“ ist einer der großen Erfolge der Höhner, zu Recht. Denn so genial simpel der Text ist, so genial raffiniert schleicht sich die Musik ins Ohr. Sie jubelt den Jecken subtil orientalische Vierteltöne und Farbklänge unter.

Oder ist es doch umgekehrt? Schließlich sind Piccoloflöte, Schellen und Becken erst durch die Janitscharen in die westliche Musik gekommen. Egal. Im seit der Römerzeit multinationalen Köln hat Kulturtransfer Tradition. Und nach dem 34. Kölsch kann sowieso jeder Vierteltöne singen.

Weil sie einfach Hajuja sind

Wer denkt, der Karnevals-Jauchzer Hajuja sei ein Quatschwort, der täuscht sich. Er spielt im Gegenteil auf die enge Verbindung von Himmel und Erde im Rheinland an. Die Kölner Nonnen haben im 15. Jahrhundert die ersten Karnevalslieder notiert. Nirgends wird der liebe Gott so innig beschunkelt wie an Rhein. „Jo, wenn mir Kölsche singe, singk selvs d‘r Herrjott met“, heißt es bei den Bläck Fööss. „Em Himmel ess d’r Düvel loss“, konstatiert Karl Berbuer, „un d’r Herrjott hätt sing Freud“. Karneval ist katholisch. Jeck sein ohne Aschermittwoch wäre Exzess, wäre Ausschweifung. Die Fastenzeit im Nacken, weiß der Narr um seine Endlichkeit. Nutze den Tag! Deshalb kann er über die Stränge schlagen, ohne sein Seelenheil zu riskieren. Die Erlösung ist den mit Rheinwasser Getauften ohnehin garantiert: „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel“ (Jupp Schmitz).

Und Hajuja? Der Ruf ist eine Zusammenziehung von Helau und Halleluja. Praktisch. Nützlich. Jeck.

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