Food for Future

Die Zukunft des Essens : Pflückroboter und LED-Hydro-Salat

So könnte der Ackerbau in der Stadt aussehen: eine Projektion aus Seoul

So könnte der Ackerbau in der Stadt aussehen: eine Projektion aus Seoul

Foto: Aprili

Witten/Herdecke.   Wie sich unterschiedliche Akteure die Zukunft der Ernährung vorstellen. Eine kontroverse Tagung an der Universität Witten/Herdecke.

Ohne Nahrung können wir nicht leben. Aber schon früh in der Menschheitsgeschichte ging es um mehr als nur ums Sattwerden. Die Diätvorschriften diverser Religionen deuten an: Ernährung ist immer auch Kultur und definiert einen Lebensstil. Und heute geht es diverser zu denn je: Ist Bio die Lösung für die Welt? Retten Veganer das Klima? Oder brauchen wir Genmais, damit die wachsende Menschheit nicht verhungert? Die Ansichten über die Zukunft des Essens fallen sehr gegensätzlich aus – das zeigte gestern auch das Forum „Future of Food“ des Entrepreneurship Zentrum Witten (EZW).

Hunger und Übergewicht

EZW-Geschäftsführer Erik Strauß machte zu Beginn die Spannbreite klar: „Ein Teil der Weltbevölkerung kämpft gegen den Hungertod, die westlichen Industriestaaten gegen Übergewicht.“ Und stellte die Frage, wie Unternehmen im Lebensmittelbereich zugleich nachhaltig und profitabel sein können.

Ema Simurda versuchte eine Antwort. Sie ist Mitgründerin von Good Bank, eines Restaurants in Berlin-Mitte, das in LED-beleuchteten Glasschränken entlang der Wände Salat in Hydrokultur anbaut. „Täglich ernten wir 70 Salatköpfe“, berichtete die junge Frau, die früher im Bereich Elektromobilität tätig war. Das reicht nicht für mehrere hundert Gäste am Tag. Das meiste wird zugekauft, auch Fleisch, Fisch und Käse. „Wir sind weder vegan noch vegetarisch“, erklärt Simurda. Der Grund: Sie wollen alle erreichen und Urban und Vertical Farming, also den Lebensmittelanbau in der Stadt, populärer machen. Und das Projekt muss sich natürlich rechnen.

Auch Dr. Helmut Schramm rechnet. Aber anders. Der Bayer-Mitarbeiter berichtet von weltweit abnehmender Anbaufläche und 10 Milliarden Menschen bis 2050, von einem verstärkten Hunger auf Fleisch in den Entwicklungsländern und von den Konsequenzen: „Wir brauchen 50 Prozent mehr Produktivität.“ Und dazu brauche man eben eine innovative Agrarchemie, gegen Unkraut, Schädlinge und Pflanzenkrankheiten sowie neue Sorten. „Die moderne Landwirtschaft ist produktiv, effizient und nachhaltig“, betont Schramm. Der abnehmenden Akzeptanz in der Bevölkerung müsse man mit einer Kommunikationsoffensive begegnen.

Alte Schule. Wie er persönlich einkaufe, wird Schramm gefragt. Saisonal, betont er. Und niemals Bioware: „Ich will keine Käfer im Müsli und keine Schnecken im Salat.“ Aber er gibt zu, das Thema werde auch in der Familie kontrovers diskutiert.

Weniger kontrovers ist ein anderer Aspekt der Modernisierung: die Digitalisierung. Über Satelliten oder Drohnen wird es künftig möglich sein, genaue Daten über Saat- und Erntetermine, Bodenkultur und Pflanzenzustand zu bekommen und gezieltere Informationen an Landwirte zu geben, damit nicht ganze Felder, sondern nur Teilflächen behandelt werden müssen. Das schont Ressourcen.

Auf diese Art des Fortschritts setzt auch Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands. Er kann sich auch Roboter auf dem Acker vorstellen, Sensoren, die Schadinsekten frühzeitig erkennen und Greifarme, die sie absammeln. Zukunftsmusik. Aber Hemmerling hat auch eine Rechnung: „Wir importieren 80 Prozent vom Obst und Gemüse, das wir in Deutschland konsumieren.“

Die hohen Kosten der Handarbeit

Das liegt zum Teil am Klima, das Südfrüchte nicht vertragen, aber auch an den hohen Kosten der Handarbeit. „Ich hoffe, dass wir in zehn oder zwölf Jahren durch Pflückroboter unseren Selbstversorgungsanteil steigern können“, meint der Bauern-Funktionär. Das käme der Regionalität zugute. Und in Sachen Nachhaltigkeit will Hemmerling sich sowieso nicht von Städtern belehren lassen: „Wir legen Wert darauf, dass unsere Äcker auch in hundert Jahren noch Ertrag bringen.“

Fazit: Es gibt nicht den einen Weg. Und über die möglichen wird weiter gestritten werden. Was denn sonst.

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