Arbeit

Paketbote kämpft um ein besseres Leben für seine Familie

Zusteller des Logistikunternehmens DPD laden

Zusteller des Logistikunternehmens DPD laden

Foto: imago stock

Kreis Soest.  Paketboten aus Osteuropa hoffen hier auf ein besseres Leben. Auch Ivan Bucicov arbeitet hart für seinen Traum. Andere erleben hier den Alptraum.

Seine Frau und sein Kind hat Ivan Bucicov in Bulgarien zurückgelassen, als er vor zweieinhalb Jahren nach Deutschland kam. Die Stelle als Paketbote im Kreis Soest war und ist für den heute 40-Jährigen die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Bei diesem Job verdient er insgesamt 1500 Euro, 1000 Euro scµhickt er seiner Familie monatlich – zum Sparen. 175 Euro zahle er für sein Zimmer, etwa 200 Euro gebe er für Essen aus.

Er arbeite meist zwischen acht und neun Stunden, nur vor Weihnachten, da sei es stressiger. „Es ist ein harter Job“, gibt der 40-Jährige zu.

Bedingungen sprechen sich rum

Den Job als Paketbote bei einem Unternehmer, das für DPD arbeitet, hat ihm sein Cousin aus Bulgarien vermittelt. Der arbeitet schon länger in Deutschland.

„Er hat mich damals davor gewarnt, dass viele Firmen einen als Selbstständigen anstellen wollen.“ So können die Unternehmen den Mindestlohn umgehen, müssen keine ­Sozialabgaben zahlen und sich nicht um das Einhalten der Arbeitszeiten kümmern.

Bucicov hat es besser getroffen als viele andere Paketboten aus Osteuropa, die hier arbeiten. Oft stehen sie am Ende einer langen Kette von Unternehmen und Subunternehmen und müssen als Selbstständige arbeiten, weiß Szabolcs Sepsi.

Er arbeitet in Beratungsstellen extra für Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa des Projekts „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Dortmund. Oftmals handele es sich um eine Scheinselbstständigkeit. Die Paketzusteller erhalten Werkverträge, durch die sie nicht nach Stunden bezahlt werden, sodass ihre Aufgaben in einer normalen Arbeitszeit kaum zu leisten seien.

Manche haben Schichten von acht bis 20 Uhr

„Wir hatten mit Menschen zu tun, die um sechs Uhr morgens losgefahren sind und erst zwischen 17 und 20 Uhr Feierabend gemacht haben“, sagt Sepsi. Aufgeschrieben hätten sie dann aber die regulären acht Stunden.

Untergebracht werden die Arbeiter obendrein noch in überteuerten Wohnungen. „Dann leben in einer 80-Quadratmeter-Wohnung schon mal sieben, acht oder neun Menschen“, sagt Sepsi.

Das Phänomen ist nicht neu, es habe sich die vergangenen 15 Jahre aber weiter verschlimmert. Laut einer Studie des Bundesverbandes Paket & Exoress Logistik haben sich die Sendungen seit 2000 fast verdoppelt.

In Bulgarien sieht Bucicov keine Zukunft

Ivan Bucicov wohnt in einer Wohngemeinschaft mit sechs anderen Paketboten in fünf Zimmern auf 126 Quadratmetern zusammen. Zweimal im Jahr ist er für drei Wochen in der Heimat nahe Sofia.

Um in Deutschland zu arbeiten brauchte er nur einen Pass. Aber vor allem die Sprache war zunächst eine

große Herausforderung. Im ersten Monat lernte ihn sein Cousin an, half bei Straßennamen, Absendern, Anschriften. Als Bucicov die erste Zeit alleine fahren musste, war der Stress enorm.

„Es war eine Katastrophe und ich wäre am liebsten nach Hause gefahren.“ Doch er hat durchgehalten. Denn in Bulgarien habe er nur 200 Euro verdient – trotz niedriger Lebenshaltungskosten habe das fast nicht zum Leben gereicht. „Da ist keine Zukunft, da ist keine Arbeit“, sagt der 40-Jährige.

Motiviert trotz Knochenjob

Nicht alle seiner Bekannten wollen bleiben. Manche seien mit der Arbeit wegen des ständigen Zeitdrucks nicht zufrieden. Andere kommen mit dem Geld nicht aus. Einer seiner Mitbewohner sei aus München hergezogen, wo er seinen Job als Fahrer für ein anderes großes Logistikunternehmen aufgegeben habe.

„Er sagt, dass es hier besser ist, dort musste er viel länger arbeiten“, sagt Bucicov. Der Kollege habe sich das Auto für den Job selbst kaufen müssen. „Er hat dort zwar mehr Geld bekommen, aber es hat trotzdem nicht gereicht.“

Bucicov möchte sich nicht beklagen. Er macht einfach weiter seine Arbeit. „Ich kriege meinen Lohn jeden Monat pünktlich und fertig“, sagt er. Die Familie soll ihm irgendwann nach Deutschland folgen. Dafür sparen sie das Geld.

Logistik-Unternehmer sollen haften

Das Land Nordrhein-Westfalen beschäftigt sich mit prekären Arbeitsbedingungen osteuropäischer Paketboten: Gemeinsam mit dem DGB hat das Arbeitsministerium mit dem Projekt „Faire Mobilität“ ein Beratungsangebot für diese Arbeiter eingerichtet. Dort werden sie in der jeweiligen Muttersprache in arbeits- und sozialrechtlichen Fragen beraten.

Zudem hat sich Nordrhein-Westfalen zusammen mit den Ländern Niedersachsen und Bremen für die Einführung der Nachunternehmerhaftung ausgesprochen, so wie es sie auch in der Baubranche schon gibt. Hierbei soll der erste Auftraggeber für die korrekten Arbeitsbedingungen in der ganzen Arbeitskette verantwortlich sein. Die Länderkammer hat am 12. April einem Entschließungsantrag zugestimmt. Erst am Wochenende soll Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) Medienberichten zufolge einen Gesetzesentwurf für fairere Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung der Paketboten vorgelegt haben.

Defizite Ende des Jahres festgestellt

Verdi begrüßt die Entwicklungen. „Die Politik ist an dem Thema dran“, sagt Uwe Speckenwirth, Fachbereichsleiter Postdienste vom Verdi-Landesbezirk NRW. Die Gewerkschaft fordert aber mehr Kontrollen. Das Landesministerium weist darauf hin, dass zum Ende des Jahres 2018 die Überwachungsaktion „Fairer Versandhandel“ durchgeführt wurde. Bei 91 Prozent der Fahrer und Fahrerinnen wurden Defizite festgestellt. „Ein Mängelschwerpunkt war, dass die Fahrer das Be- und Entladen ihrer Fahrzeuge während der Ruhezeit durchgeführt haben“, sagt Heiko Haffmans, Sprecher des Arbeitsministeriums NRW. Die staatliche Arbeitsschutzverwaltung NRW führe regelmäßig Betriebskontrollen aufgrund von Beschwerden oder Anzeigen aus Straßenkontrollen durch.

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