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Nur alle zwei Stunden nach Berlin? Ärger um Deutschland-Takt

Hält er – oder fährt er durch? Ein ICE im Hauptbahnhof Hagen

Hält er – oder fährt er durch? Ein ICE im Hauptbahnhof Hagen

Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.   Eine Machbarkeitsstudie zum Deutschland-Takt zeigt Szenarien auf, die die Politik in Wallung bringen. Pläne sind aber lange nicht ausgearbeitet.

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Bei der Deutschen Bahn reagiert man leicht gereizt. „Der Deutschland-Takt ist eine Sache des BMVI“, also des Bundesverkehrsministeriums, stellt die Sprecherin in der DB-Zentrale in Berlin klar: „Wir dürfen das Wort eigentlich gar nicht in den Mund nehmen!“ Das hängt auch damit zusammen, dass eben dieser Deutschland-Takt in Nordrhein-Westfalen gerade etwas in Verruf geraten ist.

Eine Machbarkeitsstudie des Verkehrsministeriums dazu sieht vor, dass der ICE aus NRW nach Berlin zahlreiche Städte nur noch im Zwei-Stunden-Takt anfährt – und zwar unabhängig von der möglichen Einrichtung einer ICE-Sprinter-Verbindung von Köln nach Berlin, die Hagen diesen Zwei-Stunden-Takt schon ab 2020 bescheren könnte. „Wir möchten die Verbindung zwischen Berlin und NRW nicht ausdünnen, im Gegenteil“, sagt die DB-Sprecherin. Klingt wie ein Dementi. Aber ist es eines?

Ziel: doppelt so viele Fahrgäste

Dass der Deutschland-Takt in Verruf geraten ist, ist eigentlich schade. Ein bundesweiter Takt ist das, was Bahn-Enthusiasten seit Jahren fordern: Ein gut verknüpftes Bahn-Angebot, keine langen Wartezeiten, auch nicht beim Umstieg zwischen Nah- und Fernverkehr. Und ein darauf abgestimmter Netzausbau. „Manchmal geht es nur um Kleinigkeiten“, sagt Rainer Engel: „Hier eine Weiche, da der Austausch alter Signaltechnik – das hilft oft mehr als eine teure Neubaustrecke.“ Engel, Jurist und seit vielen Jahren bei Pro Bahn, ist Mitglied der Initiative Deutschland-Takt. Deren Ziel: Doppelt so viele Fahrgäste binnen zehn Jahren, „durch ein bundesweit vertaktetes und verknüpftes Angebot“.

Genau das haben sich CDU, CSU und SPD in den Koalitionsvertrag geschrieben. Schon 2013 und erneut 2017. Mit einer klaren Vorgabe: Der vertaktete Fernverkehr „beinhaltet auch eine Ausweitung des Angebots auf größere Städte und Regionen, so dass mehr Menschen von Direktverbindungen im Fernverkehr profitieren“.

Hört sich gut an. Nur gibt es da eine komplizierte Grafik, die einen „Zielfahrplan 2030“ darstellt. Die Verbindung von Hagen nach Berlin ist in gestrichelten Linien aufgeführt. Heißt: Hier wird ein Zwei-Stunden-Takt gefahren – anstelle des aktuellen Stunden-Taktes. Grund: Der ICE 10, der bislang in Hamm geteilt bzw. zusammengeführt wird, der also bislang über die Ruhrgebiets-Stammstrecke oder eben über Hagen nach Köln fährt, soll den Szenarien der Studie zufolge künftig einmal über das Ruhrgebiet, das andere Mal über die Wupperstrecke fahren. In einem von vier Planspielen sogar ganz ohne Halt in Hagen. Wozu sich im Bundesverkehrsministerium erst einmal niemand äußern will.

Politischer Druck zeigt Wirkung

Rainer Engel hat dafür nur eine Erklärung: „Mit großer Wahrscheinlichkeit“ spielten hier „Einflüsse aus der DB-Zentrale“ auf das Verkehrsministerium eine Rolle. Wer aktuell einen ICE-Sprinter plane, der nicht in Hagen hält, der lasse so etwas eben auch in einem Zukunftsszenario durchspielen, um die eigene Position zu stärken. Auch der Zwei-Stunden-Takt nach Berlin könnte auf „eine Idee der DB“ zurückzuführen sein, mutmaßt der Pro-Bahn-Mann. Der sich in dieser Hinsicht indes entspannt gibt: Einmal dürfte der zuletzt entfachte politische Druck Wirkung zeigen. Zum anderen habe die Deutsche Bahn ja gerade 25 kurze ICE4-Züge nachbestellt. Mit diesen Zügen lasse sich die Flügelung in Hamm fortführen, die nicht zuletzt deshalb wegfallen sollte, weil die dafür benötigten Züge nur noch bis 2025 fahren. Die Bahn sagt dazu nur, dass dies möglich sei.

Auch sonst gibt sich Engel optimistisch, was den Deutschland-Takt betrifft – anders als sein Pro-Bahn-Kollege Lothar Ebbers. Der fürchtet, der Takt für den Fernverkehr bremse den Nahverkehr aus. Engel glaubt das nicht. In NRW werde an einem passenden Nahverkehrskonzept gearbeitet, ein neuer „Fahrplan 2030plus“ sei in Arbeit. Und wenn ein ICE einen Regionalzug denn überholen müsse, brauche man eben den Gleisausbau: „Da helfen ja manchmal Kleinigkeiten“, zitiert sich Engel.

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