Extinction Rebellion

Klima-Rebell aus Iserlohn: Darum klebte ich im Landtag fest

Im Landtag festgeklebt: Tobi Mania (vorn) und die anderen Aktivisten von „Extinction Rebellion“ bei ihrem Besuch im Landtag.

Im Landtag festgeklebt: Tobi Mania (vorn) und die anderen Aktivisten von „Extinction Rebellion“ bei ihrem Besuch im Landtag.

Foto: imago / Ralph Sondermann

Dortmund/Iserlohn.  Wie ein gebürtiger Iserlohner den Weg zu Extinction Rebellion fand, warum er Anzeigen nicht fürchtet, aber manchmal ein schlechtes Gewissen hat.

Die Fassaden der Häuser im Dortmunder Norden sind grau oder beschmiert. Ein schweres, schwarzes Metalltor führt in einen Hinterhof, an dessen Ende ein Gemeinschaftsbüro liegt. Eines davon ist das von Tobi Mania, 31 Jahre alt, rötliches Haar, Dreitagebart, hagere Figur, robuste Stiefel an den Füßen. Er ist selbstständiger Grafikdesigner und – tja, wie sagt man: radikal?

Er gehört der Bewegung „Extinction Rebellion“ (XR) an, einer Gruppierung, die politische Lösungen gegen die drohende Klimakatastrophe einfordert. Vehement einfordert. Mitunter auch gesetzeswidrig. „Von außen wirkt zunächst alles radikal, was sich nicht innerhalb der gesellschaftlichen Norm bewegt“, sagt der gebürtige Iserlohner. Er reize die Mittel des demokratischen Systems nur etwas weiter aus. „Ich würde mich daher in erster Linie als konsequent bezeichnen.“

Drei Stunden im Landtag festgeklebt

Es ist wenige Tage her, da saß Tobi Mania – sein eingetragener Künstlername – auf einer Treppe des Landtages in Düsseldorf. Mit Sekundenkleber festgeklebt an einer Glasscheibe. Es war die nächste XR-Aktion. Rund 20 Aktivisten hatten an einer Führung durch das Gebäude teilgenommen und sich an deren Ende zum Teil festgeklebt. Sicherheitskräfte und Polizei kamen. Drei Stunden saßen die Rebellen da und forderten ein Gespräch mit einem Minister. Umwelt, Wirtschaft, egal. Vergeblich. „Unser Hilfeschrei“, sagt er, wurde daher „nicht erhört“.

Er erwartet eine Anzeige wegen Missachtung der Bannmeile und Hausfriedensbruchs. Auch egal. „Wir sind bereit, diese Repressalien in Kauf zu nehmen“, denn sie seien „nichts im Vergleich zu dem, was uns in den nächsten Jahren mit der Klima-Krise droht“.

Es ist anderthalb Jahre her, dass er begann, sich für das Thema Klima zu interessieren. Dass er Angst bekam vor dem, was drohen könnte. Und das Gefühl, dass das viele nicht interessiert. „Seit Monaten gehen Millionen von Menschen auf die Straße, aber die Politik bewegt sich im Schneckentempo. Deshalb greifen wir zu drastischeren Mitteln.“

Weltweites Aufsehen

Die Aktionen sorgen weltweit für Aufsehen. In Berlin blockierte die Bewegung im Herbst mehrere Tage zentrale Straßen, vor dem Brandenburger Tor bauten drei Aktivisten einen Galgen, legten sich – auf einem Eisblock stehend – die Schlingen um den Hals. Beim Brüsseler Autosalon wurden Fahrzeuge mit roter Farbe beschmiert als klebte Blut an ihnen. „Diese Bilder sollen wachrütteln“, sagt er. Die Aktionen werden in einzelnen Ortsgruppen – über 100 soll es in Deutschland geben – geplant und durchgeführt.

Es gäbe Aktionen, die auch innerhalb der Gruppe nicht unumstritten seien. Grundsätzlich gelte, dass jeder in der Bewegung „seinen Gefühlen individuell Ausdruck“ verleihen darf, solange die Aktion mit den Werten und Prinzipien von XR übereinstimme. Gibt’s eine Grenze? „Wenn Unternehmens- oder Staatseigentum beschädigt wird, ringe ich mit mir, ob das noch ok ist. Unser oberstes Ziel ist, dass niemand zu Schaden kommt.“ Niemand außer man selbst vielleicht. Die Scheiben im Landtag wischten die Rebellen zum Schluss mit Lösungsmittel sauber.

Politik handelt „ignorant und feige“

Für Fridays for Future fühlte sich Tobi Mania zu alt, obwohl er ein paar Mal mit den Schülern auf die Straße ging. Er wollte etwas tun, fing bei sich an, wurde Veganer. Das, sagt er, könne aber nur der Anfang sein. „Die Politik wälzt die Verantwortung für unseren Planeten gern auf den einzelnen Bürger ab. Das ist ignorant und feige. Es muss eine Veränderung aus der Politik für das System geben, damit überhaupt noch eine Chance besteht.“

Über die Sozialen Medien habe er von Extinction Rebellion erfahren, habe sich für ein Treffen der Ortsgruppe Dortmund angemeldet, obwohl da jeder jederzeit hingehen kann, sagt er. Er habe sich abgeholt gefühlt. „Diese Art des Aktivismus hat mir sehr gut gefallen.“ Er überlegt kurz. „Sehr gut gefallen ist nicht richtig ausgedrückt. Das klingt als hätte ich Spaß daran, an Scheiben zu kleben.“ Im Herbst des vergangenen Jahres klebte er tatsächlich schon einmal an einer Scheibe: im Bundestag. „Ich habe auch anderes zu tun, habe ein wunderbares Privatleben und ich habe einen Job. Ich würde es nicht machen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass ich es tun muss; dass es womöglich keiner macht, wenn ich es nicht mache.“

Keine Anführer, keine Machtstrukturen

Die Beziehungen zur Bewegung seien lose. Wer Zeit habe, der komme, wer nicht mehr möchte, bleibe weg. Anführer oder Machtstrukturen gäbe es nicht. Aber einen Mitgründer, der zuletzt in die Kritik geriet. Der Brite Roger Hallam hatte jüngst in einem Interview mit der Zeit den Holocaust als „fast ein normales Ereignis“ der Menschheitsgeschichte beschrieben und damit verharmlost. Extinction Rebellion Deutschland und viele Ortsgruppen distanzierten sich entschieden von Hallam. Er sei nicht mehr willkommen.

Doch bei XR, sagt Tobi Mania, dominiert die Hilfsbereitschaft. „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Solidarität sehr groß ist. Das mildert die Angst vor Strafgeldern enorm“, sagt Tobi Mania im Hinblick auf seine Anzeigen. Er ist ledig. Familie und Freunde wissen von seinen Aktivitäten.

Vom Sekundenkleber seien keine Rückstände an seiner Hand geblieben. Aber ein schlechtes Gewissen hat er. Als „Tanzgruppe Ruhrgebiet“ hatten sie sich zur Führung durchs Landtagsgebäude angemeldet. „Der nette Herr, der die Führung geleitet hat, war sehr tanzinteressiert und hat uns viele Fragen gestellt.“ Sie mussten ihn anlügen, um die Aktion nicht zu gefährden. „Das“, sagt Tobi Mania, „tut mir sehr leid.“

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