Integration

JVA Attendorn: Rachid Rabou gibt Deutschunterricht

Rachid Rabou steht im Gefängnis in Attendorn an der Tafel des Klassenzimmers. Sechs Monate dauern die Deutschkurse.

Foto: Herbert Spies

Rachid Rabou steht im Gefängnis in Attendorn an der Tafel des Klassenzimmers. Sechs Monate dauern die Deutschkurse. Foto: Herbert Spies

Attendorn.   Rachid Rabou gibt in der Justizvollzugsanstalt in Attendorn Deutschunterricht. Zusätzlich erteilt er Integrationskurse für Häftlinge.

Auf den ersten Blick sieht der Klassenraum aus wie jeder andere. Auf den blanken Holztischen liegen Arbeitshefte und Wörterbücher für den Deutschunterricht, daneben hier und da ein abgebrochener Radiergummi. Nur die Gitter vor den Fenstern verdeutlichen, dass dies kein normaler Schulbetrieb ist.

Niemand ist aggressiv

Rachid Rabou lacht gerne und oft. Der gebürtige Algerier ist Deutschlehrer in der Justizvollzugsanstalt Attendorn. Seine Schüler sind Gefangene. Ein Georgier, ein Araber, ein Pole, ein Türke und ein Mann aus dem westafrikanischen Guninea sitzen nebeneinander in der Klasse. Niemand konnte zu Beginn des Kurses ein Wort Deutsch, manch einer muss erst lesen und schreiben lernen. „Meine Schüler sind sehr lernwillig, haben aber häufig andere Sachen im Kopf, nämlich ihre eigenen Probleme“, erzählt der studierte Literaturwissenschaftler. Mörder lernen hier neben Dieben, Vergewaltigern und Betrügern.

Ein Zug fährt vorbei und Rachid Rabou weiß, was in seinen Schülern vorgeht: „Sie schauen raus und dann träumen sie.“ Seit Februar letzten Jahres arbeitet er als Pädagoge in der JVA. Probleme habe er noch keine gehabt, niemand sei ihm gegenüber aggressiv geworden. Dann und wann fällt einmal ein lautes Wort. „Aber das passiert in den Schulen draußen auch“, sagt Rabou und ergänzt: „Ich bin friedlich und bestimmt, bei mir fühlen sich alle wohl.“ Die Strafgegangenen begegneten ihm mit Respekt. Und das liege wohl an seiner Zuwendung: „Ich bin für sie eine Art Vaterfigur, oder besser: Ein Beichtvater. Wir reden viel miteinander.“

Mit einfacher Sprache erklärt

Neben Deutsch gibt der 62-Jährige auch Integrationsunterricht, vermittelt also Grundzüge und Werte der deutschen Gesellschaft. Schwierige Begriffe wie zum Beispiel Grundgesetz oder Verfassung erkläre er mit seinen Händen und ganz einfachen Worten. Er erläutere, wer die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident seien und welche Aufgaben beide hätten. Viele Themen kämen zur Sprache. „Dass Frauen in Deutschland kein Freiwild sind, wie wir uns im Karneval verhalten, auch die Landeskunde Nordrhein-Westfalens“, zählt Rabou Beispiele auf. Und Fakten, die in anderen Kulturkreisen gänzlich unbekannt seien: „Araber wissen beispielsweise nicht, dass Homosexuelle in Deutschland für ihre Rechte kämpfen und dies auch dürfen.“

Sein Ziel sei es, den Männern, derzeit zwischen 21 und 55 Jahren alt, jeden Tag zu helfen, sich nach der Entlassung zurechtzufinden: „Um ein Leben zu führen, ohne aus der Reihe zu tanzen.“

Viele erleiden Kulturschock

„Wertevermittlung ist das A und O, gleichgültig, in welcher Form und wem gegenüber auch immer“, lobt Cevdet Aydin , seit 2010 Vorsitzender des Integrationsrates in Olpe, auch die Arbeit in der JVA. „Viele, die als Migranten nach Deutschland kommen, erleiden hier einen Kulturschock. Und es gibt leider nur wenige Menschen, die als Lehrer die Fähigkeiten haben, diese Brücken zu bauen“, sagt der 47-Jährige, der in Istanbul geboren wurde und im Alter von drei Jahren in den Kreis Olpe kam. Er sei der festen Überzeugung: Je mehr Input über das Leben in einem fremden Land, umso besser. Voraussetzung sei jedoch, dass dieser von Fachleuten vermittelt werde.

Pädagoge Rabou war früher in der Erwachsenenbildung und als Übersetzer tätig. Er ist sprachbegabt, kann Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Italienisch, Deutsch und ein klein wenig Russisch. Im Februar 2016 war er zum ersten Mal in seinem Leben in der JVA Attendorn: Seinerzeit hatte er die Aufgabe, den Beamten Arabisch beizubringen.

Und so entwickelte sich das Verhältnis des freundlichen Mannes zu dem von außen sehr abweisend wirkenden Gefängnisbau in der Hansestadt. Immer wieder hat er dort Erfolgserlebnisse: „Es macht mich glücklich, wenn einer einen deutschen Satz richtig ausspricht. Denn dann habe ich etwas erreicht.“ Lernen hinter Gittern sei auch für ihn oft völlig anders als draußen, weil sich die Schüler anders verhielten. Einige öffneten sich nicht und seien schwer erreichbar. „Aber ich bin hartnäckig. Ich bleibe dran, bis alle verstehen, was ich meine und will. Dass das dauert, war für mich zu Beginn Neuland“, berichtet der Pädagoge, der seit 1976 in Deutschland lebt.

Hausaufgaben sind freiwillig

Zum Unterricht gehört auch eine Leistungskontrolle. Einmal im Monat wird ein Test geschrieben, dafür gibt es Noten. Die Ergebnisse gingen jedoch nicht an die Gefängnisleitung, sie dienten den inhaftierten Schülern dazu, ihre Kenntnisse zu überprüfen.

Nur mit den Hausaufgaben sei das so eine Sache, sagt Rabou und lacht abermals. „Das läuft freiwillig. Ich zwinge niemanden, denn ich weiß ja, was die Jungs in ihrer Zelle machen: Kaffeetrinken, rauchen und fernsehen.“

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