Attentat Halle

Juden in Südwestfalen leben mit der Angst

Mehr als 100 Menschen sind am Donnerstagnachmittag zu einer Mahnwache anlässlich des antisemitischen Anschlags in Halle zum Platz der Synagoge in Siegen gekommen. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hatte kurzfristig dazu aufgerufen. 

Mehr als 100 Menschen sind am Donnerstagnachmittag zu einer Mahnwache anlässlich des antisemitischen Anschlags in Halle zum Platz der Synagoge in Siegen gekommen. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hatte kurzfristig dazu aufgerufen. 

Foto: Florian Adam / WP

Hagen.  Das Attentat von Halle verändert den Alltag unserer jüdischen Nachbarn in Südwestfalen. Eine Spurensuche

Das ganze Grauen des Attentats von Halle offenbart sich, wenn man weiß, dass die Gemeinde Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag, in der Synagoge verbringt und Fernsehen sowie Radio ausgeschaltet lässt. Die Juden in Deutschland wussten also nicht, dass ein Rechtsradikaler hierzulande auf Synagogen schießt. Alon Sander, einer der drei Vorsitzenden der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland, hat erst von der Bluttat erfahren, als Deutschland sich schon im Schockzustand befand.

„Jetzt müssen wir zwei Sachen machen“, fordert der Siegerländer. „Ich bin dafür, das Video, das der Täter von seinem Anschlag gedreht hat, in den Schulen zu zeigen, damit klar wird: Der Täter ist kein Held, er ist ein Dummkopf, ein Trottel, er muss entlarvt werden.“ Die zweite Maßnahme bestehe im Zusammenhalt. „Die ganze Gesellschaft wird getroffen, nicht nur Juden. Passanten wurden willkürlich abgeschlachtet. Vor den Tätern muss man Angst haben, nicht vor Religionen. Wir müssen um Verständnis werben, dass es in Ordnung ist, anders zu sein, dass anders nicht fremd bedeutet. Toleranz, Respekt, Solidarität sind Werte, die wir uns nicht wegnehmen lassen dürfen.“

Das darf nicht passieren

Mit Judenhass beschäftigt sich Alon Sander ein Leben lang. Er warnt vor der Annahme, der arabische Antisemitismus von Flüchtlingen sei das eigentliche Problem. „Viele kommen mit einer vorgefestigten Meinung nach Deutschland, die sie ein Leben lang in ihren Heimatländern gelernt haben. Aber da darf man sich nicht von der AfD ablenken lassen. Auch der arabische Antisemitismus fußt zum großen Teil auf ideologischen Importen aus Deutschland und Europa.“ Der deutsche Antisemitismus mit seinen Vernetzungen und seinem Hass könne viel Schlimmeres verursachen. „Das muss als Gefahr erkannt werden.“

Alon Sander war früher Soldat. Er hat sich das Video des Täters gründlich angesehen und analysiert. „Der Täter agiert wie ein Schauspieler in „The Fast and the Furious 5“, er hat offenbar keine Ahnung, was er da macht. Aber es stellt sich doch die Frage, wie es so weit kommen kann, dass er da eine halbe Stunde hantieren kann, ohne gestoppt zu werden. Das darf in Deutschland nicht passieren.“

Weiter Weg nach Dortmund

In Südwestfalen funktioniere die Zusammenarbeit mit Polizei und Verfassungsschutz. „Wir sind gut vernetzt, die Polizei hat gestern sofort angerufen und gefragt, ob wir mehr Schutz brauchen.“

In Sauerland und Siegerland leben nur wenige jüdische Familien, „weil der Zugang zu einer jüdischen Gemeinde nicht gegeben ist. Wir gehören zur Gemeinde in Dortmund, was wegen der weiten Wege nicht praktikabel ist. Jede Familie muss für sich eine Lösung finden. Die meisten geben aber nicht preis, dass sie jüdisch sind, aus Angst, dass ihnen etwas passieren kann.“ Auch Alon Sander legt keine Details aus seinem Privatleben offen, um seine Familie und seine Nachbarn zu schützen. „Als Jude in Deutschland ist man nie zu 100 Prozent sicher. Aber für mich wäre es keine Option, in Deutschland zu leben, ohne als Jude offen und aktiv sein zu können. Der Tag, an dem ich mein Judesein hier in Deutschland verstecken müsste, wäre der Tag, an dem ich meine Emigration vorbereiten würde.“

Durch die Mitteilung eines Freundes hat ein junger Musiker aus den USA, der in NRW lebt, vom Attentat in Halle erfahren. Seinen Namen möchte er nicht nennen, aus Angst, seine Angehörigen zur Zielscheibe von Rechtsradikalen zu machen. „Am 1. September 2001 habe ich in Manhattan gelebt, da fühlte ich mich nicht persönlich angegriffen. Aber jetzt fühle ich mich plötzlich als Ziel, als Hassobjekt. Ich habe schlimme Stunden hinter mir.“

Die Biographie der Großeltern neu bewertet

Deutschland war für den jungen New Yorker das Musikland, in dem er arbeiten möchte. Seit dem Anschlag bewertet er seine Familiengeschichte neu. „Meine Großeltern waren für mich immer jüdische Emigranten aus Osteuropa. Ich habe die deutsche Sprache erst gelernt, als ich nach Deutschland gekommen bin. Dabei war meine Großmutter zusammen mit ihrer Schwester 1939 Flüchtling aus Danzig, und sie haben Englisch immer mit einem deutschen Akzent gesprochen, aber nie Deutsch geredet, auch nicht miteinander, kein einziges Wort.“

Niemand weiß um die Herkunft

Besonders betroffen macht den Musiker, dass er im März eingeladen ist, in Halle zu Ehren des Komponisten Kurt Weill ein Konzert zu gestalten, der 1933 aus Deutschland fliehen musste. „Unsere Arbeit in Halle müssen wir nun neu ausrichten, wir können keine Lieder eines jüdischen Komponisten und Nazi-Verfolgten in Halle spielen, ohne das Attentat zu adressieren“, sagt er. Auch in Dortmund horten Neonazis Waffen und in den Medien liest der Musiker, dass Antisemitismus wieder salonfähig wird. „Ich trage keine Kippa, und es weiß keiner um meine Herkunft. Aber das haben viele gedacht, die in den KZs gelandet sind.“

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