Prozess

Doppelmord in Iserlohn: „So viel Hass und Wut im Spiel“

Der Angeklagte (Mitte, neben ihm eine Dolmetscherin und sein Verteidiger Andreas Trode) muss sich vor dem Landgericht Hagen verantworten. Ihm wird zweifacher Mord zur Last gelegt.

Der Angeklagte (Mitte, neben ihm eine Dolmetscherin und sein Verteidiger Andreas Trode) muss sich vor dem Landgericht Hagen verantworten. Ihm wird zweifacher Mord zur Last gelegt.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Iserlohn/Hagen.  In Iserlohn soll ein Mann seine Ex und deren Freund brutal getötet haben. Der Angeklagte schweigt bei dem Prozessauftakt.

Es geschah in aller Öffentlichkeit, äußerst brutal – und zurück blieb ein erst zwei Monate altes Kind, das nun Waise ist. Der Doppelmord von Iserlohn hat weit über die Region hinaus für Aufsehen gesorgt. Seit Dienstag wird er vor dem Landgericht Hagen verhandelt.

Über Stunden soll der 44-jährige Angeklagte aus Bergisch Gladbach seine getrennt von ihm lebende Ehefrau und deren neuen Lebensgefährten am 17. August des vergangenen Jahres in Iserlohn aufgelauert haben. Gegen 14.20 Uhr soll er die 32 Jahre alte Frau in dem Parkhaus am Stadtbahnhof mit einem Küchenmesser mit einer zwölf Zentimeter langen Klinge brutal niedergestochen haben. Bevor er dann deren Freund (23) bis in die Nähe der Bahngleise verfolgt und mit zahlreichen Messerstichen ums Leben gebracht haben soll. Am helllichten Tag, in aller Öffentlichkeit und während die knapp zwei Monate alte Tochter der beiden noch im Auto lag, der so die Eltern genommen wurden.

Große Medienaufkommen am ersten Prozesstag

Die Bluttat am Iserlohner Stadtbahnhof hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Das zeigt auch das große Medienaufkommen am ersten Prozesstag. Als der nicht vorbestrafte Angeklagte um 9.35 Uhr den Saal 201 des Hagener Landgerichts betritt, schlägt ihm ein Blitzlichtgewitter entgegen. Der etwas untersetzte Mann mit hoher Stirn, der älter als 44 Jahre erscheint, hat sein Gesicht nicht verdeckt, als er neben seinem Verteidiger Andreas Trode Platz nimmt.

Der Anwalt aus Iserlohn hatte Minuten zuvor auf dem Gerichtsflur unter anderem Fragen zum Charakter seines Mandanten beantwortet. „Er ist ein höflicher, freundlicher und korrekter Mensch“, hatte er gesagt, „keiner, der böse durch die Welt geht.“

Angeklagt wegen zweifachen Mordes

Und doch muss sich der Mann aus Bergisch Gladbach wegen zweifachen Mordes verantworten. Beim Haftrichter habe sein Mandant zugegeben, seine Ehefrau und dessen neuen Lebensgefährten getötet zu haben, sagt Anwalt Trode. „Zum Motiv hat er sich allerdings nichts geäußert.“ Beim Prozessauftakt am Dienstag vor dem Schwurgericht äußert sich der Kosovo-Albaner ebenfalls nicht, regungslos hört er den Übersetzungen einer Dolmetscherin zu. Für Staatsanwalt Michael Burggräf ist die Sache klar: Der Bergisch Gladbacher soll seine Ehefrau als „seinen Besitz und sein Eigentum“ betrachtet und spätestens am Tattag beschlossen haben sie zu töten.

Ebenso wie den neuen, aus Afghanistan stammenden Lebensgefährten, mit dem sie inzwischen ein Kind hatte. Dieser, so die Anklage, musste sterben, weil er dem Angeklagten die Ehefrau nach dessen Ansicht „weggenommen“ habe. Die Staatsanwaltschaft Hagen geht von einem Doppelmord aus niedrigen Beweggründen aus. Bei der Tötung des neuen Partners der Ehefrau sieht die Anklagebehörde zudem das Mordmerkmal der Grausamkeit. Das männliche Opfer hat bei der tödlichen Auseinandersetzung am Iserlohner Bahnhof Staatsanwalt Burggräf zufolge 71 Stich- und Schnittverletzungen erlitten.

Zuflucht im Frauenhaus in Iserlohn gefunden

Die Frau, die ebenso wie der Angeklagte aus dem Kosovo stammt, soll ihren Ehemann im September 2018 endgültig verlassen haben. In der Vergangenheit soll der Mann gegenüber ihr Gewalt angewandt haben. Die 32-Jährige hatte Ende 2018 Zuflucht in einem Frauenhaus in Iserlohn gefunden. Es waren mutmaßlich Kontoauszüge, mit deren Hilfe der Angeklagte den geheimen Aufenthaltsort der Frau herausgefunden hat.

Fotos vom sterbenden Opfer per Smartphone verschickt

Das brutale Geschehen mussten an jenem Samstagnachmittag am Bahnhof in Iserlohn zahlreiche Augenzeugen – darunter auch eine Hochzeitsgesellschaft mit Kindern – miterleben. Unter ihnen eine 49 Jahre alte Frau aus Hagen, die häufig samstags mit ihrem Lebensgefährten zum Stadtbummel in Iserlohn weilt, wie sie im Zeugenstand aussagt. „Als wir das Parkhaus betraten, sahen wir, wie ein Mann immer wieder auf eine Frau und einen weiteren Mann einstach. Es war so viel Hass und Wut im Spiel“, so die Zeugin weiter, „es ging eine übermäßige Kraft von dem Täter aus.“ Auch als das weibliche Opfer zu Boden gegangen war, habe er weiter auf sie eingestochen.

Das mutmaßliche Beziehungsdrama liegt fast ein halbes Jahr zurück, für Augenzeugen hat die Zeit noch nicht gereicht, das grausame Erlebte zu verarbeiten. „Es war so schrecklich, wir konnten nichts machen“, schildert eine Zeugin mit stockender Stimme, die ihren Sohn am Bahnhof abholen wollte. „Er hat immer wieder drauflosgestochen.“ Irgendwann habe sich der Mann mit dem Messer in der Hand auf sein lebloses Opfer gekniet und eine „Siegesposition“ eingenommen: „So als wolle er allen zeigen, dass er es geschafft hat.“ Damit nicht genug: Von seinem Opfer soll der Angeklagte der Anklage zufolge mit seinem Smartphone zwei Fotos gemacht und diese per Whatsapp verschickt haben.

Zeugen noch unter dem Eindruck des Geschehens

Bei den Zeugenvernehmungen am ersten Prozesstag ist bis zu den Besucherplätzen zu spüren, wie stark Zeugen noch unter dem Eindruck des Geschehens stehen. Ein Mitglied der Hochzeitsgesellschaft, die sich an dem Bahnhofs-Parkhaus verabredet hatte, schildert, wie er plötzlich ein Schreien aus einem Auto vernimmt. Er findet ein Baby auf dem Rücksitz, wie sich später herausstellt die unverletzt gebliebene, zwei Monate alte Tochter des getöteten Paares. „Ich habe sie auf meinen Arm genommen“, sagt der Mann, „irgendwann ist sie dann eingeschlafen.“

Der Mordprozess geht am 21. Februar weiter.

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