Wissenschaft

Gen-Manipulation: Ethikrat macht René Röspel (SPD) ratlos

Kinder aus dem Labor? Wissenschaftler können mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas9 Erbmaterial gezielt verändern.

Kinder aus dem Labor? Wissenschaftler können mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas9 Erbmaterial gezielt verändern.

Foto: Philipp Brandstädter

Hagen.  Der Ethikrat veröffentlicht Stellungnahme zu gentechnischer Veränderungen des Erbguts. Ethiker René Röspel (SPD) ist überrascht und entsetzt.

Leben die ersten gentechnisch veränderten Babys schon? Im vergangenen November verkündete ein chinesischer Forscher, er habe das Erbgut von zwei Embryonen so verändert, dass sie gegen HIV immun seien. Ob das stimmt, ist unklar. Doch der Aufschrei war weltweit gewaltig: ein Dammbruch auf dem Weg zum Designerbaby.

Ethikrat gibt Stellungnahme zu Eingriff in Chromosomen ab

Vergangene Woche hat nun der Deutsche Ethikrat eine Stellungnahme zur Keimbahnintervention abgegeben und sich für ein ­internationales Moratorium ausgesprochen, weil die Risiken derzeit unabsehbar seien.

Falls die Technik in Zukunft sicher und wirksam sei, hält der Ethikrat einen Einsatz ­allerdings prinzipiell für vertretbar, wenn es darum gehe, Erbleiden zu vermeiden. Ein Gespräch mit dem Hagener Bundestagsabgeordneten und Ethik-Experten René Röspel (SPD).

Hat Sie die Stellungnahme des Ethikrats überrascht?

René Röspel: Sie hat mich überrascht und entsetzt. Ohne Not ist hier ein seit vielen Jahren geltender Konsens aufgekündigt worden.

Hat sich denn so viel geändert? Ob solche Eingriffe jemals wirklich ­sicher gelingen können, ist doch sehr ungewiss.

Die Gefahr, dass bei einem Eingriff an anderer Stelle DNA beschädigt wird, ist viel zu groß. Mit der sogenannten Genschere CRISPR/Cas9 funktioniert das präziser, aber längst nicht präzise genug. Deshalb ist die Forderung nach einem Moratorium richtig. Doch das ist nur eine Dimension. Die zweite ist die Ethik: Welches Recht hat jemand, ins ­Erbgut eines noch nicht geborenen Menschen einzugreifen? Und nach welchen Maßstäben soll das ­zulässig sein?

Sie sehen da keine vertretbare Antwort?

Der Ethikrat hält einen Einsatz bei bestimmten schwerwiegenden Erbkrankheiten für vertretbar. Aber wer definiert, was schwerwiegend ist? Wie will man das abgrenzen? Und gilt das nur für sichere Erkrankungen oder für wahrscheinliche? Da macht man ein Fass auf, das man nicht mehr zubekommt. Dann sind wir schnell bei „sinnvoll erscheinenden Verbesserungen“ und Leistungssteigerungen, dem sogenannten Enhancement. Eine klare Abgrenzung ist da nicht möglich.

Können Sie nicht verstehen, dass ­Eltern ihren Kindern Leiden ersparen wollen?

http://Das_genmanipulierte_Baby_wird_Realität_mit_moderner_Technik{esc#212371253}[news]Individuell ist das immer nachvollziehbar. Man kann auch ein ­Ehepaar verstehen, das nach vier Söhnen eine Tochter haben und deshalb Geschlechtsauswahl bei Embryonen machen möchte. Aber die Frage ist doch, was das gesellschaftlich bedeutet.

Was meinen Sie?

Wir glauben zu wissen, was falsch und richtig ist, wissen es oft aber gar nicht. Wir kennen die genauen Funktionen vieler Gene nicht. Und wir dürfen nicht das, was wir aus unseren heutigen Normen heraus für gut und gesund halten, anderen überstülpen. Da maßen wir uns zu viel an. Das sehe ich bei meinem Umgang mit Menschen mit Behinderung bei der Awo.

Ist die Genschere nicht einer Abtreibung vorzuziehen?

Die allermeisten Abtreibungen haben nichts mit dem genetischen Zustand des Embryos zu tun. Die Genschere würde keine Abtreibungen verhindern.

Ihnen fehlt bei der Stellungnahme des Ethikrates also die Ethik?

Ich bin wirklich etwas ratlos. Eine Mehrheit des Ethikrates ist auch dafür, verbrauchende Embryonenforschung zuzulassen. Dazu hatten wir vor 20 Jahren eine große gesellschaftliche Debatte und haben uns darauf geeinigt, dass wir nicht das Recht haben, Leben zu verbrauchen.

Hat sich da etwas verschoben in den vergangenen Jahren?

Damals gab es großen Druck aus der Wissenschaft. Deutschland werde sich dem Fortschritt verschließen und wichtige Therapiemöglichkeiten verpassen, hieß es. Doch bis heute gibt es keine einzige anwendbare Therapie aus dieser Forschung heraus, und die Wissenschaftler interessieren sich längst mehr für neue alternative als für embryonale Zellen.

Warum jetzt diese Stellungnahme?

Ich kann nur spekulieren: falsch verstandene Technikoffenheit? ­Dazu werden wir in den kommenden Tagen und Wochen noch weiter diskutieren.

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