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Evolutionstheorie hat heute mehr Gegner als zu Darwins Zeit

Die Evolutionstheorie hat mehr gegner denn je.

Foto: akg

Die Evolutionstheorie hat mehr gegner denn je. Foto: akg

Siegen.   Die Gegner der Evolutionstheorie sind lauter denn je – und zahlreicher. Sie scheuen auch vor Drohungen gegenüber Wissenschaftlern nicht zurück.

Zwei Kommentare zu einem Interview, das Angela Schwarz, Geschichts-Professorin an der Uni Siegen, als Herausgeberin von „Streitfall Evolution“ gegeben hat, einer allgemein verständlichen, großzügig bebilderten und enorm facettenreichen Kulturgeschichte zum Wesen und Wirken von Darwins folgenreicher Theorie.

Eine Minderheit meldet sich lautstark zu Wort. Zunehmend lauter. „Heute gibt es mehr christlich-fundamentalistische Gegner, seit etwa hundert Jahren Kreationisten genannt, als im Jahr 1859, als Charles Darwin ‘Die Entstehung der Arten’ veröffentlichte“, sagt Angela Schwarz. Christen, die die Bibel wörtlich nähmen, an einen einmaligen Schöpfungsakt glaubten, in dem alle Pflanzen und Tiere so geschaffen wurden, wie wir sie heute vorfinden, hätten sich von den USA aus ausgebreitet: „Auch im Siegerland gibt es Sympathisanten, die fordern, ihre Lehre vom Kreationismus oder intelligenten Design müsse gleichberechtigt in den Schulen behandelt werden.“

Glaubensproblem Neandertaler

Die Historikerin hat von einem Heimatmuseum gehört, in dem Besuchergruppen fordern, ein Neandertaler-Diorama zu verhängen, weil das ihrem Glauben widerspreche. Selbst die anglikanische Kirche habe sich zu Darwins Lebzeiten bald mit seiner Lehre arrangiert und nicht prinzipiell unterstellt, er wolle Gott abschaffen. Obwohl Darwin selbst Probleme hatte: „Seine ihn ein Leben begleitenden Krankheitssymptome äußerten sich zur Zeit der Veröffentlichung besonders stark. Das kann man als eine Art Geburtswehen verstehen. Er war studierter Theologe und ein Konservativer, aber er war auch Naturwissenschaftler und musste seine Erkenntnisse publizieren.“

„Religion ist nur eines von sieben Hauptkapiteln im Buch“, sagt Schwarz. Aber sie sieht die Brisanz: „Was bleibt vom Sinn des Lebens, von der Krone der Schöpfung, wenn der Mensch nur Teil der Natur ist und die einzige Antriebskraft des Daseins in der biologischen Weitergabe von Erbmaterial und dem Fortbestand der eigenen Art liegt?“ Darwin änderte das Weltbild so gründlich wie Kopernikus, der die Sonne statt der Erde in den Mittelpunkt stellte. Heute ist der Widerstand ist nicht nur unter Christen groß: Nach einer Umfrage von 2005 hält nur ein Viertel der Türken die Evolutionstheorie für zutreffend. In den USA sind es 40 Prozent. In Deutschland über 80.

1831 ging der damals 22-Jährige mit dem Forschungsschiff Beagle auf Weltreise. Nach seiner Rückkehr forschte er zwei weitere Jahrzehnte. Dann konnte er begründet darlegen, dass durch natürliche Auslese ständig bestimmte Merkmale in der Vererbung begünstigt oder benachteiligt werden. Das führe auf Dauer zu einer sichtbaren Unterscheidung zwischen früheren und späteren Generationen einer Art. So ließen sich nicht nur die biologische Vielfalt, sondern auch das Entstehen neuer Arten erklären. Bis zum Menschen.

„Die Thesen erreichten sehr schnell große Publizität“, erklärt Angela Schwarz, die sich über Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert habilitiert hat. Das habe auch am eingängigen Stil gelegen. Und daran, dass im Zeitalter der sich entwickelten Massenpresse und der Fotografie das Konterfei Darwins zu einer Ikone der Wissenschaft aufstieg. „Auslese“ oder „Überlebenskampf“ entwickelten sich zu Schlagwörtern, die biologische Theorie wurde rasch auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen. „Die Evolutionstheorie wurde Auslöser für eine umfassende Biologisierung des Denkens und Handelns, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt“, sagt die Historikerin – und meint damit Genforschung und Biotechnologie.

Die Verbesserung des Menschen

Ältere Auseinandersetzungen drehten sich um Sozialdarwinismus oder Eugenik, Rassenhygiene und Menschenversuche. „Die Evolutionstheorie war und ist Auslöser für zentrale Fragen“, betont Schwarz: „Was ist der Mensch? Wohin entwickelt er sich? Wohin soll er sich entwickeln? Ist es sinnvoll, ihn verbessern zu wollen?“ Deshalb präge keine andere naturwissenschaftliche Theorie unsere Gesellschaft so stark. Und das Wort Evolution führt bereits ein Eigenleben: So heißen ein Kaugummi, ein Auto, eine Kuchenglasur.

Was Schwarz noch einmal zu den Gegnern zurückführt: „Die Lehre von der Evolution ist so präsent, dass sie sich nicht wegdiskutieren oder leugnen lässt.“

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