Europawahl 2019

Europawahl 2019 – Ein Gespräch zwischen Jung und Alt

Gerd Reichenbach und Theo Steinbach im Gespräch über Europa und die EU.

Gerd Reichenbach und Theo Steinbach im Gespräch über Europa und die EU.

Foto: Kai Kitschenberg

Hagen.   So denken Jung und Alt über Europa: Ein Gespräch über die Jugend in den 1960ern, Kritik an der EU und gemeinsame Ansichten über deren Zukunft.

Europa. Ein Wort, das für verschiedene Dinge stehen kann. Für den Kontinent. Oder für die Europäische Union mit ihren 28 Mitgliedsstaaten. Während die geografischen Gegebenheiten des Kontinents auch in Zukunft wohl konstant bleiben werden, verhält es sich mit der EU anders. Sie ist eine Idee, ein Projekt und eine Vereinbarung in einem; und steht aktuell auf dem Prüfstand.

Die Europawahl am Sonntag wird die wohl wichtigste in der Geschichte der Europäischen Union. Wir wollten wissen, was Menschen verschiedener Generationen über Europa heute denken und haben zum Gespräch zwischen Alt und Jung geladen: Gerd Reichenbach (70) aus Olpe und Theo Steinbach (16) aus Hagen diskutieren.

Theo, du bist im neuen Jahrtausend geboren. Herr Reichenbach, Sie sind Jahrgang 1949. Wie blicken Sie beide auf Europa? Was sind erste Erinnerungen und Berührungspunkte?

Theo Steinbach:Der erste Kontakt mit Europa waren die Familienurlaube in den Niederlanden und Griechenland. Über die Schule bin ich im Zuge eines Schüleraustauschs zwei Mal nach Frankreich gefahren. Das war eine tolle Erfahrung. In der 8. Klasse hatten wir die EU als Thema. Politikunterricht wird aber leider in der 10. Klasse nicht angeboten.

Gerd Reichenbach: Europa spielte in der Schule der 60er Jahre noch keine Rolle. Unser Geschichtsunterricht endete vor dem 1. Weltkrieg. Auch unsere Elterngeneration hat über die Zeit des Nationalsozialismus wenig gesprochen. Wir haben uns das alles im Grunde selbst beigebracht. 1965 bin ich über Freunde meiner Eltern mit meiner Schwester in ein französisches Dorf gekommen, südlich von Nancy. Mein erster Auslandsaufenthalt, aus dem lebenslange Freundschaften entstanden sind. Wir waren die ersten Deutschen, die in dem Dorf zu Gast waren. Wir wurden sehr herzlich und unvoreingenommen empfange

Was keine Selbstverständlichkeit in der damaligen Zeit war?

Reichenbach: Nein, 20 Jahre nach Kriegsende war es das nicht. Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, der zwei Jahre zuvor geschlossen wurde, war ein wichtiges Zeichen an Deutschland. Das war für uns sehr wichtig, denn durch die Versöhnung wurden wir ja wieder in die europäische Familie aufgenommen. Wenn wir früher daran dachten, dass wir Deutsche sind, fühlten wir uns eher schlecht, wir schämten uns. Nun merkten wir, dass wir wieder akzeptiert werden. Deswegen bin ich in meiner Jugend sowohl als Deutscher als auch Europäer groß geworden, das war für mich kein großer Unterschied. Das eine war die Voraussetzung für das andere.

Steinbach: Ich sehe mich als Europäer, so wie viele meiner Mitschüler auch. Für mich war es immer selbstverständlich, dass man in andere europäische Länder reisen kann und sich mit den Leuten versteht. Ich kenne das nicht anders.

Reichenbach: Dass du diese Selbstverständlichkeit empfindest ist ein schöner wie interessanter Aspekt, Theo. Meiner Meinung nach das Ergebnis des Zusammenwachsens von Europa. Durch das Schengenabkommen fielen in der Folge die Grenzen, heute kann man von Portugal bis ins Baltikum reisen, ohne einen Pass vorzeigen zu müssen. Das war ein unvorstellbarer Gedanke in meiner Kindheit. Sich frei in Europa bewegen zu können empfinde ich als riesigen Gewinn. Als 1989 die Mauer fiel und die Grenzen sich öffneten, war das für uns einfach ein irres Glücksgefühl, damit hat niemand gerechnet.

Und dennoch wird die EU auch kritisiert. Gibt es etwas, Theo, das dich stört?

Steinbach: Zunächst ist es einfach sehr schwer, die EU zu verstehen. Ich denke nicht nur für mich als jungen Menschen erscheint die Politik aus Brüssel oftmals sehr komplex.

Reichenbach: Das kann ich bestätigen. Es ist oft undurchschaubar.

Steinbach: Für die Verständlichkeit wäre mehr Transparenz sicherlich hilfreich. Ich halte das direkte Eingreifen in die nationale Politik beispielsweise als schwierig, das führt zu Verunsicherung zwischen den Ländern und Europa. Über die Beweggründe, warum so oder so entschieden wird, wird auch meiner Meinung nach wenig berichtet. Zudem wäre mehr Mitbestimmung der Jugend toll.

Beziehst du dich damit auf die anstehende Europawahl?

Steinbach: Ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum ich mit 16 Jahren von der Europawahl ausgeschlossen werde. Warum wird das Wahlalter nicht auf 16 gesenkt? Weil man in dem Alter noch keine Ahnung über Politik haben kann? Das halte ich für falsch. Durch die demographische Entwicklung ist es doch gerade wichtig, auch die Stimme der Jugend ausreichend repräsentiert zu haben.

Reichenbach: Da stimme ich dir zu. Zumal man ja unter anderem an den „Fridays for Future“-Protesten sieht, dass die Jugend politisch interessiert und aktiv ist.

Steinbach: Letztendlich möchten wir bei Entscheidungsprozessen mitwirken, deren Ausgang ja unsere Zukunft betreffen. Und da gehört die Europawahl ebenso dazu, wie auch die Bundestagswahl.

Reichenbach: Meine und deine Generation liegen gar nicht so weit auseinander in unseren Ansichten. Wir haben schon über Selbstverständlichkeiten gesprochen. Uns muss jedoch allen klar sein, dass wir auf dem sichersten und wohlhabendsten Fleck der Welt leben. Aber wir müssen alle etwas dafür tun, dass es so bleibt, denn das ist keine Selbstverständlichkeit. Deswegen ist es so wichtig, morgen zur Wahl zu gehen und für ein starkes Europa zu wählen.

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