Meschede

Ein Mönch zelebriert den Eurovision Song Contest

Ordensleben trifft auf Popkultur: Bruder Benedikt im Garten der Abtei Königsmünster in Meschede mit einem Bildband über den Eurovision Song Contest – zu sehen sind die Sieger von 1974, das schwedische Quartett Abba in seinen bunten Kostümen.

Ordensleben trifft auf Popkultur: Bruder Benedikt im Garten der Abtei Königsmünster in Meschede mit einem Bildband über den Eurovision Song Contest – zu sehen sind die Sieger von 1974, das schwedische Quartett Abba in seinen bunten Kostümen.

Foto: Bernd Thissen

Meschede.   Bruder Benedikt aus der Abtei Königsmünster gehörte zur nationalen Jury. Wie passt die Leidenschaft zur weltlichen Popmusik zum Klosterleben?

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Wenn um kurz nach Acht die Schlussandacht, die eigentlich den Abend an die Nacht übergibt, in der Klosterkirche vorüber ist, steht für Bruder Benedikt heute das Highlight des Tages noch aus. Der Benediktiner aus der Abtei Königsmünster in Meschede ist seit frühester Jugend ein leidenschaftlicher Fan des Eurovision Song Contest, gehörte in diesem Jahr beim deutschen Vorentscheid sogar zur Fan-Jury. Um 21 Uhr steigt heute Abend mit der Live-Übertragung des Musikwettbewerbs aus Tel Aviv, der Küstenstadt im heiligen Land, für Bruder Benedikt sozusagen das weltliche Hochamt des Jahres.

Wie passt die Freude am Wettstreit der weltlichen Musik zum geistlichen Leben eines Benediktiner-Mönchs? Für Br. Benedikt ist das jedenfalls kein Widerspruch. „Wir sind schließlich im 21. Jahrhundert angekommen und leben nicht hinterm Mond“, sagt er über den Alltag in der Abtei und wischt Bedenken beiseite: „Andere Brüder interessieren sich für Fußball, oder für Opern – und ich eben für den Eurovision Song Contest“.

Faktensicheraus dem Effeff

Br. Benedikt hat sein Büro in der „Oase“, dem Gästehaus der Abtei Königsmünster, schräg gegenüber der Klosterkirche. Der kleine Arbeitsraum ist übersichtlich. Nicht spartanisch, aber einfach eingerichtet. Ein Schreibtisch, ein kleiner Tisch mit drei Stühlen, viele Holzregale an den Wänden, darin einige CD’s, jede Menge Bücher. Über Glauben und geistliches Leben, über Erziehung – Bruder Benedikt ist Pädagoge – und eben den Eurovision Song Contest. Nachschlagewerke und Bildbände. Groß darin nachzublättern braucht Br. Benedikt allerdings nicht, wenn es um den Musikwettstreit geht. Dass die französisch-belgische Sängerin Lazlo Viktor 1987 den Wettbewerb moderierte („Das war die beste Moderation!“) oder dass die Mutter von Klima-Aktivistin Greta Thunberg, Malena Ernmann, 2009 in Moskau für Schweden ins Rennen um die europäische Musikkrone ging, weiß der Mönch faktensicher wie aus dem Effeff. Er referiert dabei nicht, er predigt nicht – er erzählt. Und schöpft aus einem anscheinend unermesslichen Wissen über die Veranstaltung.

Als Benedikt Müller aus Bad Arolsen im Jahr 2009, nach einer dreimonatigen Probephase, ins Kloster Königsmünster eintritt und Mönch im Orden des Heiligen Benedikt wird, ist er 36 Jahre alt, hat eine Erzieherausbildung absolviert, ist als Protestant übergetreten zur katholischen Kirche – und bringt seine Liebe zum Eurovision Song Contest mit ins Ordensleben.

„Den Auftritt von Lena Valaitis habe ich noch genau vor Augen“, blickt er auf die Anfänge seiner Leidenschaft zurück: 1981 sang Lena Valaitis in Dublin mit der Ballade vom blinden Jungen „Johnny Blue“ Deutschland auf den zweiten Platz. Benedikt, damals noch ein Kind, darf zumindest Deutschlands Beitrag noch im Fernsehen sehen, bevor er ins Bett muss. Ein Jahr später darf der Junge den gesamten Wettbewerb im Fernsehen verfolgen – und ist live vor der Mattscheibe dabei, als Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ eine Höchstwertung nach der anderen bekommt und Deutschland das Musikfestival, das damals noch Grand Prix Eurovision heißt, zum ersten Mal überhaupt gewinnt. Seitdem ist Benedikt Jahr für Jahr dabei.

„Das ist die europäischste Sendung, die es gibt“, sagt der Mönch über den Eurovision Song Contest: „Europa ist ein bunter, vielfältiger Kontinent und das spiegelt sich in dem Wettbewerb mit seinen Beiträgen wider.“ Und Benedikt blickt zurück in die Geschichte, auf die Anfänge der Veranstaltung, die bei der Premiere 1956 in Lugano in der Schweiz liegen, und stellt heraus: „Elf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg singen Vertreter europäischer Länder zusammen in einem friedlichen Wettbewerb.“

Der „Blaue Bock“ ist Vergangenheit

Dass die Vorgabe, in Landessprache zu singen, aufgegeben worden ist, bedauert Benedikt. Seine Leidenschaft für den Wettbewerb hat das indes nicht geschmälert. Auch die Kritik, dass die Bühnenshows der Teilnehmer, teils mit aufwändig produzierten Videoeinspielungen, die eigentliche Idee des Liederfestivals verschoben haben, teilt er nicht. „In den 70er-Jahren hat die Schweizer Gruppe ,Peter, Sue & Marc’ auf Gartengeräten gespielt. Seitdem hat sich das Fernsehen weiterentwickelt. Den ,Blauen Bock’ gibt es ja auch nicht mehr.“

Eine Verbindung zu seinen Aufgaben in der Jugendarbeit des Klosters gibt es mittlerweile auch: „Ich verarbeite Lieder aus dem Eurovision Song Contest in Andachten und Jugendgebeten, weil Gott oft in den Texten vorkommt. Außerdem klingen Sprachen wie Serbisch, Italienisch oder Hebräisch gut, sie haben etwas Mystisches“, berichtet Br. Benedikt. Den Jugendlichen scheint es zu gefallen.

Wenn das Schlussgebet im Tageslauf heute Abend verklungen ist, zelebriert Bruder Benedikt den Eurovision Song Contest 2019. „Auf Großleinwand“ wird die Übertragung aus Tel Aviv auf dem Klosterberg in Meschede geschaut, zusammen mit „Ex-Praktikanten, Teamern und einigen Mit-Brüdern“. Dazu gibt’s „Chips und ein Bierchen“.

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