Heimat-Serie: Zukunft

Heimat schön und gut – aber hat unsere Region eine Zukunft?

Fachwerkhäuser in Eversberg.

Fachwerkhäuser in Eversberg.

Siegen.   Wichtiger als das Fachwerkhaus ist fürs Heimatgefühl die Möglichkeit, die Umgebung mitgestalten zu können, sagt eine Architektur-Professorin.

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Die Siegener Architektur-Professorin Hildegard Schröteler-von Brandt war in der Vorbereitung der Regionale 2013 als Botschafterin der südwestfälischen Dörfer eine Mittlerin zwischen der Universität und der Region und hat sich immer wieder mit Fragen der Dorfentwicklung in Zeiten des demografischen Wandels beschäftigt.

Warum, glauben Sie, hat das Thema Heimat, heute eine solche Konjunktur, dass die schwarz-gelbe Landesregierung sogar ein Ministerium dafür geschaffen hat?

Hildegard Schröteler-von Brandt: Die Suche nach Identität war den Menschen immer wichtig. Dass die Politik den Begriff wieder benutzt, hat wohl damit zu tun, dass er sich erholt hat vom Blut-und-Boden-Geruch der Nazizeit. Vielleicht braucht es manchmal eine Generation, um wieder einen unverkrampften Zugang zu gewinnen.

Zwischen unverkrampftem Umgang und einer Beschwörung an allen Medienfronten besteht allerdings schon ein Unterschied ...

Klar. Die Welt öffnet sich, Einflüsse von außen dringen in den letzten Winkel, deshalb soll ein Gefühl der Heimat bewahrt werden. Aber interessant ist, dass ein Magazin wie „Landlust“ vor allem in den Städten gekauft wird. Dort kann man eine heile, ländliche Welt beschwören. Die Landbevölkerung selbst hat einen realistischeren Blick. Das Bedürfnis nach Überschaubarkeit existiert allerdings auch in den Städten, wo die Quartiere mehr Bedeutung gewinnen.

Was braucht es zur Heimat?

Eine Wohnung und eine Arbeitsstelle. Das ist die Grundvoraussetzung. Danach zählen der Kindergarten und die Grundschule, die medizinische Versorgung und die Einkaufsmöglichkeiten, das kulturelle Angebot und so weiter.

Aber wo bleibt dabei das Gefühl?

Identität entsteht durch Teilhabe, durch die Möglichkeit zur Mitgestaltung. So verortet und verwurzelt man sich. Das kann politisches Engagement sein, die Arbeit im Verein, die Mitgliedschaft in der Schulpflegschaft, das Mitsingen im Chor. Man muss mit dem Ort zu tun haben, sich sozial betätigen. Dann kann er Heimat werden.

Heimat ist demnach nicht nur da, wo man geboren wird?

Für manche mag das so sein. Aber es gibt auch Heimat auf Zeit oder Menschen mit mehreren Heimaten. Ich selbst habe meinen Hauptwohnsitz in Aachen. Das ist meine Heimat. Aber nach 20 Jahren an der Universität Siegen ist Südwestfalen auch eine Heimat für mich geworden. Es geht um ein Gefühl der Verbundenheit.

Und das kann ich prinzipiell überall empfinden?

Die Menschen sind verschieden. Die einen brauchen die Berge oder das Meer oder überhaupt die Natur, die anderen eine städtische Umgebung, um sich wohlzufühlen.

Welche Rolle spielt dabei die Architektur?

Es muss nicht das Fachwerkhaus sein. Das allein schafft keine Heimat. Aber in neuen Ein-Familienhaus-Siedlungen, die alle gleich aussehen, fällt es schwerer, Verbundenheit zu empfinden als in einer Dorfmitte mit ortsbildprägenden Altbauten. Die haben etwas Besonderes.

Es wurden zu viele Neubaugebiete ausgewiesen?

Man war zu lange auf Wachstum ausgerichtet und nicht auf Schrumpfung. Die Ortskerne zu stärken, kann aber auch nicht heißen, jedes Gebäude zu erhalten. Manchmal muss man auch etwas abreißen und mehr Luft schaffen. Die Städte und auch die Architekten müssen aber noch mehr tun, um den Umbau von Altbauten zu unterstützen und gute Beispiele für den Umgang mit dem Bestand zeigen.

Gefährdet der demografische Wandel die Heimat?

Ein Bevölkerungsrückgang von zehn Prozent bringt uns auf den Stand der 1950er/60er Jahre. Da hat es ja auch funktioniert. Allerdings haben sich die Ansprüche geändert. Deshalb müssen die Orte zusammenarbeiten, um die sozialen Angebote aufrecht zu erhalten. Dafür war die Regionale übrigens gut: als Motor, gemeinsam etwas anzugehen, voneinander zu lernen, mehr zusammenzufinden.

Sie sind optimistisch?

Die Digitalisierung wird viele Möglichkeiten schaffen. Wenn die Menschen nicht mehr jeden Tag weit zu Arbeit fahren müssen, kann wieder mehr Leben in die Dörfer kommen. Aber eine Chance auf eine gute Zukunft haben nur die Dörfer, die sich jetzt auf den Weg machen.

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