Wer schrieb Ingrid Linke?

Dirk Linke sucht mit Liebesbriefen nach seiner Mutter

„Die hat sie in der Hand gehabt“: Der Soester Dirk Linke sucht mit alten Liebesbriefen nach Hinweisen zu seiner verstorbenen Mutter.

„Die hat sie in der Hand gehabt“: Der Soester Dirk Linke sucht mit alten Liebesbriefen nach Hinweisen zu seiner verstorbenen Mutter.

Foto: Lars Fröhlich

Soest.   Seine Mutter starb, als er drei Jahre alt war. Nun will Dirk Linke endlich wissen, wer sie war. Dafür startete er einen Aufruf bei Facebook.

Der Gedanke ist nicht gut, aber er kommt urplötzlich daher. Dirk Linke kann sich gar nicht dagegen wehren. Neulich erst, als er auf dem Dach einer Kirche zu tun hatte. „Jetzt nimmst du dir das Leben“, denkt er dann, „und siehst sie im Himmel.“ Gemeint ist: seine Mutter, gestorben 1967, als sie 23 Jahre alt war und er drei. „Die Frage, wer sie war, hat mich mein ganzes Leben lang bewegt.“

Es ist ein Leben, das sich für ihn anfühlt, als hätte man ihn damit allein gelassen. 55 Jahre alt ist er, Dachdecker von Beruf, aber so richtig weiß er nicht, wo er eigentlich hingehört. Und vor allem, wo er herkommt. „Sie hat mich auf diese Welt gesetzt, aber ich habe keine Stimme von ihr im Ohr, ich weiß nicht, wie sie riecht oder wie sich ihre Haut anfühlt“, sagt er.

Die Eltern sind nicht die Eltern

Das Datum ihres Todes hat sich Dirk Linke – zweimal verheiratet, zweimal geschieden, zwei Kinder – im vergangenen Jahr unter das rechte Ohr auf den Hals tätowieren lassen: 22.8.1967. In Köln wurde sie tot aufgefunden. Dirk Linke sagt, er habe bei der Gerichtsmedizin in Köln um Akteneinsicht gebeten. Hinter dem Wort Suizid hätten dort Fragezeichen gestanden.

Ein Bild von ihr hängt in seiner Wohnung. Es ist das Bild, das damals bei den Großeltern, bei denen er aufwuchs, im Schlafzimmer hing. Als er mit 16 Jahren fragte, wer das eigentlich sei, sagten sie ihm: deine Mutter. Erst seitdem weiß er, dass die, die er für seine Eltern hielt, nicht seine Eltern sind. Seine Welt stürzt damals ins Leere. Er suchte Halt, suchte Antworten. Aber niemand, so sagt er, wollte oder konnte sie ihm geben. Den Vater lernt er erst mit 18 kennen, eine schwierige Beziehung. Und egal wen er in der Familie fragt, antwortet ihm: Lass die Vergangenheit ruhen! Reiß keine alten Wunden auf!

Aber was ist mit seinen Wunden? Wenn das Hufeisen morgens an seinem Schlüsselbund fehlte, dann wusste er, dass er es hinter dem Grabstein wiederfinden würde. Dann wusste er wenigstens am nächsten Tag noch, dass er nachts dort war. „Früher habe ich mich oft ans Grab gesetzt, geheult und mich besoffen.“ Das mit dem Trinken war ein Problem. Seit zwölf Jahren, einem Monat und fünf Tagen ist er zum Zeitpunkt des Gesprächs trocken. Keine Sekunde muss er überlegen. Damals versprach er seinem heute 19-jährigen Sohn, dass er das Zeug nicht mehr anrühren werde. Die Erinnerung daran gibt ihm Kraft, wenn sie aus seinem Körper zu weichen droht. 1997 überlebte er einen Suizidversuch.

Die Oma erzählte ihm mal, dass die Mutter Frank Sinatra mochte. Und Winnetou. Hört er heute die Musik, steigen ihm die Tränen in die Augen. Von der Oma hat er auch eine Kiste vermacht bekommen mit Erinnerungsstücken: zwei Bilder von der Mutter, das Hochzeitskleid, Elvis-Platten und Briefe aus den 1960er Jahren. Briefe von Verwandten, Freunden. Liebschaften vielleicht? Wolfgang aus Dortmund ist der eine, Gerhard aus Münsingen bei Reutlingen der andere. Letzterer ist Skispringer gewesen. Linke veröffentlichte die Briefe vor einigen Wochen bei Facebook in der Hoffnung, dass sich jemand meldet, der seine Mutter kannte. Über jede Kleinigkeit würde er sich freuen, sagt er. Je mehr Puzzlestücke, desto besser. Er reibt die Briefe zwischen Zeigefinger und Daumen. „Die hat sie in der Hand gehabt“, sagt er ungläubig. „Es quält mich, nicht zu wissen, wo ich hingehöre.“

Gespräch am Grab

Regelmäßig steht er bei seiner Mutter in Neheim am Grab. Die Besuche, sagt er, trösten ihn, sie beschweren ihn nicht. Er stellt sich vor, dass sie einfach friedlich da liegt und ein Sonnenbad nimmt. Dann fragt er sie, warum sie ihn alleingelassen hat. Nicht vorwurfsvoll, sondern nur trauernd.

30 Meter weiter, sagt er, sei eine Bank. Dort setzt er sich hin, raucht eine Zigarette. Manchmal hat er auch einen bunten Luftballon dabei, den er aus einem Laden mitnimmt, der keine Luftballons verkauft, sondern nur welche für Kinder bereit hält. Er weiß das. Aber Dirk Linke ist ja ein Kind, das seine Mutter vermisst.

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