Wirtschaft

Darum ist eine Westfälische Wirtschaftsinitiative wichtig

Der neue Oberbürgermeister möchte Dortmund und die Region Westfalen vernetzen und dadurch wirtschaftlich stärken.

Der neue Oberbürgermeister möchte Dortmund und die Region Westfalen vernetzen und dadurch wirtschaftlich stärken.

Dortmund/Olpe.  Dortmund und Südwestfalen wollen sich stärker vernetzen. Im Interview erklärt der Dortmunder Oberbürgermeister Thomas Westphal die Pläne.

Dortmund blickt nach Osten. Die Ruhrgebietsmetropole und Südwestfalen wollen sich stärker vernetzen. Motto: Gemeinsam sind wir stärker. Darüber haben wir mit dem Dortmunder Oberbürgermeister Thomas Westphal gesprochen.

Sie schlagen eine Westfälische Wirtschaftsinitiative zwischen Dortmund und Südwestfalen vor. Warum?

Thomas Westphal: Zwischen den beiden Wirtschaftsräumen besteht schon seit Jahren eine enge Beziehung. Jetzt aber ändert sich die Qualität: Beide stehen vor der Herausforderung, die digitale Transformation zu meistern. Das schaffen wir gemeinsam besser.

In welcher Hinsicht?

Südwestfalen ist bestückt mit zahlreichen Hidden Champions, mit traditionsreichen, sehr erfolgreichen Industrieunternehmen, die häufig mittelständisch geprägt sind. Dortmund kann viele Angebote aus Wissenschaft, digitaler Kultur und einer lebendigen Start-up-Szene beisteuern. Hier sitzt zum Beispiel das Fraunhofer-Institut für Logistik, das führend ist bei der Entwicklung von Produktionsabläufen.

An der Technischen Universität gibt es den Sonderforschungsbereich für Maschinelles Lernen. Wenn wir die Kooperation vertiefen, entstehen Vorteile für beide Seiten. Die Unternehmen haben allerorten Probleme, an ihren Standorten junge Talente für die digitale Transformation zu finden. Auch in diesem Punkt passen die beiden Wirtschaftsräume gut zusammen, sie ergänzen sich wunderbar.

Kulturlandschaft und Dienstleistungen werden immer wichtiger

Konkurrenzdenken befürchten Sie nicht?

Nein, denn zwischen beiden Regionen besteht keine unmittelbare Wettbewerbssituation. Dortmund ist schon lange nicht mehr der klassische Industriestandort; Dienstleistungen und unsere einmalige Kulturlandlandschaft spielen eine immer größere Rolle. Das sollten wir nicht beweinen, sondern einsehen, dass wir eine neue Funktion übernommen haben. Und um es ganz klar zu sagen: Es geht bei der Initiative nicht um Standortverlagerungen, sondern um die Erweiterung von Netzwerken und digitale Lösungsprozesse. Niemandem wird am Ende etwas weggenommen; der Kuchen wird größer.

Nennen Sie doch bitte mal ein Beispiel für eine konkrete Kooperation.

Wir haben schon vor Jahren eine digitale Werkbank entwickelt. Das ist ein Denkraum, in den wir Unternehmen aus Südwestfalen und anderen Regionen eingeladen haben, um über die Digitalisierung zu sprechen. Wir stellen auf Wunsch den Kontakt zu Beratern oder Netzwerkarchitekten her. Modelle wie dieses sind unsere Chance, nicht gegen das große Geld in Berlin den Anschluss zu verlieren. Dort werden Start-ups mit Mitteln von Investoren aus aller Welt gefördert. Unsere Stärke liegt in der Vernetzung.

Sie sind Sozialdemokrat; in Südwestfalen sind viele Rathäuser und Landkreise schwarz. Sehen Sie ein Problem?

Nein, diese Zeiten sind vorbei. Jeder Kollege versteht sein Amt so, dass es seine Aufgabe ist, das Beste für seine Stadt und seine Region zu erreichen. Gemeinsam sind wir stärker und sichtbarer.

Zusammenarbeit in fünf Themenfeldern

Ganz konkret: Wie wollen Sie die Wirtschaftsinitiative Westfalen nun vorantreiben?

Wir haben fünf Themenfelder identifiziert, in denen wir die Zusammenarbeit vertiefen und verstetigen wollen. Zunächst wollen wir die organisatorische Vernetzung vorantreiben. Ein nächstes Ziel ist eine gemeinsame Geschäftsstelle. Im zweiten Feld rücken wir das Thema Fachkräfte und Arbeitsmarkt in den Blickpunkt. Welche Bedürfnisse haben wir und wie können wir sie befriedigen? Wie fördern wir die Arbeitsmobilität? Wo planen wir Co-Working-Spaces und Plattformen der Zusammenarbeit? Im dritten Bereich geht es um die konkrete Verknüpfung von IT-Kompetenzen. Mehrere Unternehmen könnten sich etwa in einer Initiative zur Entwicklung der Künstlichen Intelligenz zusammenschließen.

Das vierte Feld behandelt die Auswirkungen von Corona. Südwestfalen ist mit seinen zahlreichen Automobilzulieferern stärker betroffen als Dortmund. Gemeinsames Ziel muss es sein, nach der Pandemie schnell wieder in ein Wachstumsmodell zu kommen. Bereich fünf betrifft die Infrastruktur. Wir in Dortmund sind es gewohnt, die Verkehrsbeziehungen im Ruhrgebiet zu thematisieren. Aber die Pendlerströme laufen zunehmen auch nach Süd- und Ostwestfalen. Dafür brauchen wir Lösungen.

Und wer ist „Wir“?

Die Stadt Dortmund und ihre Wirtschaftsförderung, die Industrie- und Handelskammern in beiden Regionen, die Bezirksregierung und die Südwestfalen-Agentur. Bisher ist die Resonanz auf den Vorstoß sehr positiv. Beide Seiten sehen das enorme Potenzial. Ich möchte meine Kollegen Bürgermeister und die Landräte aus Südwestfalen im ersten Halbjahr 2021 zu einem Treffen einladen. Das könnte eine Initialzündung sein.

Blicken Sie doch bitte mal in die Zukunft: Was kann die Initiative bewirken?

Dass in ein paar Jahren sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Zahl der Arbeitsplätze in beiden Regionen gestiegen sein werden. Vielleicht können wir irgendwann mal sagen: Die stärkste Industrieregion Deutschlands, das sind wir.

Regionalflughäfen in Westfalen

Den drei Regionalflughäfen in Westfalen geht es schlecht, vor allem seit Corona. Das Passagieraufkommen ist eingebrochen, die Einnahmen schwinden. Auch in diesem Bereich strebt Oberbürgermeister Thomas Westphal mehr Kooperation an, um die Kosten zu senken.

Ihr Vorstoß, die Zusammenarbeit zwischen Dortmund, Münster und Paderborn auszubauen, ist an den beiden anderen Standorten nicht auf Begeisterung gestoßen, oder?

Thomas Westphal: Das würde ich so nicht sagen. Ein eindeutiges Nein habe ich jedenfalls nicht vernommen. Vielmehr wünschen sich Münster und Paderborn noch mehr Informationen. Das holen wir bald nach. Dafür müssen wir uns an einen Tisch setzen. Es gibt gute Beispiele für eine funktionierende Kooperation bei Flughäfen, etwa zwischen Dresden und Leipzig.

Wo sehen Sie in diesem Fall Synergieeffekte?

Zum Beispiel beim gemeinsamen Anwerben von Fluglinien. Oder bei einem gemeinsamen Angebot von Nachtflügen. Die könnte Paderborn abwickeln und ein Konzept für einen Shuttle-Service nach Dortmund erstellen. Am Ende müssen sich die Gesellschafter der drei Flughäfen fragen, wie nachhaltig ihr angelegtes Geld eingesetzt wird. Die Einnahmen schwinden. Das muss man drehen.

Wie geht es weiter? Suchen Sie den Kontakt zu den anderen Gesellschaftern?

Ja sicher. Aus meiner Sicht sollten wir bis zum Sommer hier einen deutlichen Schritt weiter sein. ​

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