Theater

Bremer Stadtmusikanten im Apollo Siegen: Berührend lustig

Der Esel hat genug von den Schikanen der Müllerin (Julia Ziehme): Szene aus „Die Bremer Stadtmusikanten“ mit (von links) Carola Günther (Katze), Johannes Fast (Esel), Gerrit Schwan (Hund) und Andreas Kunz (Hahn).

Der Esel hat genug von den Schikanen der Müllerin (Julia Ziehme): Szene aus „Die Bremer Stadtmusikanten“ mit (von links) Carola Günther (Katze), Johannes Fast (Esel), Gerrit Schwan (Hund) und Andreas Kunz (Hahn).

Foto: Leslav Januszewski / Apollo

Siegen.  Schräg und laut: Werner Hahn erzählt am Apollo Siegen „Die Bremer Stadtmusikanten“ als spannende Geschichte einer Emanzipation. Ein Probenbesuch.

Wohin mit den Alten, Nutzlosen und Ausgedienten? Esel und Hund, Katze und Hahn wollen nicht zum Abdecker. Sie suchen nach einem neuen Leben. Regisseur Werner Hahn verwandelt die „Bremer Stadtmusikanten“ der Brüder Grimm jetzt in das Weihnachtsmärchen des Apollo-Theaters Siegen. Kann man eine Fabel über alte Tiere heute einem Familienpublikum zeigen? Der Leiter des Jungen Apollo findet unbedingt: Ja. Denn es geht ihm um Respekt zwischen den Generationen. Und darum, dass man seine Defizite und Einschränkungen feststellt, dann aber trotzdem weitermacht. Das ist eine Botschaft auch für die jungen Besucher. Wir haben eine Probe besucht, gespielt wird ab dem 12. Dezember.

Von der Macht der Träume

Die Katze ist einäugig und braucht ein Hörrohr. Der Hahn sitzt mit seiner Glitzerhose im Rollstuhl. Der Hund bringt schon viel durcheinander. Und der Esel ist fleißig, aber schweigsam, doch als die Müllerin ihn wieder einmal quält, reicht es ihm. „Etwas Besseres als den Tod findest Du überall.“

Werner Hahn und sein großartiges Ensemble erzählen eine Geschichte von der Macht der Träume. Eigentlich vertrauten Charakteren ungewöhnliche Züge zu entlocken, das ist eine Spezialität des bekannten Theatermannes Werner Hahn, der in Hagen die Junge Bühne Lutz zu einem vielfach preisgekrönten Pionierprojekt ausgebaut hat, bevor er nach Siegen ans Apollo wechselte. Und so haben sie alle etwas Besonderes, die abgehalfterten Tiere. Die Katze kennt viele schöne Sprichwörter. Der Hund ist ein guter Freund. Andreas Kunz als Hahn ist natürlich ein Tenor und will aus den heimatlosen Tieren eine erfolgreiche Band machen. Und der Esel gibt die Richtung vor: Immer der Nase nach.

Mit wenigen Mitteln Theatermagie erzeugen

„Die Bremer Stadtmusikanten“ erleben ihre Abenteuer in einer Bühne, die mit wenigen Mitteln Theatermagie erzeugt. Wald, Wirtshaus, Mühle, Räuberhöhle und Hühnerhof werden mit Versatzstücken angedeutet, die stets als Kulissen erkennbar bleiben und doch Bilder von großer Sprachmacht bewirken. Das ist spannend und lustig, traurig und berührend zugleich. Die Stadtmusikanten erleben eine Entwicklung, sie sind ängstlich, verunsichert, auch deprimiert, sie sind nervig. Und doch lernen sie, dass sie in der Gemeinschaft von Freunden besser zurecht kommen als alleine und dass es ganz in Ordnung ist, Angst zu haben, wenn man sich davon nicht klein machen lässt. Dieser emanzipatorische, ja utopische Ansatz prägt das Schaffen von Werner Hahn.

Katze Carola Günther wird aus dem sicheren Haus gejagt. Aber zukünftig braucht sie wenigstens keine Mäuse mehr zu fressen; sie ist Vegetarierin. Esel Johannes Fast muss mit dem sensationellsten Märchen-Kostüm weit und breit zurecht kommen: ein Orthopäde hat die Beinschienen mit den Hufen angefertigt. „Anfangs haben wir das so gebaut, dass man mich stützen muss. In der dritten Woche hatte ich mich daran gewöhnt, auf zwei Eselsbeinen zu stehen.“

Für mehrere Solisten sind die „Bremer Stadtmusikanten“ eine besonders fröhliche Erfahrung. Denn sie haben als Schulmusikstudierende bereits vor einigen Jahren in der Operette „Im weißen Rößl“ am Apollo mit Werner Hahn zusammengearbeitet. Für Julia Ziehme aus Brachbach (Räuberhauptfrau) und Gerrit Schwan aus Bad Berleburg-Schüllar (Hund) war das die Initialzündung, selbst eine Künstlerlaufbahn zu ergreifen. Gerrit Schwan studiert inzwischen in Augsburg bei Prof. Dominik Wortig, Julia Ziehme in Aachen. „Wieder auf dieser Bühne zu stehen, das ist ein bisschen, wie nach Hause zu kommen“, sagt Julia.

Zauberhafte Musik mit großen Bögen und vielen Farben

Pascal Hahn hat eine zauberhafte Musik mit großen Bögen und vielen Farben für „Die Bremer Stadtmusikanten“ komponiert, die als eigenständige emotionale Erzählebene funktioniert. Wegen des Corona-Virus kann keine Band auf der Bühne spielen, die Klänge kommen vom Band. Aber das Ensemble singt die flotten und besinnlichen Lieder live, und das gehört zum Charme der Inszenierung. „Die singen in echt, hört man dann aus dem Publikum, dieses Begreifen, dass es jetzt gerade wirklich passiert und nicht aus der Konserve kommt“, beschreibt Räuberjunge Torben Föllmer die Bedeutung des Singens.

„Was macht das Leben gerade mit uns? Wir sind doch ganz normale Haustiere“, fragt die Katze. Es ist kalt, bald wird es schneien, und die Tiere haben kein Dach über dem Kopf. Dann trauen sie es sich zu, die Räuber aus der Räuberhöhle zu verjagen. Ob sie dort bleiben? Ob sie doch noch nach Bremen zum Großen Stadtmusikanten-Wettstreit reisen? Das ist eigentlich egal. Denn die vier Freunde wissen jetzt, dass sie nicht weise und leise sein wollen, sondern laut und schräg – und ein bisschen lieb.

>> INFO: Termine und Karten

  • Die Bremer Stadtmusikanten sind im Apollo-Theater Siegen ab Samstag, 12. Dezember, zu sehen.
  • Karten und Informationen über aktuelle Corona-Regeln unter 0271/770277-20 oder www.apollosiegen.de
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben