Blutrache-Prozess

Gescheiterte Ehe führte offenbar zu Familien-Fehde

So ändern sich die Zeiten: Beim Prozess in Bielefeld wurde der angeklagte Moussa Y. noch von einem Wachtmeister in den Gerichtssaal geführt. Damals wurde er freigesprochen. Also betritt er derzeit den Verhandlungssaal im Landgericht Dortmund ohne behördlicher Begleitung als freier Mann.

So ändern sich die Zeiten: Beim Prozess in Bielefeld wurde der angeklagte Moussa Y. noch von einem Wachtmeister in den Gerichtssaal geführt. Damals wurde er freigesprochen. Also betritt er derzeit den Verhandlungssaal im Landgericht Dortmund ohne behördlicher Begleitung als freier Mann.

Foto: Marcus Simaitis/dpa

Dortmund/Arnsberg.   Der Mordversuch auf ein libanesisches Familienoberhaupt aus Arnsberg wird vor dem Landgericht Dortmund neu aufgerollt.

Es ist von Blutrache und Ehrenmord die Rede, von einer Fehde zweier libanesischer Clans – der Familie C. aus Arnsberg und der Familie S. aus Gladbeck. Der Fall beschäftigt seit Jahren unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen Gerichte – derzeit das Landgericht Dortmund. Denn es geht gefährlich zu zwischen den Familien.

Im Juni 2011 wurde der 32 Jahre alte Ibrahim Y. aus dem Gladbecker Clan auf einer Hochzeitsfeier in Bottrop von den Brüdern Chalid und Bilal C. aus dem Sauerland erstochen. Das Landgericht Essen verurteilte die beiden Täter zu lebenslangen Haftstrafen. Auf ihren Vater wurde im Februar 2012 in Bielefeld eine lebensgefährliche Messerattacke verübt.

Bundesgerichtshof hebt Urteil auf

Jetzt, sieben Jahre nach der Bluttat in Bielefeld, wird nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs der Fall vor dem Dortmunder Schwurgericht neu aufgerollt. Der Vater von Ibrahim Y., Mohammad S. (63), muss sich wegen Anstiftung zum Mord verantworten – dessen Sohn Moussa Y. (38) wegen Mordversuchs. Die Angeklagten aus Gladbeck sollen, so Gerichtssprecher Thomas Jungkamp, „um den Tod ihres Sohnes bzw. Bruders zu rächen, im Rahmen einer Selbstjustiz versucht haben, den Geschädigten durch Messerstiche zu töten“. Das Opfer aus Arnsberg (damals 63), das seinerzeit im offenen Vollzug war, hatte die Messerstiche nur nach einer Notoperation überlebt.

Hintergrund der Fehde zwischen den beiden libanesischen Familien war offenbar die gescheiterte Ehe des Arnsbergers Chalid C. mit Jehan S. aus Gladbeck, der Schwester des 2011 ermordeten Ibrahim S. Im Mordprozess vor dem Landgericht Essen wurde bekannt, dass die Frau ihren Mann verlassen hatte und ihr vom Amtsgericht Arnsberg das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen worden war. Deshalb sollte offenbar einer ihrer Brüder sterben.

Waffenstillstand möglich

Das Landgericht Bielefeld hatte im März 2014 den jetzt in Dortmund angeklagten Mohammad S. zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt und Sohn Moussa freigesprochen. Liest man Berichte von dem Prozess und der Verhandlung vor dem Landgericht Essen, bei dem es um den Mord bei der Hochzeit in Bottrop ging, musste man für das aktuelle Dortmunder Strafverfahren mit dem Schlimmsten rechnen. Beschrieben wurden eine explosive Stimmung auf den Besucherplätzen, verbale und körperliche Scharmützel zwischen Mitgliedern der verfeindeten Familien auf den Gerichtsfluren sowie ein Großaufgebot der Polizei. Landgerichte als Fort Knox sozusagen.

Und jetzt in Dortmund? „Bislang ist alles völlig harmlos verlaufen“, sagt Gerichtssprecher Jungkamp. Eine Gefährdungseinschätzung der Behörden habe ergeben, dass zu den „ohnehin hohen Sicherheitsvorkehrungen an deutschen Gerichten“ keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden mussten. Womöglich, so ein Prozessbeobachter, haben sich die beiden einst bis aufs Blut verfeindeten Familienclans versöhnt oder eine Art Waffenstillstand geschlossen.

Verfahren laufen getrennt

Ein Beispiel aus einem der ersten Verhandlungstage: Waren die Besucherplätze in Essen und Bielefeld oft überfüllt, herrscht im Dortmunder Landgericht, Saal 129, gähnende Leere. Von den hinteren Plätzen verfolgen eine Mitarbeiterin eines Prozessbeteiligten, ein mutmaßlicher Freund des angeklagten Moussa Y. und ein Journalist die Verhandlung. Ein Wachtmeister ist nicht zu sehen. Das Schwurgericht hat mittlerweile die Verfahren gegen Vater und Sohn voneinander getrennt, weil aus Sicht des Gerichts die Gefahr besteht, dass Mohammad S. nach einer Operation auf unbestimmte Zeit nicht verhandlungsfähig ist. Dem widerspricht Verteidiger Dr. Ulrich Busch vehement.

Der Jurist aus Ratingen hat sich bundesweit als Wahlverteidiger des 2011 vom Landgericht München als Kriegsverbrecher verurteilten John Demjanjuk einen Namen gemacht. Seinerzeit soll er mehr als 20 Befangenheitsanträge gegen die Richter gestellt haben. Auch im Dortmunder Landgericht rügt er die Richterbank wegen „Ermessensüberschreitung“ und „unrechtmäßiger Abtrennung beider Verfahren“ als befangen – und stellt einen entsprechenden Antrag. „Es ist ein Fall engster Verzahnungen“, sagt Busch und begründet damit, warum die Verfahren ausgesetzt werden müssten und nicht abgetrennt werden dürfen. Zumal die Prognose gut sei, dass Mohammad S. „nach einer erfolgreichen Behandlung sehr wahrscheinlich verhandlungsfähig ist“. Der Befangenheitsantrag wird abgelehnt.

44 Verhandlungstage

Das Dortmunder Schwurgericht hat 44 Verhandlungstage bis Januar 2020 angesetzt. Dass die juristische Aufarbeitung schwierig wird, zeigen auch zwei Zeugenaussagen an einem der ersten Verhandlungstage. Eine der beiden Frauen, die sich im Februar 2012 in der Bielefelder Bahnhofstraße – dem Ort der Messerattacke – aufhielt, entschuldigt sich, dass sie sich „nach so langer Zeit nicht so gut“ an das Geschehen erinnere. Die andere kann nur vage von ihren Beobachtungen berichten. Konfrontiert mit damaligen Aussagen bei der Polizei, sagt sie: „Wenn ich es so gesagt habe, wird es wohl so gewesen sein.“

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