Ermittlungen

Amokfahrt in Münster: Staatsanwalt entlastet Behörden

Ein Schild mit der Aufschrift "Warum?" steht wenige Tage nach der Amokfahrt in Münster inmitten von Blumen und Kerzen vor dem Restaurant "Grosser Kiepenkerl".

Ein Schild mit der Aufschrift "Warum?" steht wenige Tage nach der Amokfahrt in Münster inmitten von Blumen und Kerzen vor dem Restaurant "Grosser Kiepenkerl".

Foto: Ina Fassbender / dpa

Hagen/Münster.  Rund 18 Monate nach der Amokfahrt in Münster liegt der Abschlussbericht der Polizei vor. Die Staatsanwaltschaft sieht kein Behördenversagen.

Die 17 Aktenordner liegen seit wenigen Tagen bei der Staatsanwaltschaft in Münster. 17 Aktenordner, in denen die Begleitumstände einer Tat aufgeklärt werden, die bundesweit für Aufsehen und Trauer sorgte. Am 7. April 2018 raste ein Mann mit seinem Kleinbus über den Gehweg hinein in den Außenbereich des Lokals Kiepenkerl in der Münsteraner Innenstadt.

Vier Menschen starben, 20 wurden zum Teil schwer verletzt. Der Täter richtete die Waffe danach gegen sich selbst. 17 Aktenordner, die die Tat und den Täter zu erklären versuchen. 17 Aktenordner, in denen auch der Frage nachgegangen wird, ob der 48-Jährige aus Brilon früher hätte gestoppt werden können. Nach dem Abschluss der polizeilichen Ermittlungen steht der Fall – vorbehaltlich der Bewertung der Staatsanwaltschaft – jedoch kurz davor, zu den Akten gelegt zu werden.

Amokfahrt von Münster: Abschlussbericht der Polizei liegt vor

Die Ermittlungen zeichnen das Bild eines Mannes, dessen Gefahr für die Allgemeinheit nicht zu erkennen gewesen sei. Jens R. war ein durchaus erfolgreicher Industrie-Designer, er besaß mehrere Autos und drei Wohnungen, in Münster, Pirna und Heidenau. Doch eine gewisse psychische Labilität setzte offenbar spätestens mit nachlassendem beruflichem Erfolg und einer verunglückten Operation am Rücken ein. Die Beziehung zu den Eltern war offenbar nachhaltig gestört.

Ob eine psychische Erkrankung vorliege, stehe nach wie vor nicht fest, heißt es nun von Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt. „Eine diesbezügliche fachärztliche Diagnose liegt nicht vor. Es ist auch nicht bekannt, dass sich der Täter wegen einer möglichen psychischen Erkrankung überhaupt hat behandeln lassen. Die Ermittlungsbehörden gehen aber von einer zumindest zeitweisen und tatrelevanten psychischen Labilität des Täters aus“, sagt Botzenhardt.

Jens R. verschickte mehrseite Schreiben an Bekannte

Wenige Tage vor seiner Tat hatte Jens R. ein 60-seitiges Schreiben aufgesetzt, das er Weggefährten sowie Verwandten zukommen ließ und das rückblickend als eine Art Abschiedsbrief gedeutet werden konnte. 25 Empfänger dieses oder ähnlicher Schreiben, Mitteilungen und Nachrichten sind der Polizei bekannt.

Einer der Empfänger, der ein vierseitiges Exemplar erhalten hatte, schöpfte damals Verdacht und leitete das Schreiben weiter. Die Polizei suchte die Wohnungen von Jens R. auf, doch der war in keiner anzutreffen. Nachbarn hatten ihn längere Zeit schon nicht mehr gesehen. Für weitere Schritte der Polizei fehlte die Grundlage. Die Stadt Münster aber teilte mit, dass der Mann in der Zeit auch Kontakt zum Gesundheitsamt gehabt habe.

Keine Ankündigung der Tat

Diese Botschaften, sagt Botzenhardt, „enthalten gerade keine ausdrückliche Ankündigung einer Selbsttötung. Zudem ergeben sich aus diesen Schreiben keine Anhaltspunkte für ein fremdaggressives Verhalten oder Hinweise auf die Planung bzw. Vorbereitung einer Amokfahrt“. Auch die umfassende Auswertung zahlreicher elektronischer Speichermedien habe keine Hinweise auf die Planung der Tat enthalten. „Ein strafrechtlich relevantes Versäumnis von Behörden ist nicht ansatzweise zu erkennen“, sagt Botzenhardt.

Jens R. handelte, das besagen die Ermittlungsergebnisse der Polizei, allein. „Andere Personen waren an der Tat nicht beteiligt. Es gibt auch keine Erkenntnisse zu möglichen Mitwissern im Vorfeld der Tat“, sagt Oberstaatsanwalt Botzenhardt. Hinweise auf religiöse, politisch-motivierte oder anders geartete extremistische Motive lägen zudem nicht vor.

Weg der Waffe weiterhin unbekannt

Fraglich bleibt, wie Jens R. an die Waffe kam, mit der er sich nach seiner Amokfahrt erschoss. Nach Erkenntnissen der Polizei handelte es sich um eine serbische Waffe. Woher genau sie stammt und wie der Täter, der keinen Waffenschein besaß, in ihren Besitz gelangte, bleibt ungeklärt. Sicher ist nur: „Mit dieser Waffe ist zuvor im Bundesgebiet keine Straftat begangen worden“, so Botzenhardt. In der Rückenlehne und in der Sitzfläche des Kleinbusses fand die Polizei Einschusslöcher vor. „Die Frage, zu welchem Zeitpunkt und vor welchem Hintergrund die Projektile in der Rückenlehne und der Sitzfläche der Rücksitzbank gelangt sind, ist unklar. Sie stammen aus der Tatwaffe.“

Bei der Durchsuchung der Wohnung des Täters sei zudem, anders als bisweilen berichtet, keine Sprengfalle und auch keine Vorbereitung dazu vorgefunden worden. „Nach Bewertung der Experten des Landeskriminalamtes hätten einzelne Materialien zum Bau von Sprengsätzen grundsätzlich geeignet sein können“, sagt Botzenhardt. Unter anderem waren Gasflaschen und Kanister mit Kraftstoff beziehungsweise Bioethanol vorgefunden worden.

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