Trickbetrug

Enkeltrick: Perfides Spiel mit der Hilfsbereitschaft

Der ältere Herr hat sich am Telefon ein Gespräch aufzwingen lassen und gibt auch noch seine Kreditkartennummer weiter.

Foto: Getty Images

Der ältere Herr hat sich am Telefon ein Gespräch aufzwingen lassen und gibt auch noch seine Kreditkartennummer weiter. Foto: Getty Images

Hagen.   Der Enkeltrick wird seit über zwanzig Jahren bei Senioren angewandt. Die Zahl der Betrugsfälle mit falschen Polizeibeamten nimmt deutlich zu.

Emma Hagen (Name von der Redaktion geändert) ist zunehmend aufgeregt am Telefon. Ihre Stimme überschlägt sich, schließlich ist ihr vermeintlicher Enkelsohn am anderen Ende der Leitung in großer Not. „Wenn Du mir helfen möchtest, musst Du alles machen, was ich Dir sage“, wird die anfangs freundliche männliche Stimme im Laufe des Gesprächs immer bestimmter.

Emma Hagen lässt sich mit dem Taxi zu einer Filiale ihres Geldinstituts fahren, hebt von Konto und Sparbuch fast 60 000 Euro ab („Du darfst aber auf der Bank nicht sagen, wofür Du das Geld brauchst“) und gibt anschließend in ihrer Wohnung das sauer Ersparte einem „Boten“ des vermeintlichen Enkels. Erst später dämmert ihr, dass sie betrogen wurde. Sie wurde Opfer des sogenannten Enkeltricks.

Den Enkeltrick kennen die Polizeidienststellen im Land seit mehr als 20 Jahren. Immer wieder wurde das Betrugsdelikt in den Medien thematisiert – und doch fallen nach wie vor ältere Menschen auf die Masche herein. Warum? Thomas Roth vom Kommissariat Kriminalprävention/Opferschutz der Hagener Polizei hat eine Erklärung: Gerade in der Generation 80plus sei Hilfsbereitschaft extrem ausgeprägt. „Meine Oma sagte immer: ,Junge, wenn wir uns nicht gegenseitig im Krieg und danach geholfen hätten, wären wir zugrunde gegangen.’“

Häufig komme den Tätern auch die soziale Isolation von Senioren entgegen: „Ältere Menschen freuen sich über jedes Telefonat, ins­besondere persönliche Kontakte zu Familienmitgliedern sind willkommen.

Überregionale Tätergruppen

Nach Erkenntnissen der Polizei sind es überwiegend überregionale Tätergruppen, die mit dem Enkeltrick offenbar lukrative Geschäfte machen. Die Anrufe kommen häufig von Callcentern im Ausland. Die Betrüger kommen an die Telefonnummern ihrer Opfer, so Kriminalhauptkommissar Roth, über einen legalen Datenhandel (CD’s mit Telefonauskünften), oder sie nutzen Datensätze, die auf illegale Weise erworben wurden. „Gezielt werden Menschen mit älteren Vornamen angerufen.“

Während es in den vergangenen Jahren bei den Fallzahlen keine größeren Veränderungen gab, steigt die Zahl der Betrugsdelikte mit falschen Polizeibeamten derzeit deutlich an. „Polizeibeamte sind bei Senioren noch Respektspersonen“, sagt Roth, „daher schöpfen diese eher selten Verdacht.“ Auch wenn sie ein Anruf der vermeintlichen Polizei mit der Information erreicht, dass man bei einer festgenommenen Einbrecherbande einen Zettel mit ihrem Namen gefunden habe – und man daher einen Polizeibeamten oder Rechtsanwalt vorbeischicke, der Wertsachen abhole und an einen sicheren Ort bringe. „Seien Sie misstrauisch“, rät Roth, „die Polizei kommt nie vorbei und holt Geld oder Wertsachen zur Aufbewahrung ab.“

Bei dieser Masche wird das sogenannte Call-ID-Spoofing genutzt. Ein technisches Hilfsmittel sorgt dafür, dass auf dem Telefon-Display des Angerufenen die 110 erscheint.

Wenn Menschen Opfer eines Betruges werden, ist dies ein einschneidendes Erlebnis – gerade bei Senioren. „Häufig wird ein Vermeidungsverhalten ausgelöst“, so Roth. Man gehe nicht mehr alleine aus dem Haus, ziehe sich in die Isolation zurück, entwickele ein extremes Misstrauen und erkranke an Angststörungen. „In vielen Fällen traut das Opfer sich aus Scham nicht, sich seinen Angehörigen zu offenbaren.“ Man verheimliche das Ereignis auch, weil andere die Zurechnungsfähigkeit in Frage stellen könnten. Roth: „Das hat zur Folge, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist.“

Vermeintliche Gewinne

Der Enkeltrick ist nicht die einzige Masche, mit der ältere Menschen abgezockt werden. „Beliebt“ bei Betrügern sind auch Gewinnbenachrichtigungen: „Es wird angegeben“, erklärt der Kriminalhauptkommissar, „dass man erst mit einem gewissen Eigenbetrag in Vorleistung gehen muss, um einen hohen Gewinn einzustreichen.“ Dieser Betrag werde dann per Lastschriftverfahren eingezogen - und nie wieder zurücküberwiesen.

Täter geben sich auch gerne an Haustüren als Mitarbeiter von Finanzämtern oder Energieversorgern aus. Thomas Roth nennt Beispiele: Eine Person erklärt, sie „müsse nach einem vermeintlichen Rohrbruch nachschauen, ob aus den Hähnen braunes Wasser kommt. Oder eine junge Dame mit Kind bittet um ein Glas Wasser, damit sie Medikamente nehmen kann. In der Zeit entwendet eine weitere Person, die sich unbemerkt Zugang in die Wohnung verschafft hat, Wertgegenstände.“

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